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Bluemotion: Blau macht auf grün

Unter dem Namen Bluemotion rüstet VW seine Autos für die Zukunft. Wie bewährt sich die Energiespartechnik im Alltag? Der stern hat drei Öko-Passat gefahren.

Von Peter Weyer

Anfangs sorgt der Name für Verwirrung. "Bluemotion" steht als kleiner Zusatz vorn und hinten auf dem VW Passat. Blue steht für grün. Denn unter der "blauen Bewegung", wie der englische Begriff übersetzt heißt, ist eine neue Technik gebündelt, mit der Volkswagen sämtliche mobilen Ökound Sparaktivitäten zusammenfasst - für alle Modellreihen.

In der oberen Mittelklasse haben die Wolfsburger jetzt drei dieser grünen Passat am Start, die allesamt international Maßstäbe bei Verbrauch oder Abgasschadstoffen setzen:
• Kein Auto der 150 PS-Liga bläst weniger Kohlendioxid in die Luft als der Passat 1.4 TSI "Ecofuel",
• der Passat BlueTDI unterbietet schon heute die strenge Schadstoffnorm des nächsten Jahrzehnts, und
• sein Modellbruder Bluemotion verbrennt auf 100 Kilometern weniger als fünf Liter Diesel.

Ohne Bluemotion oder ähnliche Techniken geht demnächst in der gesamten Autobranche nichts mehr, denn die härteste Abgas-Diät in der Geschichte des Diesels steht an: die Schadstoffnorm Euro 6. Die gilt zwar erst ab Herbst 2014, aber die Grenzwerte liegen schon fest. Um sie künftig einzuhalten, müssen die Stickoxide (NOx) im Dieselabgas runter. Und zwar drastisch - von derzeit 250 Milligramm auf höchstens 80 Milligramm pro Kilometer.

Speicherkatalysatoren schaffen entweder die geforderte Stickoxidminderung nicht oder arbeiten nur in leichten Kompaktautos mit kleinen Motoren fehlerfrei. Das bedeutet: Diesel-Limousinen der Mittelklasse droht ab 2014 ein Verkaufsstopp.

Nachteil: Stickoxide

Stickoxide verstärken die Bildung von saurem Regen und Smog und bilden unter Sonneneinwirkung am Boden das Reizgas Ozon, sie schädigen Bronchien und Lunge. Stickoxide sind ein besonderer Nachteil des Diesels, bei dessen Verbrennung konstruktionsbedingt drei- bis viermal so viel entsteht wie bei Benzinmotoren.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Euro 6 ist mit der bisherigen Abgasreinigung nicht zu schaffen. Die reicht nur für die ebenfalls neue Norm Euro 5, die ab Herbst gilt, aber lediglich eine lasche Zwischenlösung ist. Danach kommt's dicke. Denn die herkömmlichen Speicherkatalysatoren schaffen entweder die geforderte Stickoxidminderung nicht oder arbeiten nur in leichten Kompaktautos mit kleinen Motoren fehlerfrei. Das bedeutet: Diesel-Limousinen der Mittelklasse droht ab 2014 ein Verkaufsstopp.

Gegen dieses Gespenst schickt Volkswagen einen neuen Diesel ins Rennen, der die drastisch verschärften Grenzwerte der übernächsten Norm schon heute unterbietet. Serienmäßig. Die Wolfsburger haben einen Passat zum Supersaubermann hochgerüstet und nennen ihn BlueTDI. Sein Zaubermittel gegen Stickoxide heißt Harnstoff.

Harnstoff namens AdBlue

Was so anrüchig klingt, ist im Gegensatz zu Harnsäure eine unbedenkliche, synthetisch hergestellte, hygienisch einwandfreie Substanz. Sie ist nicht nur in Kunstdüngern und Haushaltsreinigern enthalten, sondern sogar als Feuchtigkeitsbinder in kosmetischen Salben oder als Stabilisator in Kaugummis. Neu ist der Einsatz von Harnstoff als Dieselabgas-Putzer. Neu ist auch sein Markenname: "AdBlue".

Die wässerige Lösung steckt in einem Zusatztank in der Reserveradmulde. Eine elektronische Steuerung spritzt den Harnstoff über eine Düse vollautomatisch in den Abgasstrom des Auspuffs, auf zehn Liter Sprit etwa einen halben Liter des "blauen" Additivs.

Danach strömt das aufgemischte Abgas in einen Katalysator mit dem Kürzel SCR. Es steht für Selective Catalytic Reduction und bedeutet: AdBlue zerlegt in dem Spezial-Kat durch eine chemische Reaktion die schädlichen Stickoxide in Wasser und ungefährlichen Stickstoff. Ergebnis: Der Stickoxidanteil im Dieselabgas sinkt um bis zu 90 Prozent und fällt damit weit unter den Höchstwert der Euro-6-Norm.

