Spritsparwunder Vollgas mit Leitungswasser


Ein kleines Motor-Gimmick soll 60 Prozent weniger Verbrauch erreichen. Wasserstoff aus Leitungswasser verheißt die Wundermaschine. Passt für alle Vier-Zylinderlinder, lässt sich nachrüsten und kostet 5.474 Euro. Ein Erlebnisbericht von der Verkaufsshow im Revuetheater.
Von Roland Brockmann

Auf dieser Bühne tanzten schon "Broadway Stars": Im winzigen Revue Theater am Flughafen Berlin-Tempelhof erwartet den Gast normalerweise ein "Feuerwerk aus Musik, Tanz, Licht und Farbe". Doch an diesem Nachmittag hat die Firma "Piatke H2 Technologie" die Bühne ganz für sich und ihr bahnbrechendes Produkt – und das verspricht so einiges mehr:

Im Grunde nichts weniger, als ein Wunder - so es denn funktioniert: Fahren mit Wasserstoff. Das Element H aus der Verbindung H2O, simpel aus dem Wasserhahn gezapft, wird zum Treibstoff. Daran arbeitet die Großindustrie seit Jahren und davon träumen wir doch alle. Vor allem, wenn der Wasserstoff ohne Mühe und mit geringen Kosten sprudelt. Sechzig Prozent Einsparung beim Benzinverbrauch verspricht die Verkaufsveranstaltung.

Noch schlummert die geheimnisvolle Apparatur versteckt unter einem blauen Tuch auf der Bühne. Erst nach 90 Minuten Lobpreisung wird die blonde Assistentin des Conférenciers das Tuch lüften. Das Wunderwerk, allerdings ziemlich entfernt und schlecht zu erkennen, wird im Scheinwerferspot auftauchen, und Herr Piatke persönlich das "Okay" zum versprochenen Praxistest geben.

Bis dahin jongliert Herr Piatke schneller als jeder Varietékünstler mit den klangvollen Namen amerikanischer "Companies" und allen nur denkbaren "Trainings" in der US-Luftfahrtindustrie, an denen er angeblich teilgenommen hat. Sein Feuerwerk lässt kritische Fragen gar nicht erst aufkommen. Stattdessen denkt der Zuschauer, Werner von Braun persönlich muss diesem Mann einst zu Füssen gelegen haben, bis Herr Piatke - natürlich gegen die geistigen Beschränkungen konservativer Denker - seine persönliche Wunderwaffe im Ölkrieg entwickelte: die "Piatke-H2-Technologie für PKW".

Eine Wasserstoff Elektrolysezelle soll dabei "elektrolytisch mittels einer Ionenaustauscher-Membran reinsten Wasserstoff erzeugen". Das klingt so innovativ, dass das Auditorium nur andächtig schweigt.

Alternative Antriebssysteme sind in Zeiten steigender Energiekosten natürlich ein Renner. Weltweit wird nach Innovationen gesucht. Der französische Visionär Guy Nègre versprach 2005 bereits ein Druckluftauto, das über komprimierte Luft angetrieben wird. Anstatt "Pumpen und Fahren" kommt hier der Antrieb durch Wasser.

"Da hat mal wieder jemand das Perpetuum Mobile erfunden, oder er glaubt die Vakuumenergie – was immer das sein mag – anzapfen zu können", meint Professor Volker Schindler von der TU-Berlin gegenüber stern.de.

Eigentlich will der Forscher am Fachgebiet "Kraftfahrzeuge" den "Unsinn" des Herrn Piatke gar nicht kommentieren. "Ernsthaft", so Schindler: "Wenn man Wasserstoff an Bord eines Fahrzeugs aus Wasser erzeugen will, braucht man eine Elektrolyse und dazu den nötigen Strom; wenn man mit dem Strom direkt führe, kämme man zirka doppelt so weit. Oder man verwendet einen thermochemischen Prozess zur Wasserzerlegung; dann muss man mit 2.500 Grad heißen Systemen umgehen und braucht die Energie, um sie zu betreiben."

Das Wunder des Herrn Piatke kann einfach nicht passieren. Sagt der Fachmann von der Universität, leider hält Herrn Piatke eine Krankheit von einer Stellungnahme gegen das Verdikt der Schul- und Lehrweisheit ab. Sei es drum, beim Vortrag ist der Saal ausgebucht, der Andrang zur Verkaufsveranstaltung so groß, dass der Betreiber des Revuetheaters eigens Sicherheitsleute bestellt hat. Eintritt fünf Euro.

Frauen mittleren Alters im Kostüm wie Männer mit Bärten, die wie fachkundige Tankwarte auf Ausgang wirken, sind nicht nur aus Berlin angereist – bis nach Hamburg wirkte das Versprechen der Wundertechnik. Den endlosen Ausführungen des Verkaufsmanagers, folgt das Publikum ohne zu Murren. Um "Angie" geht es, die Kanzlerin, die auf alles Steuern erhebt und natürlich um das immer schmälere Portemonnaie des Endverbrauchers. Alle möglichen Lebenslagen und Befindlichkeiten werden angesprochen, nur nicht die angepriesene Technik.

Kostprobe zur naiven Frage aus dem Publikum, ob denn normales Wasser oder destilliertes zu Anwendung komme: "Sie wollen ihre Frau in der Badewanne, nun ja…" Herr Piatke schaut keck ins Auditorium. "Und die liegt nun, angenommen, in destilliertem Wasser, Sie schmeißen einen Föhn ins Wasser. Was sagt ihre Frau?" Herr Piatke: "Ach Liebling, wirf doch den Rasier noch hinterher." Okay, wir haben begriffen, destilliertes Wasser leitet nicht, leistet also auch keine Elektrolyse.

Dann werden endlich per Powerpoint Schaubilder der Anlage präsentiert. Neben einem Powerflüssigkeitsbehälter leuchtet verschwommen auch die berühmte Elektrolysezelle auf. Details? Fehlanzeige. Das Teil könnte genauso gut aus einer Melkmaschine stammen.

Doch es naht der große Moment. "Bitte nicht Rauchen, Explosionsgefahr", witzelt der Mann. Die blonde Assistentin lüpft das Tuch und auf der Bühne erstrahlt die Piatke-Versuchsanordnung im Scheinwerferlicht. Applaus. Der Conférencier darf den Einschaltknopf drücken, die Assistentin hält ein angeschlossenes Röhrchen in ein Glas mit Wasser, wo es gleich zu sprudeln beginnt. Das ist der Beweis! Nochmals Applaus, die Veranstaltung neigt sich ihrem Ende.

Die versprochene reale Vorführung im Piatke-Privatwagen auf dem Parkplatz fällt ohne Begründung aus, dafür liegen nun Verkaufsunterlagen aus. Da kostet das Modell für den 4-Zylinder-Motor bereits 5.474 Euro, bei Bestellung werden sofort 2.800 Euro fällig.

Die Besucher stehen etwas ratlos herum. "Das sind doch alles ehemalige Vertreter und Hartz-Vier Empfänger hier", meint einer von ihnen. "Die interessieren sich nicht für die Technik, nur für die Verkaufsargumente, um das Gerät dann weiter zu vertreiben."

Und was will der Kritiker hier? "Ich will die Technik kopieren und dann selbst produzieren!"


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