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Caravaning in Deutschland: Es gibt immer mehr Wohnmobile. Warum nur? Ein Besuch auf der größten Verkaufsmeile

In Deutschland fahren immer mehr Menschen mit Reisemobilen, das Geschäft boomt. Ein Besuch auf Europas größter Verkaufsmeile in Mülheim an der Ruhr.

Von Rolf-Herbert Peters

Lebensgefühl Wohnmobil – Besuch auf der Verkaufsmeile an der B1

Carsten Thrun, 55, hat 115 verleihbare Wohnmobile auf der Straße – und Reisemobile für 15 Millionen Euro auf dem Hof 

Schlag auf Schlag rollen die Wohnmobile bei Thrun Reisemobile ein. Es ist ein heißer Freitagmorgen im Juni. Kunden bringen Mietfahrzeuge zurück – Bettenwechsel. Männer – es sind ausschließlich Männer, viele in Shorts und Trekkingsandalen – zirkeln ihre endlos langen Leihboliden durch den Hof. Carsten Thrun, der schwergewichtige Firmenchef im Blümchenhemd, beobachtet den Stoßverkehr am Büroeingang durch seine rote Brille: "Am Nachmittag gehen die alle wieder raus." 115 Leihfahrzeuge hat er im Angebot – alle ausgebucht. Dabei ist jetzt, in der Hauptsaison, keines unter 1200 Euro pro Woche zu haben.

"Kunden ziehen"

In einer Ecke des Hofs werden die Fahrzeuge eilig aufgefrischt. Ein Mann kärchert chemieblaue Fäkalienreste aus Klokassetten. Ein anderer versucht, mit einem Heißluftföhn eine Beule aus der Plastikstoßstange zu ziehen – der Vormieter hat sie in eine Anhängerkupplung gerammt. Schäden sind im Vermietgeschäft nicht selten. Mal ist der Außenspiegel abrasiert. Mal die Markise vom Winde verweht. Und mancher Alkoven fand sein Ende an einem der tief hängenden Balkone Südeuropas. "Die Fahrer sind oft Anfänger", sagt Thrun.

An der Einfahrt wird es richtig eng. Denn jetzt kommen auch die Kaufinteressenten und quetschen ihre Pkws in die letzten Lücken. Thrun hat Reisemobile im Wert von rund 15 Millionen Euro in der Ausstellung stehen. Gedrängt wie Mastschweine im Gatter. Pärchen mäandern durch sie hindurch, drücken ihre Nasen an den Plexiglasscheiben platt. Einstiegspreis: nicht unter 40.000 Euro. Doch diese Summe scheint niemanden zu schrecken. Der Absatz brummt. "Bei 180.000 Euro steigen wir aber aus", sagt Thrun ohne Ironie. "Mehr wollen die Deutschen für ein Reisemobil nicht ausgeben."

An der Mülheimer Caravan-Meile finden sich alle Extravaganzen. Wer Oberklasse will, muss schnell bis zu 180.000 Euro hinlegen.

An der Mülheimer Caravan-Meile finden sich alle Extravaganzen. Wer Oberklasse will, muss schnell bis zu 180.000 Euro hinlegen.

Deutschland im Cara-Wahn – schon seit Jahren wächst die Nachfrage nach Reisemobilen. Im April sind die Zahlen regelrecht durch die Decke gegangen: fast 40 Prozent mehr Zulassungen als im Vorjahresmonat. Nirgends kann man den Trend besser beobachten als an der B 1 in Mülheim an der Ruhr, wo Thrun seine Geschäfte betreibt. Hier erstreckt sich auf gut drei Kilometern die "Caravan-Meile", Europas größte Ansammlung von Reisemobilhändlern. Eine Reeperbahn für Lustcamper. Wo früher Kühe grasten, breitet sich heute ein Meer aus grau-weißem Plastik, Alu und Blech aus. Im Angebot sind alle gefragten Marken, von Adria bis Westfalia. Wer hier nicht seinen Traumtyp findet, ist für die Caravan-Gemeinde verloren.

