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BWM-Welt: Warenausgabe im Wolkenschloss

Bürgermeister, BMW und Architekt strahlten bei der Eröffnung des BMW-Tempels um die Wette. Seinen Neuen kann man nun in einer grandiosen PS-Wallfahrtskirche abholen. Die Bespaßung kostet fast 500 Euro, die schlichte Schlüsselübergabe ohne ChiChi wurde gestrichen.

Von Jens Maier, München

Wenn sich am Samstag der Verkehr auf den Ausfallstraßen in München staut, sind ausnahmsweise nicht die Fußball-Fans schuld, die auf ihrem Weg in die Allianz-Arena für Dauerstau sorgen. Tabellenführer Bayern-München spielt auswärts in Bochum. Falls es also rund um den Mittleren Autobahnring zum Verkehrschaos kommt, liegt das dieses Mal am Heimspiel einer anderen bayerischen Ikone: Autobauer BMW öffnet seine BMW-Welt für die Öffentlichkeit.

Nach drei Jahren Bauzeit fand am Mittwoch die Einweihung des 500-Millionen-Vorzeigebaus statt. In Anwesenheit des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein und Münchens Oberbürgermeister Christian Ude wurde die BMW-Welt feierlich eröffnet. Ab Samstag darf dann auch die Öffentlichkeit einen Blick hinter die futuristisch anmutende Fassade werfen, ehe dann ab Dienstag das Gebäude seine Arbeit aufnimmt: 170 bis 250 BMW-Käufer werden hier täglich ihr Fahrzeug ab Werk in Empfang nehmen können. Doch die BMW-Welt soll viel mehr als ein Fahrzeugauslieferungszentrum sein. Das Gebäude soll die Welt von BMW widerspiegeln und ein Tempel für Automobilenthusiasten werden. Und zwar nicht nur solcher, die bereits BMW-Kunden sind. Zu den jährlich zirka 45.000 Fahrzeug-Abholern aus aller Welt, sollen 800.000 Fans der Marke kommen, die einfach nur als Besucher in die BMW-Welt schnuppern.

Würden Sie in die BMW-Welt pilgern?

Damit das klappt, hat der Autobauer sich mächtig ins Zeug gelegt. Die Ansprüche an die Architekten formulierte BMW so: "Bauen sie ein architektonisch herausragendes Gebäude, das die Werte der Marke widerspiegelt und sich harmonisch in das Gebäudeumfeld einfügt." Leichter gesagt als getan. Denn die BMW-Welt steht im Schatten des legendären, im Volksmund "Vierzylinder" genannten, Hochhauses. Gebaut 1972, wurde es dank des genialen Entwurfs von Stararchitekt Karl Schwanzer zu einem Wahrzeichen Münchens.

Auswahl aus dem Kuriositäten-Kabinett

Der Mann, der die BMW-Welt bauen durfte, ist ein Schüler von Schwanzer. Wolf D. Prix und sein Wiener Architektenbüro Coop Himmelb(l)au hat sich im harten Wettbewerb durchgesetzt: An der Ausschreibung haben 275 der weltbesten Architekten teilgenommen - mit teilweise genialen Ideen. "Wir hatten einen Entwurf, der ein Riesenrad vorsah. Darin sollten die Kunden mit ihrem neuen Fahrzeug einmal 90 Meter über München schweben", erinnert sich BMW-Vorstand Ernst Baumann. "Spektakulär, doch unsere Anforderungen wurden leider nicht erfüllt." Stattdessen hat sich BMW für Prix' schwebende Wolkenlandschaft aus Stahl und Glas entschieden.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

55.000 Kubikmeter Beton wurden verbaut, 14.500 Quadratmeter Glas montiert. Das Dach ist so groß, dass es den Markusplatz in Venedig überspannen würde, im Innenraum hätte der neue Airbus A380 locker Platz. Trotzdem ist kein Monster aus Glas und Beton entstanden. Das liegt vor allem an der kühn geschwungenen Dachkonstruktion, die auf nur 11 Säulen ruht und somit einen weitläufigen und dynamischen Innenraum zulässt. Markenzeichen des Gebäudes ist der so genannte Doppelkegel, der sich wie ein kleiner Wirbelsturm in den bayerischen Himmel schiebt.

