Cebit 2008 Cebit paradox


Die größte IT-Messe der Welt schwimmt auf der grünen Welle: Das große Motto der Cebit heißt "Green-IT". Doch wie glaubwürdig sind die Bekenntnisse zur Umwelt, wenn die Technologie-Konzerne gleichzeitig immer mehr Strom fressende Services vorstellen?
Von Gerd Blank

Die Cebit wählt grün: Unter dem Slogan "Green-IT" präsentieren viele Hersteller von Computertechnologie Lösungen, mit denen Strom gespart und Elektroschrott vermieden werden soll. So stellt der Branchenverband Bitkom zwei typische Büro-Arbeitsplätze gegenüber - einen aus dem Jahr 2002 und einen aktuellen. Diese Installation soll demonstrieren, dass sich die Investition in neue Technik innerhalb kürzester Zeit lohnt. Alte Geräte verbrauchen mehr Strom als neue und bei steigenden Energiekosten haben sich die Kosten für Neuanschaffungen schnell amortisiert.

Auch Microsoft hat die Umwelt entdeckt. Steve Ballmer, Chef des Weltgrößten IT-Konzerns, sagte auf der Cebit-Pressekonferenz, dank Microsoft und Vista verbrauchen Computer weniger Strom. In einer Studie will PC Pro Labs herausgefunden haben, dass Firmen mit 200 PCs auf dem Windows Vista installiert sind im Vergleich zum Vorgänger Windows XP umgerechnet jährlich 45 Tonnen weniger Kohlendioxid erzeugen.

Öko-Marketing

Bei genauerem Hinsehen scheint "Green-IT" nur bedingt etwas mit Umweltschutz, sondern eher mit Senkung der Stromkosten zu tun zu haben. Auch wenn weniger Stromverbrauch für weniger CO2-Ausstoß sorgt, geht die Ansprache eher an Unternehmen als an Verbraucher. So wird die Öko-Debatte geschickt fürs Marketing benutzt. Doch spart der Verbraucher wirklich Strom?

Viele der auf der Cebit vorgestellten Services sollen bei Kunden für mehr technischen Komfort sorgen. Die Telekom hat für das Produkt T-Home neue Dienste präsentiert, die das TV-Programm komplett über die Infrastruktur des größten deutschen Netzbetreibers übertragen. Sogar Inhalte in High Definition bietet die Telekom an. Für Kunden, die sich gerade einen entsprechenden Fernseher gekauft haben ist das eine gute Nachricht, denn schließlich hat sich gerade Pro7Sat1 entschieden, keine HD-Sendungen mehr auszustrahlen.

Doch der Luxus hat natürlich seinen (Strom-)Preis: Ein weiteres Gerät ist nötig, um das Fernsehprogramm der Telekom zu empfangen. Die Telekom bietet hierfür einen eigenen Receiver für unter 100 Euro an, eine eingebaute Festplatte inklusive. Diese lässt sich auch per Internet Fernsteuern. Allerdings muss die Box hierfür im Stand-by-Betrieb bleiben.

Einige Lösungen sind kein "Green-IT"

Das ist der Knackpunkt auf der gesamten Cebit für viele dieser neuen und innovativen technischen Möglichkeiten. Internet überall bedeutet auch ständigen Stromverbrauch. Ob kabellose Verbindungen, schneller Übertragungen, Medien-Server für Wohnräume: Damit all diese Dinge genutzt werden können, müssen sie auch im Dauerbetrieb bleiben. Der gefühlte Nutzen für die Käufer ist zwar immens, doch mit "Green-IT" haben diese Lösungen sicher nichts zu tun.

Auch der Trend zur kabellosen Vernetzung stimmt bedenklich. Die negative Auswirkung von Elektrosmog auf den menschlichen Organismus ist zwar noch nicht abschließend bewiesen. Doch warnen Verbraucherschützer bereits seit Jahren vor zu viel Strahlung von Elektrogeräten.

Navigation ist ein weiterer Schwerpunkt der Messe. Bald findet jedes Handy den Weg, herkömmliche Endgeräte müssen also mehr können als die einfache Routenplanung. Die Anbieter wie Garmin, Tomtom und Navigon überschlagen sich mit der Präsentation von Features. Fernsehen auf dem Navi? Kein Problem. Abgleich von Nutzerdaten per Internet? Selbstverständlich. Aber auch diese Dienste brauchen Strom, "Green-IT" ist das nicht.

Dabei wäre es in vielen Fällen so einfach, denn aktuellen Geräten fehlt oft nur eine wichtige Funktion, um wirklich grüne Technologie zu sein: ein Aus-Schalter.


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