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Golf-VII-Premiere in Berlin: Big Bang für den Klassenprimus

Nummer Sieben lebt. Nach langem Versteckspiel lüftet VW endlich das Geheimnis um den neuen Golf. Der Wolfsburger bleibt seinen Werten treu. Selbst beim Preis.

Von Michael Specht, Berlin

Neue Autos gibt es viele. Aber längst nicht jedes erhält in der Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit wie der Golf. Kein Wunder, Deutschland berühmtestes Auto wird 38, fährt derzeit in sechster Generation und rollte bislang mehr als 29 Millionen Mal vom Band. Und nun Generation Nummer sieben. Natürlich besser, edler, sicherer, komfortabler, leichter, hochwertiger und sparsamer. Schlimm, wenn es nicht so wäre. Doch wie sieht er aus, der Neue? Das konnte VW bislang perfekt geheim halten.

Am Computer retuschierte Erlkönigfotos geisterten ja bereits seit Monaten durch die Medien. Wirklich enttarnt erwischt hat den Wolfsburger Bestseller jedoch niemand. Auch werksintern war alles abgeschottet. Seit Anfang August wird der neue Golf produziert – und sofort versteckt. Nichts durfte nach außen sickern. Auch als vor zwei Wochen VWs PR-Strategen einigen Motorjournalisten schon mal kurz einen Blick ins Cockpit werfen ließen, um zu zeigen, welch Qualität im Golf steckt, der Rest des Demonstrationsautos war komplett verhüllt. Kein Quadratzentimeter Blech, nicht einmal ein Seitenspiegel lugte unter dem grauen Tuch hervor.

Big Bang in Berlin

Nun endlich der Big Bang. Gestern Abend, 21:55 Uhr. Tatort: Berlins Neue Nationalgalerie, ein architektonisch kühler wie schlichter Bau, entworfen von Mies van der Rohe. Das Gebäude soll ein bisschen zum reduzierten Design des neuen Golf passen, heißt es bei VW. Doch bevor der Star des Abends seine Show bekommt, lässt VW vor rund tausend geladenen Gästen, darunter Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und VDA-Präsident Matthias Wissmann, die sechs Vorgänger-Generationen – alle in Metallic-Silber – auf die Bühne fahren, musikalisch begleitet von "The Race" der Gruppe "Yellow". Dann künstliche Nebelschwaden und lauten Rhythmen. Konzern-Boss Martin Winterkorn persönlich fährt das "globale Phänomen", wie er den Golf VII nennt, aufs Podest. Beifall, Blitzlichtgewitter, strahlende Gesichter. Das Übliche.

Optisch bietet der neue Golf zunächst wenig Überraschendes. Erst der zweiten Blick entlarvt die Details. Front, Grill und Scheinwerfer sind schärfer gezeichnet, die Karosseriekanten profilierter, das Heck geradliniger, das Dach fällt hinten stärker ab, die Keilform ist passé, die Kotflügel sind wuchtiger, die C-Säule als Markenzeichen breiter, die Gesamtproportionen um wenige Zentimeter verschoben. Dennoch: Der Golf ist sofort wieder als Golf zu erkennen, selbst ohne VW-Emblem. Gut so, sagen die einen. Langweilig, die anderen. "Dieses Auto darf Kunden nicht verschrecken, es muss seinen typischen und zeitlosen Charakter behalten", verteidigt der Designchef der Marke Volkswagen, Klaus Bischoff, das neue Styling.

Verkehrssünder benutzen verbotenerweise den Standstreifen.

Mit dem Baukasten MQB spart VW Milliarden

Umso größer ist der Sprung unter dem Blech. Winterkorn will den Golf endgültig zum unangreifbaren Klassenprimus machen. Gegenüber dem Vorgänger, der lediglich eine technische und optische Weiterentwicklung war, begann man bei der siebten Generation mit einem weißen Blatt Papier. Der Grund hierfür heißt MQB, eine Abkürzung, die in Wolfsburg vermutlich mittlerweile jedes Schulkind kennt. MQB steht für Modularer Querbaukasten. Auf dieser teils genormten Chassis-Architektur sollen zukünftig bis zu 40 verschiedene Konzernmodelle stehen, von Seat, Skoda, Audi und eben Volkswagen. Die Vorteile sind einleuchtend: weniger Teilevielfalt, weniger Kosten, günstigere Produktion. Alles zusammen spart Milliarden.

