EU-Importe Multikulti-Autos zum Schnäppchen-Preis


In deutschen Autohäusern tobt die Rabattschlacht. Tiefstpreise sollen kaufmüde Kunden verführen. Aber 43 Prozent auf einen Kia Magentis - wer kann denn so was? EU-Importeure können. Ihre Neuwagen sehen zwar aus wie alle anderen. Aber sie haben Migrationshintergrund.
Von Anja Semmelroch

Flachdach, Glasfront, Ausstellungsfläche - auf den ersten Blick unterscheidet euro-Nissen nichts von Hunderten anderen Autohäusern in der norddeutschen Provinz. Hinter weißverschneitem Ackerland schimmert die Ostsee in der Flensburger Förde, auf den Motorhauben glitzert der Frost. Der Clou: Ginge alles mit rechten Dingen zu, hätten diese Autos nie einen deutschen Winter erlebt. Nis Christian Nissen importiert und verkauft Neuwagen, die eigentlich für die Märkte im EU-Ausland bestimmt sind. Warum er das tut, zeigt ein Blick aufs Preisschild: Kia Magentis 2.0 CRDI EX / Diesel / 140 PS, Listenpreis: 24.550 Euro, Nissen-Sonderpreis: 13.995 Euro - 43 Prozent Rabatt. VW Passat 2.0 TDI 170 DPF / Diesel / 170 PS, Listenpreis: 36.150 Euro, Nissen-Sonderpreis: 26.490 Euro - 27 Prozent Rabatt. "Unsere Preise sind so, dass es sich auch lohnt, für einen Passat aus Bayern hier hochzufahren", sagt der Chef selbstbewusst.

Seit 15 Jahren macht der studierte Maschinenbau-Ingenieur sein Geld mit Euro-Neuwagen. Als Nissen 1994 den ersten Versuchsballon startet, ist er Anfang dreißig. Der Kurs der italienischen Lira ist damals im Keller - "und auf einmal war da ein Auto 30 Prozent günstiger", erinnert sich Nissen. Fünf bis acht Prozent Rabatt sind seinerzeit in Deutschland die Regel. Im Südtirol-Urlaub mit Freunden packt Nissen der Geschäftssinn: "Meine Leute waren auf dem Berg zum Skifahren, und ich hab' mir einen Leihwagen genommen und die Autohändler abgeklappert." In Bozen ersteht er schließlich drei Opel Corsa. Die Reisebegleiter kommen wie gerufen - sie steuern die Ware mit rotem Nummernschild zurück nach Hause. "Das musste einfach funktionieren", sagt Nissen heute. Und tatsächlich: Die Wagen stehen keine Woche vor dem kleinen Autohaus im schleswig-holsteinischen Steinbergkirche, dann haben sie ihre Käufer gefunden.

Luxus in Dänemark, Schnäppchen in Deutschland

Nissen wiederholt, was sich bewährt. Die nächste Ladung italienischer Autos bestellt er per Fax; diesmal liefert ein Lkw. Als immer mehr Neugierige bei euro-Nissen vorbeischauen, knüpft er erste Kontakte über die Grenze nach Dänemark. Dort lastet eine hohe Luxussteuer auf Neuwagen, die Hersteller reagieren mit niedrigen Marktpreisen. Selbst wenn Nissen dem Händler mehr bezahlt als die dänischen Kunden und seine Autos in Deutschland zum Schnäppchen-Preis anbietet - unterm Strich macht er trotzdem Gewinn.

