"Die Spur der Erwachten" Verstand gegen Magie


Britischer Meisterdetektiv mit Pfeife und ausgeprägtem Hang zur Besserwisserei trifft auf das Irrationale schlechthin: den "Cthulhu"-Kult von Sir Arthur Conan Doyles Schriftstellerkollegen H. P. Lovecraft. Und der Spieler des Adventures "Die Spur der Erwachten" ist mittendrin.

Mit einem entführten Diener fängt alles an - immer mehr Menschen verschwinden in London auf mysteriöse Weise. Sherlock Holmes, zunächst zutiefst gelangweilt und fast schon depressiv, wittert endlich wieder Arbeit für seine unterforderten grauen Zellen. Nachdem er im vergangenen Jahr hierzulande mit einem silbernen Ohrring Adventure-Erfolge feiern konnte, wagt er sich diesmal einen Schritt weiter und löst seinen neuesten Fall ganz in 3D.

Alles beginnt, wie man es von Sherlock Holmes und seinem treuen Adlatus Dr. Watson erwartet: in der Londoner Baker Street 221b, umgeben von schnörkeligem viktorianischem Interieur, blumigen Willia- Morris-Tapeten, mit Tee in Tassen aus feinstem Bone-China und geigenseliger Salonmusik. Leichte Ernüchterung stellt sich ein, wenn man sieht, wie ungelenk sich Watson in seinem Albtraum auf dem Bett wälzt und seine röhrenartigen Extremitäten von sich streckt. Nein, durch lebensechte Animationen glänzt das Londoner Schnüffler-Duo nicht, aber - wie sich wenig später herausstellt - durch geschliffene Dialoge mit jede Menge Selbstironie.

Ganz genau hinsehen

Erstmals steuert man Holmes und gelegentlich auch Watson aus der Ich-Perspektive wie in einem Shooter - das gibt einem mehr denn je das Gefühl, Tatorte selbst buchstäblich unter die Lupe zu nehmen. Leider führt es aber auch dazu, dass wichtige Beweisstücke und Indizien leicht übersehen werden: undeutliche Fußspuren auf dem Boden, Blutflecken und Kritzeleien an den Wänden, winzig kleine Stofffetzen an Türrahmen ... der Spieler braucht wirklich den Spürsinn eines Holmes, um hier an alles zu denken.

Die Story kommt in Gang, sobald nach dem Verschwinden von Mr. Stenwicks Maori-Diener und des Leibwächters einer exotischen Prinzessin die ersten Spuren in die düstere Hafengegend führen. Spätestens hier trifft der britische Meisterdetektiv mit Pfeife und ausgeprägtem Hang zur Besserwisserei auf das Irrationale schlechthin: den "Cthulhu"-Kult von Sir Arthur Conan Doyles Schriftstellerkollegen H. P. Lovecraft. Der Spannung tut das sichtlich gut, obwohl "Die Spur der Erwachten" in den "Cthulhu"-Sequenzen nur halbherzig für Gruselatmosphäre sorgt und dabei auch manchmal unfreiwillig komisch wirkt. Was den Spieler bei der Stange hält, sind weniger die arg sterilen und unbelebten Locations, sondern vielmehr die abwechslungsreichen Puzzles.

Mal gilt es, Fundstücke unter dem Mikroskop zu sezieren, mit chemischen Substanzen in ihre Einzelteile zu zerlegen, mal auf abenteuerliche Weise in ein Lagerhaus einzubrechen oder den Patienten in einer Schweizer Spezialklinik mit besonderen Tricks Geheimnisse zu entlocken. Logikrätsel, in denen man Hinweise aus der Umgebung richtig interpretieren muss, wechseln sich ab mit Puzzles, in denen man Gegenstände aus dem Inventar miteinander kombiniert oder mit Zeugen Gespräche führt. Oft sind die Aufgaben mit viel Lauferei zwischen den verschiedenen Örtlichkeiten verbunden. Und trotz weitgehend frei begehbarer 3-D-Welt ist der Lösungsweg doch sehr linear nach dem Schema "Erledige erst A, bevor Du Dich um Puzzle B kümmern kannst". In der Regel zieht Holmes am Ende meist selbstständig die richtigen Schlüsse, sobald der Spieler alle notwendigen Vorarbeiten geleistet hat.

Schlecht für Augen, gut für Ohren

Die 3-D-Grafik des Spiels wirkt oft unzeitgemäß klobig, die Soundkulisse nicht durchgehend stimmig. Die Steuerung ist auch für den Einsteiger unkompliziert, und das überschaubare Inventar samt Dialogprotokoll für Vergessliche und Karte zum schnelleren Springen zwischen den Schauplätzen erleichtert die Verbrechensaufklärung enorm. Besonders gelungen: die deutsche Sprachausgabe, in der motivierte Profis den Spiel-Charakteren erst richtig Leben einhauchen.

Sherlock Holmes: Die Spur der Erwachten

Hersteller/Vertrieb

Frogwares/Frogster Interactive

Genre

Adventure

Plattform

PC

Preis

ca. 40 Euro

Altersfreigabe

ab 12 Jahren

"Die Spur der Erwachten" ist kein Hardcore-Adventure für Puzzle-Profis und will es wahrscheinlich auch gar nicht sein. Es richtet sich mehr an das Klientel, das auch im TV alle Abenteuer von Holmes, Poirot, Marple & Co. mit Begeisterung und Spannung verfolgt. Wer von Holmes' drittem PC-Auftritt keinen Quantensprung für das Adventure-Genre erwartet, kann sich von dem Programm gut unterhalten lassen.

Herbert Aichinger/Teleschau TELESCHAU

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