Thruns 40.000 Quadratmeter liegen am südlichen Teil der Meile. Er ist hier groß geworden, sein Vater und sein Onkel haben schon in den Fünfzigern an der B 1 Caravans verkauft. Er kennt alle Händler bis hoch in den Norden der Bundesstraße. Man liebt und schätzt und hasst sich. Man feiert zusammen und jagt sich dabei die Mitarbeiter ab. Jeder will die Besten engagieren. "Kunden ziehen" zählt zu den Kernkompetenzen des Caravan-Gewerbes. Immerhin muss man Durchschnittsbürger überreden, sich für eine plüschige Freiheit auf 15 Quadratmetern hoch zu verschulden. "Unser Produkt braucht ja eigentlich kein Mensch", sagt Thrun – und scheint sich über seine eigenen Worte zu wundern.

Wie aus einer anderen Welt

Am nördlichen Ende der Meile, wo ein riesiger Kugelgrill auf einem Hallendach thront, residiert seine schärfste Herausforderin: Maria Dhonau. Sie ist 80 und wird in der Branche wie die Muttergottes des Camperkosmos verehrt. Man sagt, sie werde alles los. Ob Knaus, Bürstner oder Hymer. Legendär, wie sie mal 997 Fahrzeuge in einem Jahr verkauft hat. Nur an der Marke Dethleffs hat sie sich die Zähne ausgebissen. 1982 stellte der Hersteller ihr 53 Wohnwagen auf den Hof, die sie nicht loswurde. Das tote Kapital hätte sie fast in die Insolvenz getrieben. Dethleffs gehörte damals – den Thruns. Ausgerechnet. Ihre Familienfreundschaft, aufgeblüht in den Sechzigern, ist seitdem verwelkt.

Der Laden mit dem Kugelgrill nennt sich "Hymer-Zentrum B 1". Auch hier ist ordentlich was los. Ein Mann im Zubehörshop versucht, seine Leibesfülle in einem "Crespo Deluxe"-Campingstuhl unterzubringen. Eine Frau bestaunt den vierflammigen Gasgrill "Genesis II", als stammte er aus einer anderen Welt.

Maria Dhonau, 80, ist die Urmutter der Caravan-Meile

Maria Dhonau, 80, ist die Urmutter der Caravan-Meile

Dann schwebt Maria Dhonau ein. Sie sieht blendend aus. Eher wie 65 als 80. Die Frisur sitzt. Ihr Teint ist braun. Am Arm leuchtet eine weiße Fitnessuhr – "ich habe schon 61 Prozent meines Tagespensums geschafft". Am Vorabend ist sie von einer vierwöchigen Frankreichfahrt mit Kunden zurückgekehrt. Ihren 4,5-Tonner Hymer MCI 680 (Liste 120.000 Euro) steuerte sie – "natürlich!" – selbst. Sie hält ihr Smartphone hoch. Es zeigt einen Schnappschuss des Bordcomputers: 3320 Kilometer, Durchschnitt 44 km/h, 9,4 Liter. "Nicht schlecht, oder?"

Dann startet sie einen Schnelldurchlauf durch ihr Leben. Wie sie 1960 mit einer Esso-Tanke und ein paar Wohnwagen in Bad Salzuflen angefangen hat. Wie ihr zwei Ehemänner abhandenkamen und ein Beinahe-Lover und Geschäftspartner sie über den Löffel barbierte. Wie stolz sie auf ihre drei Kinder sei. Und dass sie keinen einzigen Caravan-Salon – die Branchenmesse – verpasst habe. 2011 setzte sie sich selbst ein Denkmal. Mit einer Autobiografie: "Mein Leben fürs Caravaning. 50 Jahre immer in Bewegung". Das drückt sie jedem Kunden in die Hand.

Caravan-Silberrücken

Bis vor wenigen Jahren war sie offiziell Chefin des Unternehmens. Jetzt ist sie es immer noch, jedenfalls gefühlt. Sie hat ihren Schreibtisch nie aufgegeben. "Ich mache hier abends die Türen zu", sagt sie. Ihr Sohn Kai firmiert als Geschäftsführer. Er hat inzwischen eine Grillschule gegründet, weil Grillen zum Campen gehört wie Dick zu Doof, und ist zum Präsidenten des Deutschen Caravaning Handels-Verbands DCHV aufgestiegen. In ihm steckt ebenfalls das Camping-Gen. Kein Wunder: Er wurde im Juni 1969 auf der Schaumstoffmatratze eines Feriela "Arlberg" gezeugt – nicht weit entfernt an der Ruhr am legendären Mülheimer Ausflugslokal "Dicken am Damm". Buchautorin Maria Dhonau findet, das solle die Welt wissen.