Antriebspalette so groß wie nie

Der MQB hat den neuen Golf auch um bis zu 100 Kilo leichter werden lassen. Eine respektable Diät bei verbesserter Sicherheit und gestiegenem Komfort. "Und dies ohne Einsatz von teuren Materialien wie Aluminium, Magnesium oder gar Karbon", sagt Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, "wir sind sogar 22 Kilo leichter als der leichteste Wettbewerber." Zugute kommt der Leichtbau der Agilität und dem Verbrauch. Letzterer ist der Umweltorganisation Greenpeace zwar noch immer zu hoch – verlangt werden 2,9 l/100 km –, doch 3,8 Liter und in der BlueMotion-Version 3,2 Liter sind für den 110 PS starken Diesel dennoch Klassenbestwert. Bei den Benzinern soll der neue 1,4-Liter-TSI mit 140 PS und Zylinderabschaltung gar 23 Prozent sparsamer sein und nur noch 4,8 Liter benötigen. Quer über alle Motoren nennt VW eine Einsparung von 14 Prozent. Vorerst bleibt es bei der Vierzylinder-Palette. Für nächstes Jahr steht ein neu entwickelter Dreizylinder-Benziner auf dem Programm. Außerdem folgen Turbo-Erdgasantrieb (CNG), Plug-in-Hybrid und eine reine Elektroversion. Sportlich Ambitionierte dürfen sich auf den Kult-Golf GTI (220 PS) und den Golf R (290 PS) freuen. Damit wäre das Antriebsportfolio des Golf, den es ab Marktstart Anfang November sofort als Zwei- und Viertürer geben wird, so umfangreich wie nie zuvor.

Cockpit besitzt Premium-Niveau

Welch hohe Ansprüche VW in Sachen Qualität hegt, zeigt einmal mehr der Innenraum des Golf. Verarbeitung und Materialanmutung liegen weit über dem üblichen Klassenstandard. Fugen, Anschlüsse, Radien, Nähte, alles passt auf den zehntel Millimeter genau. "Wir haben hier nochmals einen großen Sprung in der Wertigkeit gemacht", sagt Designchef Klaus Bischoff. Das Cockpit zeigt sich mit klassischen, sauber gezeichneten Rundinstrumenten sowie der deutlich zum Fahrer hin orientierten Mittelkonsole klar und funktional und "ist bar jeglichen Firlefanz" (Bischoff). Golf-Fahrer fühlen sich sofort zu Hause, Neueinsteiger kommen intuitiv zurecht. Erstmals verfügt jeder Golf über einen Touchscreen, je nach Ausstattungsversion zwischen fünf und acht Zoll groß. Auf einen Dreh-Drücksteller wie im Audi A3 verzichtete man bei VW. Schon bei der Basis ist ein Radio integriert. Funktionen wie Navigation oder Telefon können individuell erweitert werden. Der herkömmliche Handbremshebel wurde durch eine elektronische Parkbremse ersetzt, was mehr Platz für Ablagen schafft. Stolz sind die Interieur-Designer zudem auf die weiße Ausleuchtung nicht nur der Instrumente, sondern auch aller Bedienelemente. Bischoff: "Das schafft Oberklasse-Ambiente."

Mehr Raum und mehr Kofferraum

Beim Raumangebot dagegen fährt der Golf weiterhin in der Kompaktklasse. Obwohl es messbar mehr Platz und einen größeren Einstellbereich für die Vordersitze gibt. Das MQB-Chassis erlaubte sechs Zentimeter mehr Radstand, was in erster Linie die hinten Sitzenden freuen wird. Beim Gepäckabteil (nun 380 Liter) konnten die Entwickler 30 zusätzliche Liter herausholen und vermelden mit 685 Millimeter die niedrigste Ladekante im Segment. Golf spielende Golffahrer dürfen sich über eine um 23 Zentimeter gewachsene Kofferraumbreite freuen. Endlich sollen zwei Schlägertaschen quer hineinpassen. In der Gesamtlänge misst der Golf jetzt 4,26 Meter, ein kleines Plus von 56 Millimetern. Die um 13 Millimeter gewachsene Breite und die um 28 Millimeter geringere Höhe lassen den Wolfsburger nun optisch satter auf der Straße stehen.

Armada an Assistenzsystemen

Preislich positioniert VW sein "wichtigstes Fahrzeug" (Hackenberg) auf dem Niveau des Vorgängers. Heißt: Es beginnt auf den Cent genau bei 16 975 Euro. Die nach oben hin offene Aufpreisliste lässt viel Raum für individuelle Gestaltung und Ausstattung. Allein 13 elektronische Assistenzsysteme werden für den Golf angeboten. Wer alles nimmt, braucht fast nicht mehr selbst zu fahren. Der Golf kann längs- und quer ein- und ausparken. Eine 360-Grad-Kamera zeigt in Vogelperspektive alle Hindernisse und schützt vor Kratzer und Beulen. Tempo- und Überholverbotsschilder werden genauso erkannt wie Autos im Toten Winkel. Eine Lenkkorrektur hält den Wagen stets in Spurmitte, Radar korrigiert den Abstand zum Vordermann, auch bis zum Stillstand an der Ampel oder im Stau. Eine City-Notbremsfunktion soll Auffahrunfälle in der Stadt mindern oder verhindern. Und erstmals gibt es im Hause Volkswagen eine sogenannte Multikollisionsbremse. Kracht der Golf irgendwo gegen und die Airbags zünden, wird automatisch eine Notbremsung ausgelöst.

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