GESPERRT! Spritkosten GESPERRT! Ungeliebte Sparmeister


Sie tanken Gas oder Ethanol und reduzieren die Spritkosten deutlich. Doch selbst in Zeiten superteuren Benzins bleiben diese Autos Exoten. Was schreckt die Käufer ab?
Von Peter Weyer

Nein, kein Irrtum. Volltanken nach 265 Kilometern für schlappe 14,40 Euro. Oder für rund 40 Liter Sprit nur 28 Euro an der Kasse lassen. Nein, nicht für geheimnisvolle Wunderautos oder kastrierte Öko-Verzichtskisten, die unterwegs von Nordic-Walkern überholt werden. Autos mit solch extrem günstiger Bilanz an der Zapfsäule sehen auch nicht aus wie aufgemotzte Einkaufswagen oder Mondfähren.

Nein, sie sehen aus wie stinknormale Kompaktautos oder biedere Familienkutschen. Und fahren auch so. Aber unterm Blech sind es mobile Sparbüchsen. Denn sie rollen mit Gas oder fast reinem Alkohol (Ethanol) und verballern dabei bestenfalls weniger als die Hälfte der üblichen Treibstoffkosten für Benziner oder Diesel, die täglich ihren Rekord vom Vortag übertreffen.

In Deutschland Exoten

Eigentlich müssten die Knauser-Modelle heiß begehrte Bestseller sein. Tatsächlich aber sind Autos mit alternativen Energieträgern im Tank in Deutschland Exoten. Derzeit kurven hierzulande nur rund 230.000 damit herum, davon 162 000 mit Autogas (LPG), der Rest vor allem mit Erdgas (CNG). Zusammen kommen sie nur auf ein halbes Prozent aller in Flensburg gemeldeten Personenwagen.

Warum? Ist der tatsächliche Spareffekt unterm Strich mickriger, als die Treibstoffpreise vorgaukeln? Verzichten Sparfüchse und Ökos verschreckt, weil sie Angst vor Gas im Auto haben? Weil sie fürchten, an der Tanke in die Luft zu fliegen?

Der stern wollte es wissen und schickte für etliche Wochen eine besondere Testflotte auf Tour: die beiden Flüssiggas-Autos Kia Pro Ceed 2.0 und Subaru Forester 2.0, die beiden Erdgas-Fahrzeuge Mercedes E 200 NGT und VW Touran 1.8 Ecofuel sowie den Ethanol-Volvo V50 1.8 F. Am Steuer saßen jeweils neugierige Redakteure. Gleiche Bedingungen für alle: keine Ahnung von Alternativautos, und die erste Betankung sollte möglichst ohne fremde Hilfe erledigt werden.

Das klappte selten. Anfängerpech erwischte fast alle. Auslandsredakteur Marc Goergen konnte der Zapfsäule zunächst keinen einzigen Tropfen Flüssiggas abringen. Er schraubte zwar die Flüssiggas-Zapfpistole richtig drauf, hielt aber anschließend nicht den Startknopf gedrückt. Aber ohne den läuft nichts. Also: Rüssel wieder vom Einfüllstutzen abschrauben, ab an die Kasse, von dort die Anlage wieder freischalten lassen, Rüssel wieder draufschrauben. Alles auf Anfang.

Altmodische Treibstoffpreise

Redakteure und Gelegenheitstester, die mit Erdgas unterwegs waren, kamen besser klar. Selbst wenn sie ansonsten eher mit den Tücken von Texten als von Technik vertraut sind. Wie etwa Arne Daniels. "Den eigenwilligen Schlauch mit dem zweiten Stutzen unter der Tankklappe verbinden, Knopf drücken, fertig. Unter theatralischem Seufzen und Stöhnen, Gurgeln und Zischeln füllen sich die Gasflaschen im Autoheck. Schlauch wieder entriegeln und einen altmodisch geringen Betrag an der Kasse zahlen. Das war's."

Für Wissenschaftsredakteur Christoph Koch ist die Sache "einfach idiotensicher. Wenn die Verbindung nicht dicht ist, fließt auch kein Gas". Trotzdem fühlte er sich genervt, weil er in einem monovalenten Auto mit nur einer winzigen Benzinreserve unterwegs war. "Die knappe Reichweite ist ein klarer Stressfaktor. Eine planerische Herausforderung, die es selbst in der Sportfliegerei so krass nicht gibt." Koch bringt auf den Punkt, was alle Tester bemäkelten: die geringe Reichweite und das dünne Netz der alternativen Zapfstellen. "Denn", so Infografik- Redakteurin Klaudia Thal, "selbst die sorgfältigste Routenplanung geht mitunter schief. Wenn das Gas dann alle ist, suche ich nicht nachts um halb drei in Bielefeld am Schlachthof nach einer Erdgas-Tanke. Dann muss eben wieder Super her."