Sie hat schon kleine und große Caravan-Konjunkturen in Deutschland durchlebt. In den späten 50er Jahren galt der Wohnwagen als günstige Urlaubsform für die Kumpel, die es im Wirtschaftswunder zu einigem Wohlstand gebracht hatten. "Viele haben unter Tage gearbeitet, die wollten Licht und Luft und einfach weg." In den Sechzigern strichen die Blumenkinder des Ruhrpotts VW-Transporter quietschbunt an, legten Matratzen und Mandala-Decken hinein und tourten nach Ibiza oder bis in den Ashram nach Goa. "Traveling in a fried-out kombi, on a hippie trail, head full of zombie", wie es Men at Work später besangen: "Reise in einem überhitzten Bulli auf einem Hippie-Pfad, völlig zugedröhnt." Mancher Anti-Spießer von damals ist der Caravan-Silberrücken von heute.

Dhonaus Laden liegt am Nordende der Verkaufsstraße

Dhonaus Laden liegt am Nordende der Verkaufsstraße

Aber was treibt die Deutschen heute an, sich massenhaft zur Hauptsaison mit Einzimmer-Brummis in die Autobahnstaus einzureihen? Angst vor der Fremde? Oder spiegelt der Boom urdeutsche Piefigkeit wider, wie Spötter unken, die schon Goethe anhaftete, als er 1786 auf seiner Italienischen Reise in einer Postkutsche mit Bett und Leselampe fuhr?

Carsten Thrun, studierter Betriebswirt, glaubt: "Es liegt wohl mehr an der Vereinsamung der Generation 60 plus." Die Kinder aus dem Haus, Streit mit dem Nachbarn – da sehne man sich nach Camping-Geselligkeit. Auch zählten auffällig viele gleichgeschlechtliche Paare zu seinen Kunden. Und dann gebe es ja diese Trends: im eigenen Nest einkuscheln. Leihen statt kaufen. Kurzurlaub. In den Ferien nicht allzu weit weg. Alles ideal umzusetzen mit dem Reisemobil.

Maria Dhonau ist sich sicher: Ihre Kunden streben nach "Freiheit und Unabhängigkeit". Der Kulturwissenschaftler Matthias Badura hat diese verbreitete Annahme vor einigen Jahren auf einem süddeutschen Großcampingplatz untersucht. Sein Fazit: Campen läuft ausgesprochen ritualisiert ab und stillt das Bedürfnis nach zwei Dingen, die in der Alltagswelt verpönt sind: "Nach der entspannten Untätigkeit sowie dem Beobachten anderer Menschen und ihrer sozialen Interaktionen." Kurz: Camper hängen am liebsten ab und gaffen. Deshalb ziehen sie in der Regel belebte Stellplätze der Einsamkeit vor. Nix mit Freiheit. "Im Grunde", so Badura, "betrachten sie sich selbst."

Teuer wie Eigentumswohnungen

Maria Dhonau muss los. Sie schnappt sich einen handballdicken Schlüsselbund und taucht ein in ihren Fahrzeugpark. Wie bei Thrun stehen die Modelle dicht an dicht. Sabine und Swen Wauer schauen sich um. Sie arbeitet als Sachbearbeiterin bei Vorwerk, er verdingt sich als Streckensprecher bei ADAC-Autorennen. Das Patchwork-Ehepaar hat zusammen sieben Kinder und nur einen kleinen, betagten Reimo-Camper. Jetzt wollen sie was Größeres, Nobleres. Maria Dhonau führt sie schnurstracks zu einem Hymer CL 698 und rattert dessen Vorteile herunter wie im Shopping-TV: "Hundertfuffziger Bett, Panoramablick, man kann vom Bett aus fernsehen, Isolierung wie 'ne achtziger Ziegelwand."

Die Wauers kaufen ein Wohnmobil bei Maria Dhonau

Die Wauers kaufen ein Wohnmobil bei Maria Dhonau

Einwände? Retourniert sie locker. "Beifahrertür hat der nicht?" "Riesengroßer Vorteil, die kann beim Unfall nicht verklemmen, dafür springt die Scheibe sofort raus."

