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Militärtechnik: Das "Drachenei" soll Unschuldige schützen

Um Todesopfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden, testet die US-Armee ein computergestütztes System namens "Land Warrior". Mithilfe einer "Dragon Egg" genannten Spezialkamera sollen Zivilisten erkannt und virtuell markiert werden.

Nicht zum ersten Mal sorgt der Tod von einfachen Dorfbewohnern bei Militäraktionen der Nato in Afghanistan für Empörung und heftige Diskussionen. Die US-Streitkräfte wollen mit intelligenter Computertechnik künftig verhindern, dass Unbeteiligte bei Kampfeinsätzen zu Schaden kommen.

Wenn Oberfeldwebel Gregory Henson auf Patrouille geht, hat er den Computer auf dem Rücken und an seinem Gürtel trägt er einen Joystick. Damit testet er ein High-Tech-Waffensystem, das in Kampfsituationen garantieren soll, dass keine Unbeteiligten getötet werden. Zentraler Bestandteil des Systems ist "Dragon Egg", eine Kamera, die über einen Hügel oder in ein Haus geworfen werden kann, ohne dass sich die Soldaten dort hinbegeben müssen. Das Gerät platziert sich automatisch in eine aufrechte Position und liefert mit vier Objektiven ein 360-Grad-Bild des Gebiets. Wenn dabei zivile Bereiche zu sehen sind, kann der Soldat über seinen Computer diese Orte markieren und für Luftangriffe ausschließen. "Man muss nicht mehr in den Raum hineingehen", erklärt Feldwebel Mike Fraser, der im Einsatz der Kamera ausgebildet wurde. "Man muss sich keine Sorgen um den ersten Mann machen, der hineingeht."

Neue Nato-Linie

Das IT-System entspricht der Linie des neuen Nato-Kommandeurs Stanley McChrystal. Eine seiner ersten Direktiven war eine klare Anweisung zu Luftangriffen: Wenn auch nur die Möglichkeit besteht, dass Zivilpersonen getroffen werden könnten, soll der Einsatz abgebrochen werden, selbst wenn dabei Taliban-Kämpfer entkommen sollten. Mit der neuen Technik können wir "eine Moschee oder eine Schule zur No Fire Area erklären", sagt Oberst Harry Tunnell, Kommandeur einer Brigade, die im Rahmen der von Präsident Barack Obama angeordneten Truppenverstärkung im Süden Afghanistans zum Einsatz kommt.

Die Einheit setzt zum ersten Mal das neue Computersystem mit der Bezeichnung "Land Warrior" in großem Umfang in Afghanistan ein. Jede Kampfeinheit bekommt ein "Dragon Egg". Untereinander sind die Geräte über Funk- und Satellitenverbindungen vernetzt. Wenn eine Einheit etwas markiert hat, sehen das sofort auch die anderen Einheiten. Tunnells 5. Brigade begann im Juni mit dem Training an dem neuen System, einen Monat bevor sein Einsatz in Afghanistan begann.

Perfekt ist das Ganze aber noch nicht. Werden zu viele Informationen eingegeben, kann das sehr schnell unübersichtlich werden. Außerdem kommt der 3,6 Kilogramm schwere Computer noch zu dem üblichen Gewicht der Ausrüstung von 20 bis 25 Kilogramm hinzu. Ob sich der Computereinsatz bewährt, muss sich noch zeigen. Ein Vorgänger des Systems wurde bislang nur im Irak eingesetzt, aber noch nie in Afghanistan. Zusammen mit dem zunehmenden Einsatz von unbemannten Flugzeugen, den sogenannten Drohnen, steht "Land Warrior" für den Wandel in der Kriegsführung bei den US-Streitkräften im 21. Jahrhundert. Damit einher geht ein Wandel in der Zielsetzung. Statt Taliban-Kämpfer zu töten, soll es zunehmend darum gehen, die Zivilbevölkerung für die eigenen Ziele zu gewinnen.

Heidi Vogt, AP / AP