VG-Wort Pixel

Angebliche Toyota-Pannenserie James Sikes zum Idiotentest!


Angeblich haben in seinem Toyota die Bremsen versagt, so dass James Sikes aus Kalifornien in hohem Tempo über die Interstate donnerte. Inzwischen wissen wir: Das Problem saß hinterm Lenkrad, und Mr. Sikes ist alles andere als glaubwürdig.
Von Harald Kaiser

Neulich in der Massenhysterie. Wer im Frühjahr in den USA Toyota fuhr, muss sich wie ein Aussätziger gefühlt haben. Tausende Fahrer anderer Marken umkurvten die Sonderlinge großräumig in der Hoffnung, dass so dem Erreger "pedalus klemmus" nicht der Sprung in die eigene Bordelektronik gelingt. Diese mikroskopische Bestie stand im Ruf, auch Nicht-Toyotas blitzartig an Klemmgas erkranken und genau so unbeabsichtigt losbrettern zu lassen und Unheil zu stiften.

James Sikes ist das passiert. Angeblich. Wie kein anderer ist er das Gesicht der Toyota-Affäre. Der 61-jährige Immobilienmakler aus dem Raum San Diego meldete im März bei voller Fahrt via Notruf, dass sein Toyota Prius zum irren Mustang mutiert sei und sich nicht mehr einfangen lasse.

Per "Horrofahrt" zum Medienstar

Kaum, dass er das mitgeteilt hatte, wurde er zum landesweiten Medienstar. Fernsehteams waren auf der Interstate 8 an seinen Prius herangeprescht oder schwebten im Hubschrauber über ihm und filmten seine Bändigungsversuche. Nichts ging. Angeblich erst mit einem beherzten Tritt auf die Feststellbremse (die den Wagen eigentlich beim Parken arretieren soll!) habe die lebensgefährliche Chose schließlich gestoppt werden können.

Danach zeigte er sich vor den Medien völlig fertig und glücklich, dass er den Horrortrip überlebt hat. Aber auch großherzig. Dem stern (Heft 12/1020) sagte er, dass er Toyota nicht verklagen will, sondern dass es ihm darauf ankommt, dass der Fehler behoben wird. Es gehe ihm um die Allgemeinheit.

Wer wollte Toyota schaden?

Schöner Ansatz. Doch inzwischen stehen nicht mehr die Autos im Mittelpunkt der Affäre, sondern die Fahrer. Denn, unfreundlich formuliert, hat die USA heute etwa 3000 Deppen mehr. So viele Fahrer beklagten sich bei der US-Verkehrssicherheitsbehörde wegen angeblich irre gewordener Toyotas, die plötzlich mit Vollgas los wetzten oder deren Bremskraft sich verflüchtigt hatte. Und genau diesen Leuten wurde jüngst über die US-Medien mitgeteilt, dass sie nach einer vorläufigen Untersuchung dieser Behörde keine zwei Pedale eines Toyotas fehlerfrei bedienen können und schlicht Gas mit Bremse verwechselt haben. Vielleicht sollte sich nun Toyota generös zeigen und im Aufpreiskatalog speziell für die USA ein drittes Bein anbieten, um den hochkomplexen Wechselschritt im Fußraum ohne Verknotungen hin zu bekommen.

Und wie der letzte Teil eines Puzzles passt es ins Gesamtbild des hysterischen wirtschaftpolitischen Geschehens vor fünf Monaten jenseits des Atlantiks, dass sich neben Banken- und Finanzkrise genau in der Zeit auch General Motors und Chrysler infolge krassen Missmanagements im Morast der Insolvenz festgefahren hatten. Nur mit Steuermilliarden konnten sie inzwischen wieder einigermaßen flott gemacht werden. Hatten womöglich bestimmte Kreise ein überlebenswichtiges Interesse daran, Toyota derartig heftig an die Karre zu fahren, damit die Firma nicht vom Niedergang der einheimischen Autobauer profitiert?

Hochverschuldeter Swingerclub-Betreiber

Eine merkwürdige Parallele ist auch, dass Mister Sikes exakt in der Phase uneigennützig gehandelt haben will. Einer - so wird auf einer bekannten Auto-Webseite (www.jalopnik.com) kolportiert - der noch im März bei den Banken mit einem sechsstelligen Dollarbetrag in der Kreide gestanden haben soll. Was der Kerl, der nach Angaben derselben Webseite auch einen Swingerclub betreibt, mit seiner Aktion im Schilde führte, ist mysteriös. Schon kurz nach seinem vermeintlichen Horrortrip gab es Grund für die Annahme, dass etwas oberfaul sein muss. Experten der Verkehrssicherheitsbehörde hatten nämlich festgestellt, dass die Bremsen am Prius von James Sikes einwandfrei funktionieren und dass er während der angeblichen Irrfahrt auch nie voll gebremst hat.

90 Sammelklagen von angeblichen Opfern sind noch anhängig. Die Verkäufe beginnen sich gerade wieder zu erholen. Toyota hat 16,4 Millionen Dollar Strafe für angeblich verzögerte Informationspolitik bezahlt. Überweist Uncle Sam nun das Geld zurück? Verklagt Toyota Mister Sikes? Aber noch nicht einmal bei Wikipedia steht, dass jemals einem Nackten etwas aus der Tasche gezogen worden ist.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker