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"Avus"-Rennstrecke in Berlin: Vergilbter Glanz einer Legende

Auf ihr zündete Fritz von Opel seinen "Raketenwagen", sie war zeitweise die schnellste Rennstrecke der Welt und eine der großen Attraktionen Berlins. Seit 1999 schweigen allerdings die Motoren auf der Avus. Ein Buch erinnert jetzt an die glorreiche Vergangenheit des legendären Parcours.

Über 80 Jahre hat sie bereits auf dem Buckel. Wie eine rüstige Rentnerin kommt die Avus in Berlin dabei allerdings nicht mehr daher. Rost nagt an den Leitplanken, der Asphalt der berühmten Nordkurve ist von Rissen durchzogen und die unter Denkmalschutz stehende Haupttribüne präsentiert sich ebenfalls in einem bemitleidenswerten Zustand. Schon seit fast einem Jahrzehnt schweigen mittlerweile die Motoren auf der legendären Rennstrecke.

Der vorerst letzte Versuch, der Avus zumindest wieder ein bisschen Leben einzuhauchen, scheiterte im Dezember 2003. Damals schlug der Berliner Landespolitiker Klaus-Peter von Lüdeke vor, einmal pro Jahr ein Oldtimer-Revival auf dem geschichtsträchtigen Areal um den Funkturm und das Messegelände herum auszutragen. Doch Lüdekes Idee fand keine Unterstützung. So bleiben die Erinnerungen an zahlreiche internationale Rennen, klangvolle Fahrernamen und halsbrecherische Nordkurve.

Grünes Licht von Autoliebhaber Kaiser Wilhelm II.

In seinem Buch "Die Avus. Deutschlands legendäre Rennstrecke - Acht Jahrzehnte Motorsport" lässt Axel Kirchner die Meilensteine der ruhmreichen Geschichte des einstigen Motorsport-Mekkas jetzt noch einmal Revue passieren. Mit zahlreichen Originalaufnahmen und erklärenden Texten dokumentiert er dabei detailreich ein wichtiges Kapitel des deutschen Automobil- und Motorradsports.

Ihren Bau verdankt die Avus den deutschen Misserfolgen bei Rennsportveranstaltungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Automobilentwickler des Deutsche Reiches hinkten damals der Konkurrenz aus England und Frankreich deutlich hinterher. Zudem hielt sich die Begeisterung der deutschen Bevölkerung für fahrbare Untersätze in Grenzen. Um den Wettbewerbesnachteil aufzuholen beschloss der passionierte Autoliebhaber Kaiser Wilhelm II. den Bau einer permanenten Heimstätte für den Motorsport. Der Name des Straßenprojektes: "Automobil- und Verkehrsübungsstraße", kurz "Avus".

Triumph mit tragischem Beigeschmack

Die Bauarbeiten begannen 1913 entlang der Wetzlaer Bahn von Charlottenburg in Richtung Nikolassee. Aufgrund des Ersten Weltkrieges wurden diese jedoch 1914 kurz vor der Vollendung eingestellt. Erst drei Jahre nach Kriegsende konnten die Bauarbeiten dank der privaten Investitionen von Hugo Stinnes wieder aufgenommen werden. Am 24. September 1921 wurde die Avus schließlich offiziell eröffnet. Die geradlinig verlaufende Rennstrecke war durch die Nord- und Südkurve zu einem Rundkurs verbunden.

Nach dem Eröffnungsrennen ruhte der Betrieb allerdings weitgehend in den folgenden Jahren wegen der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage. Erst am 11. Juli 1926 war die Avus wieder Schauplatz eines wichtigen Rennens. Der erste Große Preis von Deutschland bot jedoch keinen Anlass zur Freude, sondern ging als eines der schwärzesten Kapitel in die Geschichte des Berliner Rennkurses ein. Zwar sorgten Lokalmatador Christian Riecken (N.A.G.) in der D-Klasse sowie Mercedes Pilot Rudolf Caracciola (E-Klasse) mit ihren Siegen für Jubel. Dieser wurde jedoch getrübt von vier tödlichen Unfällen.

Mit dem "Raketenwagen" in eine neue Dimension

Eine Sternstunde erlebte die Avus dagegen am 23. Mai 1928. Vor rund 3000 illustren Gästen, unter ihnen Box-Legende Max Schmeling, Dichter Joachim Ringelnatz und Filmdiva Lilian Harvey, stieg Fritz von Opel in seinen "Raketenwagen", den RAK2. Mit jedem Tritt auf das Gaspedal zündete der Autobauer eine von 24 Pulverraketen. Die insgesamt 120 Kilogramm Sprengstoff an Bord katapultierten das Geschoss am Ende auf eine für damalige Verhältnisse unglaubliche Geschwindigkeit von 238 Kilometern pro Stunde.

Der Bau der überhöhten Nordkurve machte aus der Avus die schnellste Rennstrecke der Welt. Durch sie donnerte Herman Lang am 30. Mai 1937 in seinem Mercedes-Benz-Silberpfeil mit einer Spitzengeschwindigkeit von knapp 400 Km/h zum Sieg. Nachdem der Rennbetrieb während des Zweiten Weltkrieges geruht hatte, wurde am 1951 vor 350.000 Zuschauern die Wideröffnung der Avus gefeiert.

Todesfalle "Nordkurve"

Zum Politikum wurde die Avus 1959. Statt auf dem Nürburgring fand der Große Preis von Deutschland in Berlin statt. Mit der Austragung des Formel-1-Rennens sollte in Zeiten des Kalten Krieges ein Zeichen in der geteilten, allerdings noch nicht durch eine Mauer getrennten, Stadt gesetzt werden. Den Sieg sicherte sich Ferrari-Pilot Tony Brooks. Überschattet wurde das Rennen aber von Jean Behras Tod. Der Franzose war in der Nordkurve mit seinem Porsche über den äußeren Rand der Nordkurve hinaus geschossen und an einen Fahnenmast geprallt.

Bitteres Aus einer legendären Rennstrecke

Es war nicht der erste tragische Unfall dieser Art in der steilen Schikane gewesen. Die sich häufenden Unglücke läuteten schließlich das Ende der großen Grand-Prix-Rennen auf der Avus ein. 1967 wurde die überhöhte Nordkurve abgetragen. Fortan fanden auf der Avus nur noch Rennen der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) sowie Fahrten mit Nachwuchs-Formelwagen statt. Doch trotz einer Verkürzung der Strecke von 4,8 auf 2,6 Kilometer und dem Einbau von Schikanen riss die Serie von schweren Kollisionen nicht ab. 1998 kam das endgültige Aus.

Während die Tage als Rennsport-Strecke vorbei sind, besteht jedoch zumindest Hoffnung, dass die Erinnerung an die legendäre Geschichte der Avus in Zukunft nicht verblasst. Die denkmalgeschützte, 200 Meter lange Avus-Tribüne soll mit einer Glasfront geschlossen und zu einem Ausstellungsraum für Autos mit angrenzendem Avus-Museum umgebaut werden.

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