"Gibt es keinen sauberen Ad-Blue-Diesel?" "Nein, zum Glück nicht. Ab minus elf Grad verklebt der Harnstoff. Das sind alles so Dinge, die viele nicht beachten."

Dann zeigt sie noch, dass auch die E-Bikes, die sie ebenfalls verkauft, locker in die "Garage" passen, wie der Kofferraum beim Wohnmobil heißt. An die 80.000 Euro soll das Schätzchen kosten, dafür bekämen die Wuppertaler zu Hause eine 80-Quadratmeter-Eigentumswohnung. Die Camping-Queen rechnet kurz: "490 Euro monatliche Belastung bei 23.000 Euro Anzahlung." Swen Wauer reibt sich das Kinn: "Mmh, wir zahlen schon für den Pkw 480 Euro im Monat." Egal. Eine Stunde später ist der Kaufvertrag unterschrieben.

Es hat sich viel geändert seit 1998, als Wauers alter Reimo ausgeliefert wurde. Damals waren Wohnmobile in Deutschland noch ziemliche Exoten. Heute sind über 1,1 Millionen Caravans und Reisemobile zugelassen. Die rund 3000 Campingplätze und 3600 Stellplätze sind oft überfüllt – 140 Millionen Campingübernachtungen pro Jahr nennt die Statistik. Es gibt Ärger von St. Peter-Ording bis Gibraltar, weil die Hobby-Trucker zunehmend Strand und Dünen zuparken. Nachbarn ziehen vor Gericht, weil das Wohnmobil den Vorgarten verschattet wie ein Kreuzfahrtschiff den Markusplatz. Geblieben ist eines: Die Besitzer sind im Durchschnitt noch immer über 50.

Maria Dhonau hält die Schlüssel zu Millionenwerten in der Hand

Maria Dhonau hält die Schlüssel zu Millionenwerten in der Hand

Das soll sich ändern. Die Händler kämpfen um den Nachwuchs, damit das fahrende Volk – Boom hin oder her – nicht irgendwann doch ausstirbt. Die Branche lässt Werbespots für die Generation Y ausstrahlen, unter Hashtags wie #Vanlife entwickelt sich so etwas wie ein Jugend-Camper-Kult. Carsten Thrun präsentiert an diesem Freitag Solarzellen, einen Brennstoffzellengenerator und E-Roller. Fridays for Camping-Future. Neben dem Firmeneingang hat er einen VW-Transporter geparkt. Rot und weiß lackiert, Zeltaufstelldach. Große Hippie-Freiheit-Nostalgie. Thrun zeigt mit dem Finger auf den High-End-Bulli: "Den wollen die jungen Leute" – dann richtet er den Finger auf einen Bürstner "Lyseo" in der Ferne –, "und den kaufen sie". Er muss schmunzeln. Beide kosten etwa 60.000 Euro. Aber der Lyseo hat eine Sitzgruppe, 21,5-Zoll-TV und einen Extrahalter für Nespresso-Kapseln.

"Im Wohnmobil habe ich meine Ruhe."

Am Nordende der geilen Camping-Meile kehrt Maria Dhonau vom Verkaufsgespräch an ihren Schreibtisch zurück. An der Wand hängt eine Autogrammkarte von Helge Schneider. "Der kauft schon lange bei uns", sagt sie beiläufig. Helge sagte einer Zeitung: "Im Wohnmobil habe ich meine Ruhe." Kann denn Campen spießig sein, wenn es sogar der alberne Jazz-Arnarcho tut?

Maria will noch einmal zeigen, was in ihr steckt. Sie hat sich als Quasi-Rentnerin zur Geistheilerin ausbilden lassen und behauptet, mit Konzentration Löffel verbiegen zu können wie Uri Geller. Sie läuft zur Büroküche und schnappt sich einen Suppenlöffel aus der Schublade: "Stahl, prüfen Sie das!" Sie nimmt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und schweigt. Nach 20 Sekunden greift sie das Besteck vorn und hinten und biegt es mit einiger Kraft zum U. Kunden, die die Show verfolgt haben, gucken etwas ratlos. Marias Stärken liegen im Reisemobil-Verkauf.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

Deutschland bleibt Campingziel Nummer 1

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