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VW Jetta: Jetta Neustart mit Deutschland-Zuschlag

Eigentlich ist der neue Jetta eine ausgesprochen schicke, kompakte Limousine - mit dem Zeug zum Sportler. In Deutschland hängt ihm aber der Ruf des "Rucksackgolfs" an. Der selbsbewusste Preis steht einem Neuanfang im Wege.

Einst bekam der VW Golf ein "Gepäckabteil" angelötet – fertig war die Limousine. Entsprechend improvisiert sahen die frühen Ausgaben des Jetta auch aus. Der Jetta sei - auch in der Designabteilung - ein eher ungeliebtes Kind gewesen, räumt VW-Vorstand Ulrich Hackenberg auf der europäischen Fahrpremiere in Nizza des umgetauften Kompaktklässlers freimütig ein. Volkswagen will die missglückten Anfänge hinter sich lassen. Es gibt nur ein kleines Problem: Der Kunde hat ein Elefantengedächtnis. Das Image des Jettas in Deutschland ist daher denkbar schlecht

Dort, wo die Akzeptanz fürs Stufenheck nicht erst in der gehobenen Mittelklasse beginnt, hat der Jetta dagegen eine Erfolgsgeschichte geschrieben. In den USA etwa, wo er mit mehr als 100.000 Neuzulassungen pro Jahr die Verkaufshitliste der VW-Modelle anführt und das erfolgreichste europäische Importauto ist, in Asien oder in den osteuropäischen Ländern. Weltweit wurde der Jetta rund 9,6 Millionen Mal verkauft.

Qualitätsversion für Europa

In den USA und in China sehen die Wolfsburger den Hauptmarkt des kleinen Passat. Dennoch wollen es die Wolfsburger Strategen mit dem Jetta auch in Europa noch einmal versuchen. Für die verwöhnten Kunden hierzulande gibt es einen hochwertig ausgekleideten Innenraum, eine sportliche und komfortable Mehrlenker-Hinterachse und moderne Dieselmotoren.

Mit einer um neun Zentimeter gewachsenen Länge von 4,64 Metern passt der Jetta genau in die Lücke von Golf (4,20 Meter) und Passat (4,77 Meter). Wer den Limousinenlook bevorzugt, kann am Jetta durchaus Gefallen finden. Auch innen gibt es nun ein eigenständiges Design - soweit es die konzernweit in alle Modelle verbauten Kleinteile aus dem VW-Regal zulassen.

Dank des Radstandes von 2,65 Metern bietet der Jetta gut Platz für vier, zur Not für fünf Passagiere. Hat es sich vorne nicht gerade ein Sitzriese bequem gemacht, reicht die Kniefreiheit hinten auch für lange Strecken. Ohnehin sollte man auf der Rückbank nicht größer als 1,80 Meter sein, sonst wird es arg knapp mit der Kopffreiheit. Die Sitze sind bequem, geben ausreichenden Körperhalt und sind weit einstellbar. Nach Art des Hauses kommt das Armaturenbrett aufgeräumt und übersichtlich daher, vor dem Fahrer liegen gut einsehbar und ohne ablenkenden Schnörkel die Kombiinstrumente. Der Kofferraum im Heck fasst 510 Liter und ist damit deutlich größer als beim Golf (350 Liter) und etwas kleiner als beim großen Bruder Passat (565 Liter). Beim Golf allerdings lässt sich der Laderaum durch das Umklappen der hinteren Sitze auf bis zu 1305 Liter erweitern.

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Motoren für die Vernünftigen

Unter der Motorhaube gibt es zunächst einen Benziner und einen Diesel zur Auswahl, jeweils alternativ auch als verbrauchsoptimierte BlueMotion-Version. Der 1,2 Liter TSI-Benziner wird per Abgasturbolader auf eine Leistung von 77 kW/105 PS gedrückt, die bei 5000 Umdrehungen pro Minute anliegen. Aus den vier Brennkammern lässt sich ab 1550 Touren ein maximales Drehmoment von 175 Nm kitzeln. Mit einem Potenzial von 10,9 Sekunden für den Spurt von 0 auf 100 km/h ist der TSI-Jetta kein Sportler. In der Bredouille fühlt man sich auch beim Überholen oder auf Steigungsstrecken allerdings nicht - die Leistung reicht eigentlich immer aus. Ein paar Minuspunkte handelt sich der TSI-Motor dadurch ein, dass er rauer läuft als der im Übrigen gleichstarke Diesel und etwas lauter.

Der Commonrail-Diesel hat serienmäßig ein Partikelfilter, kommt bei 1,6 Litern Hubraum ebenfalls auf 77 kW/105 PS, liefert aber ein deutlich kräftigeres Drehmoment von bis zu 250 Nm, das ab 1500 U/min. anliegt. Für eine bessere Beschleunigungsleistung sorgt das allerdings nicht: Der Diesel braucht für den Spurt auf 100 km/h mit 11,7 Sekunden fast eine Sekunde länger als der Benziner. Oben ist bei dem Selbstzünder ebenfalls bei 190 km/h Schluss. Der Diesel läuft ruhig, leise und ist akustisch kaum noch als Nagler wahrnehmbar, sobald er erst einmal warm gefahren ist. In den jeweils rund 400 Euro teureren BlueMotion Versionen des TSI-Benziners und des TDI-Diesel sorgen eine unauffällig arbeitende Start-Stopp-Automatik und ein System zur Rückgewinnung von Bremsenergie (Rekuperation) für einen 0,3 bis 0,4 Liter geringeren Normverbrauch. In Zahlen ausgedrückt: Der TSI braucht offiziell 5,7 Liter Super (BlueMotion: 5,3 Liter), der Diesel begnügt sich laut Normrechnung mit 4,5 Liter (BlueMotion: 4,2 Liter).

Preis ist wenig verlockend

Fahren lässt sich der neue Jetta komfortabel und problemlos. Das gut abgestimmte und abgefederte Fahrwerk hält ihn auch auf Kurvenstrecken zuverlässig in der Spur. Bei der Insassensicherheit hat VW dem Jetta einiges über dem üblichen Standard mitgegeben. So misst zum Beispiel eine neue Sensorik genauer als bisher die Umgebung und löst gegebenenfalls die Airbags differenzierter aus.

Mit einem Grundpreis von 20.900 Euro für den 1.2 TSI und von 23.075 Euro für den 1.6 TDI ist der VW Jetta alles andere als ein Schnäppchen und deutlich teurer als zum Beispiel die US-Version des TSI, die ab 15.995 Dollar (12.000 Euro) zu haben ist. Ein Erfolg wird der Jetta so vermutlich nicht. Der Preisabstand zum Chevrolet Cruze (ab 14.990 Euro) und dem Octavia von Škoda (ab 15.190 Euro) wird kühle Rechner abschrecken. Für sportliche Käufer gibt es Angebote wie die GTI-Modelle von Polo und Golf, die von keinem Rentnerimage belastet sind. Es bleibt die altbekannte Jetta-Kundschaft: ältere Fahrer, denen der Passat zu groß oder zu teuer geworden ist.

Kra/Press-Inform

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