Glücklicher Künstler

Das Gebäude sei die Grenze des derzeit machbaren, ist Vorstand Baumann voll des Lobes über die neue BMW-Welt und setzt noch eins drauf: "Das Ergebnis ist mehr als wir uns erträumt haben". Und obwohl Architekt Prix Zugeständnisse an den Bauherren machen musste, gehört er nicht zu den frustrierten seiner Zunft, die am Ende vor ihrem Gebäude stehen und es eigentlich nicht wirklich wiedererkennen. "Ich konnte meine Ideen vollenden", sagt er heute stolz.

Damit die Rechnung mit 850.000 Besuchern im Jahr aufgeht, wird den Besuchern auch im Inneren einiges geboten. Für Fahrzeugabholer wird ein individuelles Programm aus Werksführung, Fahrzeugeinführung und Fahr-Simulationen geboten, dessen Höhepunkt die Abholung des neuen BMW ist. Wie ein Kinostar wird der Wagen auf einer "Premiere" genannten Bühne in Szene gesetzt wird. Spezielle Profischeinwerfer der Marke Arri sorgen für das perfekte Licht. Ein Drehteller präsentiert den Wagen von allen Seiten. Auf einer Rampe fährt der stolze BMW-Besitzer sein neues Gefährt dann wie auf einem roten Teppich - in diesem Fall nicht einfach Teer oder Beton, sondern ein Quarzbelag, der Reifenquietschen verhindern soll - aus der BMW-Welt.

Umsonst wurde gestrichen

Diese Aufmerksamkeit kann er auch verlangen, den zu seinen mindestens 25.000 Euro für ein neues Fahrzeug verlangt BMW 457 Euro für die Bereitstellung in München. Wie bei den Autos lässt sich auch hier die Liste der "Zusatzausstattungen" beliebig verlängern. Wer will, kann ein Premium-Paket mit Abholung am Flughafen, Übernachtung und Dinner buchen.

Günstiger kommen Nicht-Kunden davon, die der BMW-Welt einfach nur einen Besuch abstatten wollen - der Eintritt ist frei. Spannend sind neben einem Einblick in die Technik der Fahrzeuge und in die Design-Abteilung vor allem die verschiedenen Simulationen, die das Fahren auf verschiedenen Untergründen oder in Gefahrensituationen in technischer Perfektion erlebbar machen. Wer will, kann einen X5 über rutschige Straßen oder durch Matsch und Schnee jagen, ohne dass Mutti auf dem Beifahrersitz gleich einen Herzinfarkt bekommt. Oder auf Kopfhörern dem Sound eines V10-Motors aus einem für Familienväter unbezahlbaren M6 lauschen, während die Kinder im nur für sie zugänglichen Junior-Camp Technik erklärt bekommen. "Wir wollen authentisch sein und hier kein zweites Disneyland machen", erläutert Rudolf Wiedemann, Chef der BMW-Welt, die Idee der Ausstellungen im Gebäude.

Erhoffter Besuchermagnet

Dass das Konzept aufgeht hofft nicht zuletzt Münchens Bürgermeister Christian Ude. Der wünscht sich natürlich, dass die neue BMW-Welt noch mehr Touristen aus aller Welt in die bayerische Landeshauptstadt lockt. Beim Festakt zur Einweihung am Mittwoch war er jedenfalls voll des Lobes für Architekten und die Bauherren: "Es ist eine herausragende Architektur entstanden, die das Zeug dazu hat, ähnlich wie die Allianz-Arena, zu einem neuen Wahrzeichen Münchens zu werden." Und Ude gab unverhohlen zu: "Es ist ein gutes Gefühl, wenn man so was heranwachsen sieht und weiß, mit den Kosten hab' ich nichts zu tun."

Die Zeichen stehen gut, dass die BMW-Welt mit dem geschwungenen Dach, dem Doppelkegel und den wechselnden Farbbeleuchtungen in der Nacht ein Besuchermagnet wird. Ob Ude sich dann allerdings auch noch freut, wenn Touristen - bei der Allianz-Arena ist das mehrfach passiert - einen Megastau verursachen, weil sie auf der Suche nach dem perfekten Winkel für das perfekte Erinnerungsfoto vom Doppelkegel sind?

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