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TV-Kritik "Menschen bei Maischberger": Freie Fahrt für einen freien Ramsauer

Hassfigur Autofahrer - bei Sofa-Talkerin Sandra Maischberger sollte es richtig hoch hergehen. Der Zuschauer freute sich auf einen Abend voller Blut, Anklagen und Beschimpfungen und bekam dann nur seinen Verkehrsminister in Bestform präsentiert.

Von Gernot Kramper

So kann es enden, wenn man rast!" Neben der betroffen in die Kamera blickenden Sandra Maischberger wurde eine angeschlagene Fahrzeugkarosserie ins Studio gerollt. Am Dienstagabend sollte es in der ARD um letzte Dinge gehen, um Tod und Verantwortung. Der Titel versprach eine deftige Auseinandersetzung "Hassfigur Autofahrer: aggressiv, gefährlich, asozial?"

Ein Thema, das immer geht, die Sendung hätte auch eine Aufzeichnung aus dem letzten Jahrhundert sein können. Das schadet nicht, Autofahrer sind fast alle, und immer kennt man jemand hinterm Steuer, über den man sich so richtig aufregen kann.

So ging es auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. Der hatte vor kurzem kilometerlang hinter einem Lkw geschmort, der nur sehr mühsam einen anderen beim Elefantenrennen überholen konnte. Flugs forderte der Minister ein Überholverbot für Lastkraftwagen. Eigentlich ein toller Job, so als Bundesminister.

In Maischbergers Menschen-Mischung gab Ramsauer den Berufspolitiker, Formel-1-Manager Willi Weber den leidenschaftlichen Autofahrer, der ehemalige VW-Manager Klaus Kocks den Provokateur und automobilen Lebemann, und Jutta Ditfurth wurde in der Rolle der Krawallschachtel gecastet. Dazu konnte man sich von Klaus Gietinger - Verfasser des Werkes "Totalschaden. Das Autohasserbuch" - die eine oder andere verbale Karambolage versprechen. Seine These: "Täglich sterben auf der Welt 3000 Menschen bei Verkehrsunfällen. Es ist ein Massaker!"

Willi Webers traurige Performance

Aber wer nun geglaubt hatte, auf Maischbergers Sofa würden Kosten und Zukunft des Individualverkehrs auch nur andiskutiert, sah sich schnell getäuscht. Versuche aus dem Plaudern und dem Anekdotischen auszubrechen, wurden von der Gastgeberin immer schnell zurück gepfiffen. Wer wollte, konnte sich über den Kraftfahrer Kocks amüsieren, der sichtlich stolz gestand, er werde am Steuer immer so unvernünftig und sei dann ein fleißiger Punktesammler.

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Staatstragend forderte Kocks eine strenge Bestrafung aller Verkehrssünder - sich selbst eingeschlossen. Damit nicht genug der Paradoxien. Der ehemalige VW-Mann erblickt im Auto ein göttliches Zwitterwesen. Denn es vereine das Phallische des Vorwärtsdrängens und die mütterliche Fruchtblase des Beschützens. Nach solchen Bekenntnissen sieht der Zuschauer einen VW Golf mit anderen Augen.

Schumacher-Entdecker Willi Weber bot dagegen aus Unterhaltungssicht eine traurige Performance. Er war überhaupt nicht stolz auf den Verlust seiner Fahrerlaubnis, gestand, dass es mühsam sei, seinen Ferrari in der Tempo 30 Zone zu bewegen und ließ sich partout nicht zu irgendwelchen Bleifußparolen hinreißen.

Heiteres Verkehrszeichenraten

Wenigstens Autor Gietlinger trumpfte ein wenig auf. Das Autofahren sei eine Droge, eine Seuche und eine Sucht, weltweit ginge es der ganzen Zivilisation durch das Auto an den Kragen. Überzeugende Belege für den automobilen Meuchelmord fehlten. Das konnte man vor Mitternacht noch verschmerzen, aber leider sprach der Mann seine apokalyptischen Visionen mit der größtmöglichen Gelassenheit aus. Eine Kaffeehaus-Kassandra, die nun wirklich niemand aus dem Sessel riss.

Tiefpunkt der Sendung war ein heiteres Verkehrszeichenraten. Maischberger hielt Schildchen mit Fragen und Zeichen hoch. Das erinnerte an "Partyspiele für Erwachsene" und war notdürftig in den Rahmen gepresst, ob nicht die Führerscheinprüfung regelmäßig wiederholt werden sollte.

In Maischbergers Eintopf zur Verkehrspolitik schwammen noch weitere lauwarme Zutaten. Tempolimit und Kleinkrieg auf den Straßen etwa. Erwähnenswertes förderte die Diskussion nicht zur Tage. Betroffen wurde man nur, als in den Kreis der professionellen Talkgäste eine Außenstehende mit echtem Anliegen aufgenommen wurde. Verena Aßmann verlor ihre Tochter und ihre Enkelin bei einem Unfall. Sie wurden vor sieben Jahren von einem Mercedes-Testfahrer von der Autobahn gedrängt. "Turbo Rolf" erhielt damals in zweiter Instanz eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten. Das Schicksal von Verena Aßmann hätte mehr Respekt verlangt, sie wurde als Stichwortgeberin nach dem Schildchenraten verbraten. Sie ist kein TV-Profi und konnte nur sagen, dass Urteil damals sei " a bisserl" wenig gewesen.

Zuschauer in den Schlaf geleitet

In der Sendung fielen ein paar Sätze von Jutta Ditfurth auf. Weil sie Dinge sagte wie, dass an den dreckigen und lauten Ein- und Ausfallstraßen nur die ganz arme Leute wohnten, und dass die Wohlhabenden mit großen Autos in Deutschland selbst gern verkehrsberuhigt residierten. Das saß.

Ansonsten galt in der Sendung: freie Fahrt für einen freien Ramsauer. Der machtlosen Maischberger konnte der Minister den Großteil der Redezeit abluchsen, ohne als unsympathischer Wortabschneider rüberzukommen. Obendrein hatte er alle Zahlen und Fakten parat und konnte sich ganz gut als Fachminister darstellen. Und bei Maischbergers Schildchenspielen lag Ramsauer dann auch noch fast immer richtig und konnte die abwegigsten Schilder einigermaßen zuordnen. Für Peter Ramsauer war der Abend ein großer Erfolg, der Zuschauer wurde dagegen behutsam in den verdienten Schlaf geleitet.

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