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iPod: Klappe zu, Film ab

Was interessiert Apple-Chef Steve Jobs sein Geschwätz von gestern? Nach vielen Dementis kommt der Video-iPod nun doch - aber hat die Welt wirklich darauf gewartet?

Von Karsten Lemm, San Francisco

Nein, nein, nein, hatte der graubärtige Herr immer wieder behauptet: Ein Video-iPod mache keinen Sinn, komme gar nicht in Frage. So etwas wollten die Leute nicht, das zeige ja schon der mäßige Erfolg der Videospieler, die andere Hersteller auf den Markt gebracht haben. Und wie sollte es auch anders sein? "Sie können ja nicht Auto fahren und nebenbei Filme anschauen", hatte der Mann gesagt und immer wieder versichert: "Wir konzentrieren uns auf Musik." Und nun steht derselbe Steve Jobs, der all diese Zeit von einem Video-iPod angeblich nichts wissen wollte, vor denselben Reportern, die ihn immer danach gefragt haben, und sagt gespielt beiläufig über das neueste Modell seines populären Musikplayers: "Und ja, er kann auch Videos abspielen..."

Fernbedienung für den iMac

So ist das mit dem Apple-Chef: Morgen sind die Sprüche von heute längst vergessen, und was es dann der staunenden Öffentlichkeit vorzustellen gibt, ist garantiert wieder "atemberaubend", "überwältigend" und "fantastisch". All diese Adjektive warf Jobs am Mittwoch munter ins Publikum, als er im California Theatre in San Jose, dem Herzen des Silicon Valley, erst eine neue Version des iMac-Rechners und dann die jüngste Variante des iPod vorstellte. Der iMac soll das Wohnzimmer erobern; dazu hat Apple "Front Row" entwickelt: eine spezielle Software mit dazugehöriger Fernbedienung, die es erlaubt, den Rechner vom Sofa aus zu steuern, um Musik zu hören, Fotos anzuschauen oder Filme abzuspielen.

Strenge Videoregeln

Für mobile Unterhaltung ist wie bisher schon der iPod zuständig - nur eben jetzt auch mit bewegten Bildern: Für 319 Euro gibt es das kleinere Modell mit 30-Gigabyte-Festplatte, für 429 Euro das größere, das doppelt so viel Speicherplatz bietet. Das reicht laut Apple für bis zu 150 Stunden Video am Stück. Aber wo kommen die her? Raubkopien aus dem Internet verweigert sich der iPod: Er spielt nur Filme ab, die im neuen Standard "H264" kodiert sind. Das können zum Beispiel Heimvideos sein, die jeder Mac und PC mit Apples "QuickTime"-Software iPod-tauglich aufbereiten kann. Aber das kostet viel Rechenzeit, und am Ende ist ein Heimvideo immer noch ein Heimvideo - kein Hollywood-Thriller.

iTunes verkauft nun auch Filme

Also präsentierte Jobs gleich noch eine aktualisierte Version des iTunes-Musikladens, der von nun an - Überraschung! - auch Filmclips im Programm hat: In Deutschland sind das vorerst ausschließlich Musikvideos, die 2,49 Euro kosten, sowie sechs Kurzfilme des Trickstudios Pixar ("Toy Story", "Findet Nemo"), ebenfalls für 2,49 Euro. In den USA sicherte Apple sich obendrein die Rechte für fünf Fernsehserien, darunter die Quotenhits "Desperate Housewives" und "Lost", die pro Folge das Gleiche kosten wie ein Musikvideo. "Die Werbeblöcke schneiden wir heraus", juxte Jobs, "so können Sie sich das Vorspulen sparen." Nur eine schnelle Internetverbindung empfiehlt sich, denn eine einzige TV-Sendung hat ungefähr die Größe von fünf Musikalben.

Man ist sich treu geblieben

Vom Konzept her, loben Analysten, gibt es an alledem wenig auszusetzen: "Der Preis stimmt, und es geht alles sehr einfach", sagt David Card, Medienspezialist beim Marktforscher Jupiter Research. Vor allem habe Apple nicht versucht, aus dem iPod ein ganz neues, anderes Gerät zu machen. "Der iPod ist immer noch zu allererst ein Musikspieler, Video kommt als Extra dazu", sagt Card, "und das ist gut so." Denn Musik zieht: Fast 6,5 Millionen iPods hat Apple allein in den vergangenen drei Monaten verkauft, so viel wie nie zuvor in einem einzigen Quartal. Kein Grund also für radikale Kurswechsel.

Wer soll beim Joggen Video gucken?

"Apple geht auf Nummer sicher", sagt auch Roger Kay, Gründer der Unternehmensberatung Endpoint Technologies. "Als Musikspieler ist der iPod immer noch genauso gut wie bisher." Und wie viele ihn tatsächlich für Videos nutzen, muss sich erst noch zeigen. Mag sein, sagt Kay, dass die Playstation-Generation sich für das neue Feature begeistern kann - aber was ist mit Millionen Erwachsenen, die nicht daran gewöhnt sind, stundenlang auf einen winzigen Bildschirm zu starren? "Sie müssen das Ding ja die ganze Zeit in der Hand behalten", sagt Kay. "Das ist nicht sehr praktisch." Hinzu kommt, dass Videos die ganze Aufmerksamkeit des Betrachters verlangen: "Sobald zum Hören das Sehen hinzukommt, fällt ein ganzes Einsatzfeld für den iPod weg", erklärt Kay, "nämlich Sport." Wie soll man Joggen oder Skilaufen und gleichzeitig "Lost" schauen?

Keine TV-Konkurrenz

Hollywood kann sich unterdessen zurücklehnen und den Ausgang des Experiments gelassen abwarten. Die Qualität der Apple-Videos ist mit 320 mal 240 Bildpunkten gerade halb so gut wie das normale Fernsehbild - kein Vergleich zur DVD oder dem hoch auflösenden Fernsehen HDTV, das mit bis zu 1920 mal 1080 Bildpunkten protzt. "Der Video-iPod ist kein Ersatz für Fernsehen oder Kino", sagt David Card. "Hier geht's darum: 'Verflixt, gestern habe ich 'Lost' verpasst, und ich will's jetzt unbedingt sehen.' Als Impulskauf funktioniert das wunderbar."

In Umfragen von Marktforschern erklären über 60 Prozent der Befragten, sie hätten Interesse an einem Download-Dienst für Videos, sagt Card: "Aber Absichtserklärungen und tatsächlich etwas kaufen sind zwei unterschiedliche Dinge." Und in einem ist sich der Jupiter-Analyst völlig sicher: "Der iPod hat die Musikindustrie revolutioniert", sagt Card. "Aber der Video-iPod wird niemals Hollywood revolutionieren. Fürs Musikhören ist Mobilität viel wichtiger als fürs Fernsehen - unterwegs Videos anschauen wird immer ein Nischenmarkt bleiben."

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