Das trifft sogar Flüssiggas-Fahrer, die über ein deutlich dichteres Versorgungsnetz verfügen können. Zusätzlich haben sie gegen weitere Tücken zu kämpfen. In eine nervige Anfängerfalle tappte etwa Jochen Murken aus der stern-Dokumentation. Er glaubte, der Hebel in der Zapfpistole, der sich bei Benzin oder Diesel mühelos automatisch einklicken lässt, sei defekt. War er aber nicht. Flüssiggaspistolen brauchen zum Arretieren so viel Kraft, dass Leute, die nicht Gerüstbauer oder Eisenbieger sind, die zweite Hand zu Hilfe nehmen müssen.

Trotz derlei Macken locken Gas- und Ethanol-Exoten mit verführerisch günstigen Treibstoffpreisen. Weil die Nachfrage steigt, legen auch die Hersteller jetzt nach. Fast alle deutschen Autobauer sowie die wichtigsten Anbieter im EU-Ausland offerieren inzwischen bereits ab Werk verschiedene Fahrzeuge als Alternative zu den konventionellen Spritschluckern. Die Extrakosten bei der Neuanschaffung oder für die Nachrüstung unterscheiden sich allerdings je nach Kraftstoffart erheblich: Mit Aufpreisen ab 250 Euro sind Ethanol-Autos bei Weitem am günstigsten, Autogas-Versionen (LPG) sind mit etwa 2500 Euro deutlich teurer als vergleichbare Modelle mit herkömmlichen Motoren, und Erdgasautos (CNG) kosten sogar um 3500 Euro mehr.

Hochrechnung zu Kosten und Nutzen

Ebenfalls stark unterschiedlich sind die Preise an den Zapfsäulen. Der direkte Kostenvergleich wird allerdings durch zwei Besonderheiten erschwert: Erstens wird Erdgas nicht in Litern, sondern nach Kilogramm getankt und berechnet, zweitens haben Gas- und Ethanol-Autos wegen der unterschiedlichen Energiedichte deut- liche Mehr- oder Minderverbräuche gegenüber vergleichbaren Benzinern. Erst eine Hochrechnung zu Kosten und Nutzen über mehrere Jahre macht die Systeme vergleichbar. Allerdings stimmt die Bilanz nur dann, wenn ausschließlich Alternatives in den Tank kommt und nicht zwischendurch Benzin gezapft wird.

Die harte Beispielrechnung* des stern dämpft die Sparfreude deutlich:
-Werden Mehrkosten bei der Anschaffung oder für den Umbau der Autos hinzugerechnet, dann spart nach dem ersten Jahr lediglich der Ethanol-Fahrer - allerdings nur knapp 198 Euro.
-Autogas-Fans müssen über drei Jahre oder gut 50.000 Kilometer fahren, um die Baukosten wieder reinzubekommen.
-Erdgas-Fahrer brauchen dafür sogar etwa drei Jahre oder rund 56 000 Kilometer. Diesel-Tanker benötigen bei den derzeitigen Preisen noch länger, nämlich rund 68 000 Kilometer oder fast vier Jahre.

Anders sieht es beim Vergleich der reinen Treibstoffkosten ohne Berechnung der Umbau-Investitionen aus. Dabei verschiebt sich das Bild deutlich zugunsten des Erdgases. So sehen die Zahlen für Spritkosten je 100 Kilometer aus (in Klammern: Ersparnis gegenüber Superbenzin):
• Autogas 8,07 (4,89) Euro;
• Erdgas 6,70 (6,26) Euro;
• Diesel 10,77 (2,19) Euro.

Bei einer leicht überdurchschnittlichen Jahresfahrleistung von 18 000 Kilometern sind folgende Summen für die reinen Kraftstoffkosten fällig:
• Autogas 1452 (880) Euro;
• Erdgas 1206 (1127) Euro;
• Diesel 1939 (394) Euro.

Fazit: Für Autogas muss zwar an der Zapfsäule mehr bezahlt werden als für Erdgas, dies rechnet sich aber trotzdem noch für Fahrer mit durchschnittlicher Jahresfahrleistung. Grund sind die geringeren Umbaukosten. Wer weit mehr abspult als 18.000 Kilometer und sein Auto länger als vier Jahre behält, fährt auf Dauer mit Erdgas deutlich günstiger. Der niedrige Spritpreis schont zwar die Haushaltskasse, aber nicht immer die Nerven. Reiseredakteurin Birgit Knop erwischte bei ihrer Tankpremiere den falschen Adapter für den Einfüllstutzen, und der klemmende Rüssel prustete zischend eine kleine Gaswolke in die Luft. "Das ist mir nicht geheuer, da lasse ich die Finger von", sagt sie verschreckt.

*Berechnungsgrundlage: Gemittelte Kraftstoffpreise für Hamburg, Stand Ende April 2008: Superbenzin 1,44 Euro/Liter; Autogas 0,68 Euro/Liter; Erdgas 0,90 Euro/Kilogramm (entspricht 1,5 Liter Superbenzin); Diesel 1,38 Euro/Liter; Ethanol 0,97 Euro/ Liter. Jahresfahrleistung 18.000 Kilometer; 9l/100 km Superbenzin Durchschnittsverbrauch; gemittelter Mehrverbrauch Autogas 15 Prozent, Ethanol 20 Prozent; gemittelter Minderverbrauch Erdgas 30 Prozent; pauschalierter Benzinverbrauch beim Start der Gasautos 0,2 Liter.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker