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Seat-Produktion: "Qualität ist der Schlüssel"

Audi-Qualität zu Seat-Preisen. Mit diesem Rezept soll die spanische VW-Tochter künftig Gewinne statt Verluste einfahren. Verantwortlich: Ex-Audi-Einkaufschef Erich Schmitt und seine persönliche Ansicht von guter Arbeit. Ein Rundgang mit Seat-Chef Erich Schmitt am Band in Martorell/Barcelona.

Von Felix E. Bauer

Noch nicht lange ist es her, da schrieb die spanische Volkswagen-Tochter Seat tiefrote Zahlen. Zahlreiche Manager und viele neue Fahrzeugkonzepte sollten das über Jahre hinweg immer mal wieder kräftig angeschlagene Unternehmen sanieren helfen. Doch dass VW den schwierig zu führenden Hersteller, den die Wolfsburger 1986 übernahmen, nicht schon lange verkauft hat, liegt vor allem daran, dass die spanische Regierung ein Wörtchen mitredete und daran, dass Seat niemand haben wollte. Zu schlecht war der Ruf der früher mit Fiat kooperierenden Firma für Billig-Fahrzeuge, zu klapprig und unzuverlässig die Autos aus Martorell. Und auch die noch unter dem damaligen VW-Boss Ferdinand Piech eingeleitete Strategie, der einstigen Billigmarke ein sportlicheres Bild zu verleihen, kam im zweitgrößten Markt Deutschland lange nicht gut an. Noch 2005 mussten 600 Mitarbeiter gehen und mit Blick auf 2007 standen weitere 1000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Doch dann schien plötzlich ein frischer Wind durchs Unternehmen zu wehen. Der im Oktober 2006 von Audi zu Seat gewechselte frühere Einkaufschef Erich Schmitt übernahm das Steuer. Binnen kürzester Zeit ersetzte er zahlreiche Personen in der Führungsmannschaft in Spanien und auch bei der deutschen Vertriebstochter kamen nun frühere VW-Manager zum Zug. Ein von der Mutter VW angekündigtes Investitionsprogramm von 4,5 Milliarden Euro in zehn Jahren unterstützte seine Bemühungen um ein besseres Image der Spanier.

Schmitt hat bislang offenbar ganze Arbeit geleistet. Den Konzernoberen rang er die Zusage ab, mit der auf dem A4 basierenden und Exeo genannten Limousine das Modell-Angebot nach oben erweitern zu können und sich mit einer Auslandsfertigung in Mittel- oder Südamerika künftig neue Märkte erschließen zu dürfen. Trotzdem waren viele Beobachter erstaunt, wie schnell Schmitt wieder gute Zahlen zeigen konnte. Nach zwei herben Verlustjahren wies er für 2007 einen Gewinn aus. Ab 2018 wollen die Spanier mehr als 800.000 Fahrzeuge verkaufen - 2007 waren es noch 431.000 Autos. Zugleich soll die Kapitalrendite auf 15 Prozent wachsen.

Erreichen will Schmitt das das auch mit einer deutlichen Verbesserung der Qualität, an der er seit seinem Amtsantritt 2006 fleißig feilt. Bitte wascht die Fahnen vor dem Gebäude", war eine seiner ersten Anweisungen, erinnert er sich. "Seat war voller Farbe und guter Möglichkeiten, das musste sich in allen Details auch nach außen darstellen", erklärt er heute. Seitdem werden die Flaggen alle zwei Wochen gereinigt.

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Wenn er nicht auf Dienstreise ist, macht der detailverliebte Manager deshalb jeden Morgen seinen Fabrikrundgang und überprüft eigenhändig, ob seine Vorstellung von Qualität auch umgesetzt wird. Wir waren bei einem dieser Rundgänge dabei.

Martorell, 06:31 Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Morgendämmerung in Martorell, 30 Kilometer nordwestlich von Barcelona und Erich Schmitt sitzt am aufgeräumten Schreibtisch. Um sechs Uhr morgens hat der Seat-Chef die erste Tasse grünen Tee getrunken und in seinem spartanisch eingerichteten Büro die ersten Berichte durchgesehen. Gegen halb sieben schnappt er sich seine Autoschlüssel und geht zügig zum Aufzug. Die Schmittsche Qualitätskontrolle beginnt. Heute steigt Schmitt dazu in einem brandneuen roten Ibiza und fährt über das Werksgelände. Das Auto wechselt er jeden Tag – auch das ist Teil seiner speziellen Qualitätskontrolle.

