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Ohne Ticket unterwegs: Schweden gründen erste Versicherung für Schwarzfahrer

Ausgerechnet die größten Fans der öffentlichen Verkehrsmittel sind ihre größten Feinde: Sie bezahlen die Tickets nicht. In Schweden haben die Rebellen sogar eine Versicherung gegründet.

Von Gernot Kramper

In Stockholm ist Schwarzfahren zu einer Art organisiertem Volkssport geworden, schreibt die "New York Times". So wie in Entwicklungsländern ganz offen Strom geklaut wird, scheint sich niemand zu schämen, kein Ticket für Bus und Bahn auszugeben.

Volksbewegung Schwarzfahrer

Im Gegenteil: Schwarzfahren ist eine Bewegung. Eine Gruppe mit dem Namen "Planka.nu" - das bedeutet in etwa: "Freie Fahrt jetzt" - bietet für nur zwölf Euro im Monat eine Schwarzfahr-Versicherung an. Jede Strafe wird von der Kasse bezahlt. Die Gruppe liebt Bus und Bahn, sieht es aber nicht, für ein Ticket zu zahlen. Eine Monatskarte kostet fast 100 Euro. Die Bußen sind mit etwa 150 Euro zwar empfindlich hoch, dennoch verlieren die Verkehrsbetriebe den Kampf gegen die Schwarzfahrer: Die Versicherung ist profitabel. Nicht einmal die Hälfte des eingenommen Geldes musste für Bußen wieder ausgegeben werden.

Der öffentliche Personenverkehr hat die Schlacht gegen die Piraten fast aufgegeben: In den Stationen sind zwar Einlassschranken, die lassen sich aber leicht überlisten. Ein zahlender Passagier kann mehrere Schwarzfahrer durch das Gate nehmen. "Wir könnten die Berliner Mauer aufbauen, sie würden doch durchschlüpfen", sagte Jesper Pettersson, Sprecher der Verkehrsbetriebe, der "New York Times". In Wirklichkeit fehlt dem Schwedischen Betrieb wohl das Durchsetzungsvermögen: Selbst engere Schranken durften nicht gebaut werden, geschweige denn eine Video-Überwachung.

Desinteressierte Kontrolleure

Die Schwarzfahrer treten dagegen selbstbewusst auf: Sie haben eine offizielle Internetseite und zeigen Videos, in denen man lernt, die Kontrolleure zu überlisten. Auf einem Video wird sogar das Führen eines gefährlichen Hundes empfohlen, der Angestellte der Verkehrsbetriebe in die Schranken weisen könnte.

Das lustige Schwarzfahrerleben in Stockholm wird von der Dienstauffassung der Kontrolleure begünstigt. Die Journalisten aus New York mussten beobachten, wie ein Angestellter gemütlich seinen Energy-Drink weiter schlürfte, während sich nebenan Schwarzfahrer durch die Schleuse zwängten. "Sie machen ihren Job, ich mache meinen", sagt der Mann den erstaunten Amerikanern.

In vielen Ländern gilt Schwarzfahren als Straftat, auch in Deutschland wird man im Wiederholungsfall angeklagt. Notorische Schwarzfahrer erhalten Hausverbot. Nur die klassischen Kontrollen funktioniert weltweit immer weniger: Kaum haben die Kontrolleure eine Line betreten, wird vor ihnen gewarnt. Den sozialen Netzwerken sei Dank.

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