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RAF-Autos: Die schnellen Reifen der Revolution

Deutschlands berüchtigtster Revoluzzer, Andreas Baader, war kein großer Theoretiker, dafür liebte er forsches Vorankommen. Am liebsten raste Andreas Baader mit einem Porsche oder einem sündhaft teuren Iso Rivolte durch die Strassen der Republik. Auffällig, aber schick.

Von Helmut Werb

Baader fuhr bevorzugt - ohne Führerschein, wohlgemerkt - einen dunkelvioletten Porsche 911 Targa (den er sich ausnahmsweise klauen ließ) und seine Vorliebe, durch Frankfurters Einbahnstrassen in der falschen Richtung zu donnern, war Legende unter den Genossen. Den Porsche schaffte der Revoluzzer mittels eines derben Totalschadens, was die Genossen keineswegs überraschte. Danach volontierte keiner der sonst so draufgängerischen Mitstreiter als Baaders Beifahrer. Seine wilde Fahrt auf einer Suzuki durch den Münchner Englischen Garten regte keinen der Genossen weiter auf, vor allem weil er solo fuhr, für die freistaatliche Polizei hingegen war der Garten-Akt die reine Anarchie. Mit diesen Eskapaden kann man den Einfluss der Django-Filmchen auf das Bewussteins der Akteure erkennen. Selbst in der kriminellen Zuspitzung zeigt sich der kindliche-pubertäre Trutz der 68er gegen das angeblich so miefige Milieu der Generation zuvor.

"Mein Freund fährt auch so einen"

Kein Wunder jedenfalls, dass die Revolution einen so unstillbaren Bedarf nach schnellen Autos und auch dem meinem entwickelte. "Hey", sagte die Blondine, als ich aus meinem Mercedes 300SE stieg, einem damals schon nicht mehr taufrischem, tiefschwarzen Heckflossenpanzer stieg. "Mein Freund fährt auch so einen." Es war drei Uhr morgens, und ich hatte genau vor Tübingens "Alten Simpl", einer Kneipe, die die Sperrstunden missachtete, einen Parkplatz gefunden. Warum ich mich so gut an die Begegnung mit Gudrun E. erinnere, war ihr Kaufantrag, den sie mir nach zwei Bieren unterbreitete: ihr "Alter" fahre einen 220SE, einen blauen, und sie hätte nicht gewusst, dass es den Benz auch in "Noch Größer" gäbe. Ob ich mir vorstellen könnte, das Auto zu verkaufen, ihr "Alter" stehe halt so auf dicke Autos.

Aus dem Verkauf meines grundrostigen Benz an Andreas Baader wurde nichts, was mich vor längeren Haftstrafen bewahrte. Wahrscheinlich lag Baaders Desinteresse am Autokauf daran, dass der schillernde Anführer der ersten RAF-Generation zwar eine Vorliebe für schnelle - und teure - Automobile hatte, aber leider auch eine starke Abneigung gegen den ehrlichen Erwerb. Baader knackte seine Karren lieber selbst, ohne elektronische Diebstahlsicherung funktionierte das damals mit dem Schraubenschlüssel.

Auffälliger ging es kaum

Verhaftet wurde Baader dann auf der Kofferraumhaube seines geliebten Iso Rivolta IR300, einer 55.000 Mark teuren Version eines italienischer Supersportwagen, dessen Herkunft ungeklärt war, um es vorsichtig auszudrücken. Um den eklektischen Geschmack des RAF-Anführers in Sachen schnieker Autos besser würdigen zu können, hilft es zu wissen, dass der Porsche damals gerade mal ein Drittel des edlen Isos kostete, den Gudruns "Alter" am liebsten mit offenem Hemd und Piloten-Sonnebrille chauffierte. Bei der RAF ging es am Steuer genauso munter zu wie im französischen Gangsterfilm der Nouvelle Vague. Dort waren die Verbrecher auch sofort zu erkennen, weil sie mit alten amerikanischen Achtzylindern durch die Provinz kutschierten. Der Iso Rivolta war natürlich alles andere als unauffällig, aber mit dem Einsatz der "Doubletten-Methode" bei anderen Fahrzeugen hatte die RAF dem Fahndungsapparat einiges voraus. Hierbei wurde der gestohlenen Wagen mit Kennzeichen und Papieren eines identischen, aber eben nicht gestohlenen Fahrzeugs ausgestattet.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Zusammengeraffte Luxus-Garage

Baaders immenser Autokonsum gipfelte in einer Klau-Orgie, in welcher sich der gefürchtete Rädelsführer alle zwei Monate einen neuen Luxusschlitten griff. Im illegitim erstandenen Stall des selbsternannten Revolutionsführers standen die sportlichen Automobile des BMW Konzerns, eine Tatsache, die alle BMW-Besitzer der späten 60 und frühen 70er Jahre bei überforderten Ordnungshütern gründlich suspekt machte. Baader "besorgte" sich erst einen BMW 2002 ti, damals die coolste Sportlimousine auf dem Markt, und wenig später einen 2800CS, um den ihn selbst alle Nicht-Linksgerichteten beneideten. Wenn man sich an die Anfänge der RAF und den Frankfurter Kaufhausbrand – ein Fanal gegen Bombenterror im Vietnamkrieg und Konsumterror daheim – erinnert, schwindelt es einen angesichts der automobilen Selbstverwirklichung der Bombenleger.

Spießerwagen für die Untergebenen

Der Neid muss sich wohl im Rahmen gehalten haben unter den Genossen und Genossinnen. Ideologisch gefestigte Sympathisanten sahen im teuren und oft wechselnden fahrbaren Untersatz des Chefs eher einen Rückfall in bürgerliche Dekadenz. Vielleicht waren sie aber doch sauer, denn die Trümpfe im Autoquartett waren dem Boss vorbehalten. Die niederen Chargen mussten mit bescheidenerem PKW Vorlieb nehmen. Der Audi 100, damals Inbegriff schniefiger Spießigkeit, war das bevorzugte Fortbewegungsmittel der Jungs und Mädels aus der zweiten Reihe.

Das sollte sich ändern, als Baader nicht mehr selbst Steuer in die Hand nehmen konnte. Christian Klar fuhr 1977 eine Alfa Romeo Gulia zum Mordanschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback, die Schüsse selber wurden vom Sozius einer berüchtigt schnellen Suzuki GS750 abgefeuert (bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, wer wirklich geschossen hat). Für die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer benützten die RAFler einen Mercedes 250 W123. Ein Volkswagen hätte es vielleicht auch getan, aber die Revolution fuhr halt lieber die Wagen des Klassenfeindes.

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