6:35 Uhr, Tür T2 13, Karosseriebau. "Qualität ist der Schlüssel zu allem", sagt der Manager, als er durch den Eingang geht und zügig zum Band läuft, wo unlackierte stahlgraue Rohkarossen des neuen Ibiza wie von Geisterhand langsam voran ziehen. Er ruft den Bandarbeitern ein kräftiges, deutsches, "guten Morgen" zu. Ein Mitarbeiter reicht ihm ohne große Aufforderung einen Schmirgelstein. Mit diesem reibt Schmitt über die die Karosse. Sind dort kleine Vertiefungen, reibt sich das Material des Steins dort nicht ab und macht diese so sichtbar. Schmitt ist zufrieden, es sind keine Dellen zu sehen. Dann streicht er mit seinen Fingerkuppen über die graue Oberfläche. Seit September hat er diese persönlichen Qualitätschecks eingeführt. Mittlerweile wissen die spanischen Fabrikmanager genau, was er will, wenn er Fragen auf Englisch stellt und antworten ihm sogar oft auf Deutsch.

Dann geht Schmitt zum nächsten Auto, fühlt mit seinen Fingern immer wieder über Sicken und Grate. Plötzlich sieht er eine Ungenauigkeit: Zwischen Dachkante und Kofferraumdeckel ist ein zu groß geratener Spalt. "Wenn das nicht behoben wird, gibt es später Windgeräusche", erklärt er und macht sich eine Notiz auf einem Block, den er aus seiner Innentasche zieht. Zehn Punkte sind darauf aufgelistet – alles Problemchen bei der Fertigung, die sein Team identifiziert hat und deren Beseitigung ansteht. Jeder Punkt ist mit einem Datum versehen. Bis dann soll das Problem gelöst sein.

"Es ist wichtig, dass wir bereits hier am Band höchste Qualität haben, so vermeiden wir teure Nachbesserungen vor der Auslieferung eines Fahrzeugs", erklärt Schmitt und macht sich schon wieder auf den Weg zum nächsten Wagen. "Wie war der Audit", fragt er einen Verantwortlichen auf Deutsch. "Ein bisschen besser als beim letzen Mal", kommt die Antwort. "Ein bisschen? Das ist kein Maß", kritisiert Schmitt in bestimmtem Ton und rollt dabei mit seinen Augen. Dann geht’s nach draußen, zurück zum Wagen – die Türmontage wartet.

06:48 Uhr, Türmontage. Halb zusammengesetzte Türen schlängeln sich durch die Halle an einer anderen Fertigungsstraße. Arbeiter bringen einzelne Teile an. Schmitt schaut sich Passung und Formen genau an, streicht wieder mit dem Finger über Einzelteile, überprüft und greift über Halter, Türgriffe und Verkleidung. Bislang werden die Ibiza-Türen in einer Extra-Linie montiert, aber das soll sich eines Tages ändern. "Die Türen sind OK, aber der Herstellungsprozess entspricht noch nicht meinen Vorstellungen", erklärt er. Besser wäre es, keine Extra-Linie für die Türfertigung haben zu müssen – auch das ein Teil der Schmittschen Qualitätskontrolle. Dann macht er sich auf den Weg in die nächste Halle.

07:02 Uhr, Endmontage. Schmitt öffnet die Tür Nr. 10 und betritt die Endmontage. Aus den Rohkarossen und Einzelteilen sind mittlerweile fast fertige Autos geworden. Die Fahrzeugschlange bewegt sich auf die Schlusskontrolle zu. Schmitt öffnet eine Tür, setzt sich auf den Fahrersitz und beginnt seine eigene Kontrolle. Er dreht das Lenkrad, knipst Schalter an und aus, dreht an Knöpfen und fährt mit den Fingern über Armaturenbrett und Türverkleidung. "Die echte Wahrheit liegt hier", sagt er und zeigt zufrieden auf den engen Spalt neben dem Radio. Dann steigt er aus dem Auto, öffnet und schließt die Türen und hört auf das dabei entstehende Geräusch. Er hebt Kofferraum und Motorhaube an und überprüft die Stelle, die er im Karosseriebau heute früh wegen des großen Spaltmaßes noch als vermeintliches Lärmproblem identifiziert hat. "Viel besser", sagt er und fährt mit dem Finger über den jetzt kleineren Spalt. "Wir arbeiten sehr hart an den Spaltmaßen. Wir wollen die gleichen Ergebnisse wie bei einer Premium-Marke erreichen - aber mit anderen Materialien". Im Kofferraum eines blauen Ibiza entdeckt er ein herausstehendes Stück Teppich und stopft es eigenhändig wieder an seinen Platz. Und auch der links nur minimal größere Spalt am Rücklicht fällt ihm auf. "Wir werden das heute noch beheben", sagt er, schon wieder auf dem Weg zum nächsten Qualitätspunkt.

7:23 Uhr, Meisterbock. Schmitt betritt ein Gebäude mit dem Namen Sala de Mesura oder im Konzern-Deutsch "Meisterbock". Wo Seat früher erst auf Kundenanfragen oder Beschwerden über die Qualität reagiert und nachgebessert hat, will Schmitt schon am Band eingreifen. Deshalb auch hat er die von Audi kommende Meisterbock-Tradition bei Seat eingeführt: Täglich wird die Qualität der neuen und künftigen Teile und Produkte von einem Team von Ingenieuren überprüft und besprochen. Der Meisterbock gilt als Idealmaß für die Qualität, die dort gezeigten Teile entsprechen voll der jeweiligen Spezifikation. "Solche Ergebnisse will ich auch in der Produktion sehen", sagt Schmitt. "Gegen den Meisterbock messe ich alles. Wenn etwas nicht stimmt, bringen wir Leute ans Band, um das Problem zu beheben. Und zwar noch am selben Tag", erklärt er den Prozess.

Der Raum ist voll mit leitenden Angestellten. Etwa 30 sind in Anzügen und Krawatte erschienen und warten auf die tägliche Qualitätsprüfung durch den Chef. 30 Minuten sprechen sie über Qualität der Teile, zeigen Schmitt stolz die in den letzten Tagen erreichten Verbesserungen. Verschiedene Fahrzeugmodelle stehen in dem weißen Raum, einige sind mit Tüchern abgedeckt. Ein mit Maßen und Markierungen versehener Ibiza steht in der Mitte des Raumes. Orangefarbene Pfeile zeigen auf Spalten und beschreiben deren Größe. "Hier fällt die Entscheidung, ob man ein durchschnittlicher Autobauer oder ein Premium-Autobauer ist", sagt Schmitt und zeigt damit, wo Seat hin soll.

Der für den Meisterbock zuständige Manager hat Schweißperlen auf der Stirn. Er führt Schmitt zu einem neuen hinteren Stoßfänger, zu einer neuen Motorhaube und neuen Kotflügeln. Schmitt prüft das Spaltmaß zwischen Kotflügel und Türe. Wir haben den Winkel an dem Spalt so verändert, dass er aus der Perspektive des Fahrers kleiner aussieht", erklärt ein Ingenieur. "Für mich ist das immer noch zu groß", sagt Schmitt und streicht über den Kotflügel. "Hier muss ein kleinerer Radius verwendet werden", sagt er und zeigt auf ein kleines Loch im Stoßfänger. "Dann sieht der Spalt kleiner aus", erklärt er den Ingenieuren und geht weiter zu einem anderen Ibiza.

Dieser hat zahlreiche Aufkleber an den vermeintlichen "Problemzonen", die in der Fertigung identifiziert wurden. Auf jedem steht ein Datum. Bis dann soll das Problem behoben sein. Schmitt nimmt einen Aufkleber mit dem heutigen Datum ab und prüft, ob die Änderung ausgeführt ist. Kleber um Kleber verschwindet, einige andere Stellen erhalten einen blauen Aufkleber. "Wann wird das behoben sein?", fragt er. "Ende nächster Woche", sagt ein Ingenieur. "Wann? Wann?", fragt Schmitt nach. "Freitag", sagt der Ingenieur und der Seat-Chef selbst schreibt das Datum auf den neuen Aufkleber.

Um 8:20 Uhr ist die Meisterbock-Besprechung zu Ende. Schmitt trifft sechs Entscheidungen in acht Minuten, er stellt Frage um Frage. Es gibt offenbar noch viel zu tun. "Er hat hier so viel verändert", sagt ein Teammitglied. "Seine Hingabe für das Detail ist dramatisch", beschreibt er den 60-Jährigen. Schmitt dreht sich um. "Bis morgen", sagt er und läuft in seinem zügigen Tempo aus dem Raum. "Qualität ist eine Philosophie", erklärt der Manager. "Wenn wir sie verbessern, können wir unser Ziel, eine Qualitätsmarke im Konzern zu werden, erreichen. Deshalb mache ich das jeden Tag".

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