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"Speedseekers": Elfe aus Öl und Stahl

Nur Mädchen, die mit "Hotwheel"-Autos statt mit Barbies spielen, dürfen später an PS-Monstern anstatt am Ikea-Regal herumschrauben. Alexandra Lier brennt für schnelle Autos, die Männer, die dazugehören, und greift ihrem Barracuda gern mal in die Eingeweide.

Roter Ledersitz, die blonden Haare im Wind, die Augen hinter der Gucci-Sonnenbrille: Alexandra Lier, Artdirektorin und Fotografin aus Hamburg, geht mit verschärftem Auftritt an den Start. Wenn die sportliche Blondine mit ihrem papyrusweißen Plymouth Barracuda aus dem Jahr 1967 auf den Strassen um Hamburg cruist, verdrehen Männer ihre Köpfe.

"Geile Kiste!", zwitschert der junge Tankwart. "Hab ich noch nie gesehen, ist das ein alter Opel?" Okay, netter Versuch, Bubi. In der Tat sieht das alte Rekord Coupé dem Plymouth entfernt ähnlich und vom weiten kann man das kreisrunde Symbol mit dem Barracuda für einen Blitz halten. Aber nur, wenn man keine Ahnung hat. Der Coolness Faktor ist jedenfalls gewaltig, wenn Alexandra die gewaltige Haube öffnet und einen tiefen Zug Motorduft einatmet.

Alexandra Lier hat einen Fotoband herausgebracht. In fünf Kapiteln widmet sie sich den "speedseekers", den Männern, die von und für Autos leben. Männer, deren Leidenschaft das Schrauben und das Basteln ist. Und das Rennen, denn die getunten Motoren röhren und rennen auf dem großen Salzsee, dem "saltlake" in der großen Ebene zwischen Utah und Nevada.

Alexandra, wie sind Sie zu diesem, für eine Frau außergewöhnlichem Hobby gekommen?

Ich hab mir mit 14 Jahren einen Kontrabass geschnappt und in einer Band Rock'n Roll gespielt. Nebenbei hab ich alles gesammelt, was aus den Fifties kam. Klamotten, Möbel, Platten, einfach alles. Eines Tages ist mir in einem Secondhand Plattenladen eine Scheibe entgegengeflattert, wo auf dem Cover Dragracing Autos abgebildet waren. Und auf der Platte röhrten die Motor Sounds von diesen Rennwagen. Das hat mich sofort fasziniert. Zu der Zeit gab es den Kult um die Rennschlitten hier in Deutschland noch gar nicht.

Ein Plattencover war der Einstieg in die Autoszene?

Ich hab dann angefangen, alles zu sammeln, was mit Autos zu tun hatte. Als ich 18 war, hab ich mir einen Karmann Ghia gekauft.

Eine hübsche Anschaffung zum 18ten. Fanden Ihre Eltern den Autowahn im Mädchenzimmer nicht sehr ungewöhnlich?

Das war ja nicht nur die Autos. Ich hab angefangen Punk Rock zu machen und hing in einer Szene ab, wo alte Autos "rumstanden" und wo man an denen rumgeschraubt hat. Ich hatte ein altes Motorrad, eine Yamaha XT 500. Den Motor hab ich regelmäßig auseinander und wieder zusammen gebaut. Das wurde zu einem Teil meines Lebens.

Abhängen mit Motoren-Puzzle am Abend und dazu die richtige Musik?

Ja, Surfmusik, Punk Rock und Rock´n Roll. Surfen gehört dazu. Es war wie eine Sucht, sobald ein altes Auto um die Ecke bog oder ein altes Motorrad hab ich vor Freude geschrieen und mich gefreut. Genau das war mein Traum, diese Autos wollte ich fahren und selbst dran schrauben.

Wie reagieren die Jungs, wenn das blonde German Frollein mit der Kamera in eine Werkstatt voller Männer kommt?

Tja, die lassen nicht jeden in ihren Hinterhof. Das war eine Mischung aus Glück und Beharrlichkeit. Anfangs waren einige ein bisschen arrogant, aber wenn sie merkten, ich hab mehr Ahnung, als sie dachten, dann waren sie ganz schnell still. Zweitens: Ich kenne mittlerweile so viele Leute in den USA, dass mich die Jungs weiterrreichen: "Heh, das ist die Alex aus Deutschland und nicht irgendeine Blondine."

Haben Sie die Jungs so fasziniert, weil sie ihren Autokult leben?

Die meisten Jungs aus dem Buch schrauben so gut, dass sie davon sehr gut leben können. Cole Foster zum Beispiel hat ein Auto für Kirk Hammett, den Gitarristen von Metallica, gebaut. Oder die Kennedy Brothers, die schrauben so perfekte Hotrods zusammen, da stimmt jede Naht und jede Schraube. Andere haben nebenbei einen Job und führen ein Leben wie ich: Freizeitschrauber und Freizeitmusiker.

Wie sind Sie zu dem tätowierten Superboy auf dem Cover des Buches gekommen?

Tim habe ich in Las Vegas bei einer Autoshow kennen gelernt. Als ich ihn fragte, ob ich ihn mal fotografieren darf, antwortete er ganz schüchtern, ob er sein T-Shirt ausziehen soll, er hätte ein paar Tattoos. Und Wow! Dann kamen all diese Schätze zum Vorschein!

Sie haben auch ein paar Mädels fotografiert. Wie kommen die Girls in die Szene?

Die Mädels, die ich portraitiert habe, sind echte Autogirls. Jen Lee zum Beispiel war die Chefdesignerin bei Jesse James, West Coast Choppers. Sie hat mehrere Autos, Vans und Motorräder. Vanessa und ihre Wrestling Truppe treten auf Autoshows auf. Sonst ist sie als Burlesquetänzerin im berühmten Velvet Hammer zu sehen.

Clint Eastwood hat in einem Interview für seinen Film "Gran Torino" über die heutigen amerikanischen Autos gesagt, sie sehen allesamt aus, als hätten sie in eine Zitrone gebissen! Er attestiert ihnen "verzweifelte und vulgäre Visagen ohne Sexappeal"!

Man hat das Gefühl, da klaut ein Auto Konzern von dem anderen. Mein Eindruck ist, dass diese Jungs die Autos, die es heute gibt, einfach ignorieren. Aber diese Männer und diese Autos sind eine aussterbende Rasse. Die "Schrauber" sind Männer, die im Zeitalter der Elektronik und der Digitalisierung rüberkommen wie Dinosaurier aus einer Zeit, als amerikanische Autos noch Giganten waren. Irgendwann wird es weder diese Jungs noch diese Autos geben.

Marina Kramper

Wissenscommunity