Abwrackprämie und Youngtimer Leben und schreddern lassen


Niemand verschrottet einen alten Porsche, um sich einen neuen Smart zu kaufen. Trotzdem wird die Abwrackprämie wohl den Bestand der kommenden Autoklassiker dezimieren. Youngtimer-Fans blutet das Herz - und auch so manches Ersatzteil verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Vor 20 Jahren war der Golf 1 noch ein simples Ge- und Verbrauchsauto, massenhaft verfügbar. Mittlerweile sind Ur-Gölfe in gutem Zustand rar geworden. Ob und wann ein Alltagswagen zum gesuchten Klassiker wird, lässt sich schwer vorhersagen - doch Autos wie der Ford Granada, Renault R4 oder Opel Manta B, die man zu ihren Produktionszeiten vielleicht keines Blickes gewürdigt hätte, sind heute cooler denn je. Und sie ermöglichen als Alltagsklassiker auch denen Freude am Hobby, die nicht mal eben ein Vermögen für einen frühen 911er oder Flügeltüren-Benz ausgeben können. Hat durch die Abwrackprämie nun das große Sterben der zukünftigen Klassiker begonnen?

"Die echten Oldies betrifft es natürlich nicht. Die sind entweder mehr wert als 2500 Euro oder stehen abgemeldet irgendwo in Garagen", sagt Gregor Leonhardt, Experte für den VW Scirocco. Er hat auf seiner privaten Webseite www.sciroccokartei.de eine virtuelle Bestandsaufnahme geschaffen, in der schon zahlreiche Scirocco-Besitzer aus aller Welt ihre Schmuckstücke eingetragen haben. Für die seltenen Ur-Sciroccos aus den 70ern sieht Leonhardt von der Abwrackprämie keine Gefahr drohen - wohl aber für jüngere Modelle, denen der Schritt zum Klassiker noch bevorsteht.

Liebhaberfahrzeuge in der Presse

"Mich hat zum Beispiel eine Familie angerufen, die einen Scirocco GT2, Baujahr 1992, mit 190.000 Kilometern Laufleistung besaß, und gefragt, was der Wagen ungefähr wert sei", berichtet Leonhardt. Zwischen 1200 und 1800 Euro lautete die Schätzung, und die Reaktion kam prompt: "Aber wir kriegen doch 2500 Euro", habe die Familie gesagt - und sich zum Abwracken entschlossen. Solche Fälle tun Youngtimer-Fans in der Seele weh: "Dieses Auto hat natürlich seinen Dienst getan, aber es hätte das Zeug zum Liebhaberfahrzeug gehabt", sagt Leonhardt. Selbst altgediente Oberklasse-Karossen sind nicht vor dem Schredder sicher. "Ich habe einen 7er BMW aus den frühen 90ern gesehen, mit 200.000 Kilometern Laufleistung und Hufeisen am Kühlergrill - ein klassisches Rentnerauto. Der Besitzer hat abgewrackt und sich einen neuen Citroën gekauft", berichtet Leonhardt.

"Durch die Abwrackprämie gehen manchmal Autos in die Presse, die noch jahrelang hätten fahren können", sagt auch Reinhard Lemke, Vorsitzender der Alt Ford Freunde e.V. Er berichtet von einem Ford Fiesta, Baujahr 1996, der trotz seines Top-Zustands verschrottet wurde. "Ein derart gepflegtes Fahrzeug wäre wahrscheinlich irgendwann einmal ein Klassiker geworden, nun ist es weg. Da blutet einem schon das Herz", sagt Lemke. Allerdings seien auch die Youngtimer-Fans selbst gefragt: "Jeder hat schließlich die Gelegenheit, solche Autos zu retten, wenn er dem Besitzer 2500 Euro zahlt", so Lemke.

"Aus Versehen vernichtet"

Peter Schneider, Vizepräsident beim Oldtimer-Verband DEUVET, geht zwar nicht davon aus, dass nun eine große Zahl von Klassikern dem Schredder zum Opfer fällt. Er sieht aber eine Gefahr vor allem für 15 bis 20 Jahre alte Fahrzeuge, deren Besitzer den Wert ihres Wagens mitunter zu niedrig ansetzen. "Die Anzahl der überlebenden Autos aus diesen Jahrgängen wird geringer. Nicht jeder erkennt, ob sein Fahrzeug aus bestimmten Gründen vielleicht besonders selten ist. Es besteht die Gefahr, dass gute Autos sozusagen aus Versehen vernichtet werden", sagt Schneider. Der Deuvet halte die Abwrackprämie aber auch aus anderen Gründen für falsch - der globale Gebrauchtwagennachschub könnte nun fehlen, Gebrauchtwagenhändler gerieten in Existenznot. "Es wäre sinnvoller gewesen, zum Beispiel jedem Neuwagenkäufer einen Zuschuss zu gewähren, wenn er ein besonders verbrauchsgünstiges Fahrzeug kauft", sagt Peter Schneider.

Die Abwrackwelle könnte sich langfristig auch negativ auf den Ersatzteile-Bestand alter Fahrzeuge auswirken. Weil viele Schrotthändler wegen des enormen Bedarfs im Akkord abwracken, bleibt oft nicht die Zeit, ein Fahrzeug auszuschlachten. "Es besteht zumindest bei seltenen Baureihen und Marken die Gefahr, dass sich die Ersatzteilmenge überproportional verringert", sagt Ralf Geisler, Vorsitzender der IG Renault 15/17 Deutschland e.V. und DEUVET-Beirat für Fahrzeuge ab 1945. "Da gehen manchmal Teile weg, die keiner mehr auf Lager hat - Rückleuchten und Zierleisten zum Beispiel, die sich ja häufig von Facelift zu Facelift unterscheiden", befürchtet auch der Alt Ford Freunde-Vorsitzende Reinhard Lemke.

Sebastian Viehmann, press-inform press-inform

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