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Elektroautos in Deutschland: Kurzschluss auf dem "Leitmarkt"

Von wegen Leitmarkt für Elektromobilität: Ganze 101 Elektroautos fanden 2011 bislang private Käufer. Wenn Deutschland in Zukunft mit Strom fahren soll, muss die Bundesregierung jetzt Gas geben.

Von Gernot Kramper

Im November 2008 formulierte die Bundesregierung "Deutschland solle Leitmarkt für Elektromobilität" werden. Das Zwischenergebnis der Initiative: Deutschland ist das Schlusslicht beim Thema Elektroauto. Während die Berliner Ministerien von einer Million Elektroautos auf deutschen Straßen im Jahr 2020 träumen, sind die tatsächlichen Zulassungszahlen von Stromern ein trauriger Witz: In den ersten elf Monaten des Jahres sind gerade mal 1808 Elektroautos angemeldet worden, berechnete Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen. Den Großteil der Zulassungen machen Showfahrzeuge aus. Sie werden von den Autohändlern für die Ausstellungsräume oder aus Imagegründen von Umweltorganisationen und Stromerzeugern angemeldet. Von Privatpersonen wurden bislang lediglich 101 Elektroautos gekauft.

Langsame Bürokratie

Das ist besonders ernüchternd, weil 2011 für Käufer durchaus alltagstaugliche Elektrowagen zur Verfügung gestanden hätten. Kleinwagen etwa wie der Mitsubishi iMiev, mit einer Reichweite, die viele Verkehrsexperten als "ausreichend" bezeichnet haben. Einen Kaufimpuls haben diese Angebote offenbar nicht ausgelöst. Dudenhöffer macht die schleppende Umsetzung der Förderprogramme in Deutschland für das Desaster verantwortlich. Der Autoexperte: "Wenn die Kanzlerin sagt, wir legen jetzt los, dauert es in Deutschland dann doch sehr lang." Hauptproblem sei es, dass der normale Autofahrer nicht mit der neuen Technik in Berührung komme. Die Bundesregierung will die E-Mobilität in sogenannten regionalen Schaufenstern konzentriert fördern und dort sichtbar ins Straßenbild bringen. Nur steckt der Bewerbungs- und Auswahlprozess der Regionen in der Förderbürokratie fest. Vor 2013 werde kein Fahrzeug, so Dudenhöffer, durch die Schaufenster-Initiative auf die Straße kommen. Viel zu spät: Ein eigener Versuch des Center Automotive Research mit 250 Probefahrern habe gezeigt, dass die Kunden in Deutschland sich durchaus für Elektromobilität begeistern können. Auch seien die Befragten bereit gewesen, Mehrkosten von bis zu 5000 Euro zu akzeptieren.

Auch Werner Reh, Mobilitätsexperte vom Umweltverband BUND, wundert sich nicht über die geringen Verkaufszahlen: "Es gibt keine schlüssige Argumentation, die die Leute abholt. Ein funktionierendes Produkt ist nur eine Grundvoraussetzung." Der BUND-Experte glaubt nicht, dass das Elektro-Auto jemals so eine eierlegende Wollmilchsau sein werde wie der Benziner. Um die Kunden dennoch zufrieden zu stellen, wird das E-Auto auf Unterstützung angewiesen sein und müsse in ein schlüssiges Verkehrskonzept eingebunden werden. Die Zukunft sieht Reh in der Nutzung in Sharingflotten und nicht in Kauf und Besitz.

Kein Ersatz für den Benziner

Denn auch Elektrofahrzeuge der nächsten Jahre werden nicht viel attraktiver sein, als die des Jahrgangs 2011. Zu erwarten sind Forschritte bei der Batterietechnik und sinkende Herstellungskosten der Stromspeicher. Im Ergebnis werden die Fahrleistungen der Stromer etwas steigen, und der Preisunterschied zu einem vergleichbaren Benziner wird etwas zurückgehen. Diese graduellen Veränderungen allein werden aber keinen plötzlichen Verkaufsboom auslösen.

Ein Blick auf die letzten Automessen zeigt in etwa, wie sich die Industrie die Zukunft der Elektromobilität vorstellt. Bei Fahrzeugen mit Ausmaßen und Leistungen eines herkömmlichen Pkws steht die Brennstoffzelle im Vordergrund, als Übergangslösungen werden sich Hybride oder Elektrofahrzeuge mit Range-Extender - einem Hilfsmotor zur Stromerzeugung - etablieren. Bei reinen Stromern hat sich eine gewisse Ernüchterung breitgemacht: Opel etwa hat offen bekannt, dass man für einen Wagen der Größe eines Corsas mit Elektroantrieb zurzeit keinen Markt sehe.

Ein Ausweg bieten Micro-Cars, die schon äußerlich wenig mit herkömmlichen Wagen zu tun haben. Auf der Messe in Tokio wurden Vehikel vorgestellt, die an futuristische Roll-Eier erinnern. Auf der IAA in Frankfurt wurden kleine Cityfahrzeuge im dynamischen Kabinenrollerdesign vorgestellt. Beiden Ideen gemeinsam ist, dass diese E-Autos sich vom Konzept des klassischen Pkw emanzipiert haben. Eine Entwicklung, die auch der BUND-Experte Reh begrüßt: "Für die Elektromobilität muss das Auto neu gedacht werden. Vor allem muss es leichter und kleiner werden. Mit 1,5 Tonnen wird eine Batterie auch in Zukunft überfordert sein."

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