Dank AdBlue schafft der Passat BlueTDI auch die aktuellen USGrenzwerte. Die sind umgerechnet ebenso streng wie Euro 6, sie gelten aber nicht erst ab 2014, sondern schon jetzt. Ohne die Additivtechnik wären Dieselmodelle im wichtigen Exportland USA unverkäuflich.

Kein Sparweltmeister

Zwar ist der Passat BlueTDI mit Harnstoffeinspritzung der sauberste Zweiliterdiesel der Welt. Ein Sparweltmeister bei Verbrauch und Kohlendioxidausstoß ist er deswegen aber nicht. Sauberes Abgas bedeutet nicht automatisch auch weniger Spritdurst.

Beweis dafür ist der Passat-Bruder Bluemotion. Er schafft zwar nur Euro 5, verbraucht aber weniger Diesel als sein extrem sauberer Harnstoffverwandter. Das Erfolgsrezept: Weniger ist mehr - weniger Leistung, weniger Tempo und vor allem weniger Gewicht(siehe Tabelle) Verlinkung auf eine andere Seite. Hinzu kommen aerodynamischer Feinschliff der Karosserie, Energiesparreifen und längere Übersetzungen der oberen Gänge.

Allein diese Detailarbeiten drücken den Normverbrauch unter die ökopolitischen Schwellenwerte: Weniger als fünf Liter auf 100 Kilometer, und der Kohlendioxidausstoß liegt unter 130 Gramm je Kilometer. Das sind Bestwerte für einen ausgewachsenen Kombi, ohne Additiv-Chemie und ohne aufwendige Elektronik.

Der Dritte der Bluemotion-Familie hat weder einen Diesel unter der Haube noch einen Harnstofftank im Heck. Der kleine 1,4-Liter-Motor des Passat TSI Ecofuel ist auf Erdgasbetrieb ausgelegt und leistet, von einem Kompressor und einem Turbo lader zwangsbeatmet, 150 PS. Trotzdem strömen je Kilometer nur 119 Gramm Kohlendioxid aus dem Auspuff. Dessen Abgas enthält aber nicht nur mustergültig wenig Kohlendioxid, es ist zudem auch sehr schadstoffarm und unterbietet gleich beide künftigen Normen, Euro 5 und Euro 6. Und zwar mit hohem Spaßfaktor.

Ausreichend flott

Obwohl die neue Passatflotte beim Ampelstart erwartungsgemäß keine Gummistreifen auf den Asphalt radiert und auf der Autobahn keinen Porsche jagen kann, zwingt der Öko-Fortschritt keineswegs zu fahrerischer Enthaltsamkeit. Im Alltagsverkehr ist gegenüber den herkömmlichen Modellen mit Zweilitermotoren keine krasse Komfort- oder Leistungseinbuße spürbar. Alle drei Saubermänner spurten ausreichend flott und schaffen die 200 km/h-Liga.

Ecofuel-Fahrer müssen sich auch nicht mehr mit der Sorge quälen, dass weitab einer der seltenen Zapfstellen das Gas ausgeht. Erstens reicht der Vorrat (22 Kilogramm) für 400 Kilometer, danach wird automatisch auf Benzin umgeschaltet. Und zweitens sind dann dank 32-Liter-Tank weitere 400 Kilometer drin.

Bleibt die Preisfrage. Vergleichswährung sind die echten Betriebskosten. Bei denen liegt
• der Ecofuel unter den drei Sauber-Passat überraschend weit oben, weil sein hoher Neupreis von mindestens 33 800 Euro voll in die Bilanz schlägt;
• der BlueTDI ist trotz geringeren Preises auf vier Jahre hochgerechnet kaum billiger;
• anders der Bluemotion. Dank des geringen Verbrauchs und des günstigen Kaufpreises belastet er die Haushaltskasse pro Monat und Kilometer deutlich weniger als seine beiden Modellbrüder.

Gas gewinnt

Die Treibstoffkosten des Erdgas-Passats sind allerdings nicht zu unterbieten. Seine Gasrechnung für 100 Kilometer Fahrt im Alltagsverkehr steht bei 4,68 Euro (gemittelter Preis Stand Anfang Juli). Bei 15.000 Kilometer Jahresfahrleistung sind 702 Euro für den Gaslieferanten fällig.

Der Bluemotion ist teurer. Er verfeuert auf 100 Kilometer Diesel für 5,78 Euro, im Jahr summiert sich das (bei 15 000 Kilometern) auf 867 Euro. Spitzenreiter bei den Spritkosten ist der Harnstoff-Saubermann BlueTDI. Sein Dieselbedarf kostet für 100 Kilometer 6,72 Euro, im Jahr knapp über 1000 Euro. Rund 40 Prozent mehr als für den Modellbruder an der Gastanke fällig werden.

Außerdem muss der BlueTDI-Fahrer noch für den Harnstoff zahlen, der knapp zwei Euro pro Liter kostet. Die zu sparen ist allerdings wenig ratsam: Ohne AdBlue im Zusatztank startet der Motor nicht.

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