Das Nissen-Netzwerk breitet sich über ganz Europa aus. Erst Norwegen, Schweden, Belgien und die Niederlande, später auch Polen, Ungarn und die Slowakei. Heute arbeitet der 47-Jährige mit rund 50 Händlern im EU-Ausland zusammen, mit manchen schon seit der Gründungsphase. Über den Tisch ziehen lässt er sich nicht mehr: "Ich will da mindestens die Rabatte haben, die auch ein anderer Kunde bekommt", stellt Nissen klar. Um die 1000 Neuwagen importiert er im Jahr. Die Käufer kommen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Gerade hat Nissen einen Interessenten aus Schweinfurt am Telefon, dem auf der Internet-Seite ein Opel Corsa ins Auge gestochen ist. "Das ist ein dänisches Auto - das hat eine Sitzheizung, aber keine Klimaanlage", dämpft Nissen die Erwartungen und listet geduldig ein ums andere Mal die Ausstattungsdetails auf. Denn jeder Markt hat seine Eigenheiten: In Skandinavien etwa stehen sehr sichere Fahrzeuge zum Verkauf, mit ESP und Airbags serienmäßig. In südeuropäischen Autohäusern bekommt man wenig Komfort für noch weniger Geld. Aber was will der deutsche Kunde?

Drei Monate Warten, dann ist das Wunsch-Auto da

Um allen Vorstellungen gerecht zu werden, importiert Nissen längst nicht mehr nur, was beim Händler steht - 60 Prozent der Neuwagen lässt er auf Bestellung fertigen. Die 300 bis 400 Euro-Autos, die auf dem Ausstellungsgelände in Steinbergkirche parken, sind für Nissen heute ein "nettes Zubrot", weiter nichts. Mit einem speziellen Konfigurator im Internet kann sich der Kunde sein Wunsch-Auto zusammenstellen. Nur BMW- und Mercedes-Modelle sucht man vergeblich; die Premium-Marken haben dem Geschäft mit den Re-Importen einen Riegel vorgeschoben. Drei Monate nach Bestellung ist das Euro-Auto da, verspricht Nissen - samt deutschsprachiger Bedienungsanleitung, Zulassungsbescheinigung und Service-Heft.

(Fast) alle Marken aus einer Hand, und als Sahnehäubchen Sonderausstattungen, die es in Deutschland nicht oder nur gegen Aufpreis gibt - EU-Händler haben Leistungen im Angebot, die man woanders vergeblich sucht. Für Thomas Herzig vom Bundesverband freier Kfz-Importeure (BfI) sind deshalb längst die Zeiten passé, in denen für einen Euro-Neuwagen allein der Preis sprach. "Ich wehre mich dagegen, dass man das wie ein merkwürdiges Auto von einem anderen Stern betrachtet", bricht er eine Lanze für seine Branche. Die ist trotz aller Vorzüge überschaubar geblieben: Zwar stellen sich auch "normale" Autohäuser gerne den einen oder anderen EU-Wagen auf den Hof. Aber spezialisierte Importeure wie Nissen gibt es laut BfI nur 500 bis 600 in Deutschland.

Das Geschäft brummt - wenn die Kostenseite stimmt

"Es ist schon extrem aufwändig", erklärt Nissen die Zurückhaltung. Europaweit Devisenkurse und Steuergesetze im Blick behalten, neue Geschäftskontakte auftun, Ankauf und Lieferung organisieren - "so was machen Sie nicht von heute auf morgen". Die Herausforderung: Das Geschäft mit den ausländischen Schnäppchen-Autos ist nur einträglich, solange die Kosten minimal gehalten werden können. Transport, Durchsicht, Reinigung, all das darf nicht ins Geld gehen, rechnet Nissen vor, sonst ist der Preisvorteil gleich wieder aufgefressen.

Auch wenn er sich mit seinem 43-Prozent-Angebot unter den Kunden schnell Freunde machen dürfte - wenn Nissen ehrlich ist, sehnt er sich nach den Zeiten zurück, in denen es die EU-Importeure noch mit maximal einstelligen Rabatten der Konkurrenz aufnehmen mussten. "Uns geht es viel besser, wenn es den Vertragshändlern auch gut geht", sagt er. "Jetzt müssen wir uns richtig anstrengen, damit wir die Preise noch unterbieten können."


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