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Scheibes Kolumne: Domina am Flughafen

stern.de-Kolumnist Scheibe fliegt erst in den Urlaub - und dann auch schon wieder zurück. Unglaublich, aber wahr: Der Rückflug ist fast noch chaotischer als der Hinflug. Domina-Frauen am Flugschalter, Lüftungsprobleme im Cockpit und Inka Bause eine Reihe vor ihm: Es gibt viel zu berichten.

Bevor die Frage aufkommt, was diese Kolumne mit dem Thema "Digital" zu tun hat: Es kommen Notebooks, MP3-Player und mobile Spielkonsolen vor. Jedenfalls ganz kurz. Das muss reichen. Wichtiger ist es aber, eine Fortsetzung zu "Schweinegrippe im Urlaubsflieger" zu verfassen, um auch die Rückreise meiner Reise zu beleuchten und das Ying und Yang so wieder in Einklang zu bringen.

Nun, nach einem mehr als chaotischen Hinflug verbringe ich drei traumhafte Arbeits-Urlaubswochen in Florida, bis es irgendwann doch wieder Richtung Heimat gehen muss. Ich packe die Koffer ins Auto, sperre das Haus zu und stecke den Schlüssel in einen kleinen Safe an der Außenfront der Hausfassade. Analog und trotzdem effizient: Nur wer die richtige Kombination kennt, bekommt den Safe aufgesperrt. Ich frage mich nur, ob die Vermieter den Code auch ab und zu wechseln.

Ich programmiere das aus Deutschland mitgebrachte Navigationsgerät im Auto auf den Flughafen Orlando und düste los. Die Tanknadel zittert über einem Achtel Reserve, das sollte für die eine Stunde Fahrt zum Airport eigentlich mehr als locker ausreichen. Denke ich. Und falls nicht: Das Navisystem hatte doch ständig Tankstellen neben der Autobahn angezeigt. Ich war ganz einfach zu geizig, noch einmal für zehn Dollar Sprit in den Tank strullern zu lassen.

Lost (in) Navigation

Orlando liegt weit weg von der Küste im Zentrum Floridas. Irgendwann führt eine schmale Straße weg von der Küstenstraße und läuft ins Innere des US-Bundesstaats. Diese Straße verläuft durch ein absolutes NICHTS. So weit das Auge reicht, gibt es rechts und links nur kahle Steppe und morastige Sümpfe. Das Navisystem zeigt einfach nur den geraden Strich der Straße - und sonst keine Tankstellen, keine Abzweigungen, einfach nur gar nix. Inmitten dieser idyllischen Kulisse macht es auf einmal "Pling" und die orangene Warndiode der Tankanzeige springt an. Uh-oh! Das Navisystem meldet noch 25 Kilometer bis nach Orlando und die Nadel der Tankanzeige zittert zügig weiter gegen Null. Da wird man auf einmal wieder gläubig: Lieber Gott, lass mich jetzt nicht hier in der Einöde stranden, nur weil ich zu geizig war. Es hilft: Mit dem letzten Tropfen rollt ich in Orlando ein, finde eine Tanke und lasse zehn Dollar springen. Halleluja.

Von dieser Nummer komplett gestresst, vergesse ich das nagelneue Navisystem im Auto. Klar, dass mir das erst Stunden später im Flugzeug einfällt. Ob man mir es wohl zuschicken wird? Eher nicht. Alle späteren Telefonanrufe bei der entsprechenden Hilfe-Hotline verpufften auf einem knarrenden Anrufbeantworter. Und meine E-Mails an die deutsche Zentrale bleiben bis heute unbeantwortet. Na super. Da kaufe ich ein Navigerät mit US-Karten, um mir die horrende Miete vor Ort zu sparen - und am Ende zahle ich sogar noch mächtig drauf.

Erziehung muss sein

Im Flughafen wuchte ich meine Koffer zu einer Frau am Schalter, die mich bereits mit der Miene eines beißwütigen Pitbulls mustert. 23 Kilo sind pro Koffer erlaubt. Die habe ich im gemieteten Haus mit einer Hängewaage ganz genau abgemessen - und dann noch ein paar Schuhe und T-Shirts dazugelegt. Ein bisschen Mehr geht immer. Jetzt wiegt das Ganze laut Flughafen-Waage 53 amerikanische Pfund - das ist etwa ein Kilo zu viel. Erlaubt sind aber nur 50. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich aufgefordert, für jeden Koffer 150 Dollar Übergepäck zu bezahlen. Weil: Die armen Kollegen machen sich beim Schleppen den Rücken kaputt. Das muss doch verhindert werden. Von einer nötigen Erziehung der Fliegenden ist auf einmal die Rede. Dachte ich es mir doch: eine Flughafen-Domina! Komisch nur, dass die Gäste der ersten Klasse alle 30 Kilo in den Koffer packen dürfen. Ohne Gewese. Da ist der Rücken der Kollegen dann egal. Vielleicht haben die aber auch eigene Kofferträger, die mehr abkönnen.

Meine Domina kennt jedenfalls keine Gnade. Ich würde ihrer Strafe nur entgegen, wenn ich meine Koffer umpacke. Ich weiche zu einer anderen Waage aus und stopfe mir hier so lange Unterhosen aus den vor allen Leuten geöffneten Koffern in meine Handgepäck-Notebook-Tasche, bis die Waage genau 23 Kilo anzeigt. Stolz wanke ich wieder zurück zu meiner Domina. Ihre Waage zeigt nun 51 Pfund. Erlaubt sind aber nur 50. Wieder soll ich Übergepäck bezahlen. Ich verweise darauf, dass ich an "meiner" Waage fünf Meter weiter exakt 23 Kilo gemessen habe. Das interessiert meine Flug-Domina herzlich wenig. Ich sei hier in Amerika, da gebe es keine Kilos, und ich müsste mich an das System halten, das hier vorherrscht - und das seien nun mal die "pounds". Die Waage, die ich verwendet habe, gehöre einer mexikanischen Fluggesellschaft. Und die hat hier auch nix zu melden. Am Ende gewinne ich trotzdem. Ich zwinge die Frau nämlich dazu, auf die Homepage der eigenen Fluggesellschaft zu schauen. Und da steht ganz eindeutig "23 Kilo oder 50 pounds". Extrem missmutig gibt die Dame die Koffer frei. Nicht aber, ohne vorher noch einen signalroten Aufkleber raufzubeppen - "heavy weight".

Prickelnd wie "Bause"-Pulver

Ich kann meine Koffer nicht gleich abgeben, sondern muss sie durch die ganze Halle wuchten - hin zu einer Sicherheitsabfertigung mit riesigem Röntgen-Automat. Hier lasse ich sie einfach stehen. Jeder könnte hier Hand anlegen, die Koffer klauen, etwas rausnehmen, etwas dazutun. Mir ist es langsam egal, ich bin kaputt.

In Orlando geht alles glatt. Ich komme sogar eine Stunde zu früh in New York an, nachdem eine Familie auf den Plätzen neben mir ein mitgebrachtes Picknick verspeist und mich großzügig mit als Ablagefläche missbraucht hat. Eine Stunde früher in NY ist super - weil ich eh vier Stunden Aufenthalt habe. Diese Zeit hätte ich auf dem Hinflug brauchen können. Aber so bleibt mir mehr Zeit, um Inka Bause anzuhimmeln. Die fliegt nämlich in der gleichen Maschine wie ich. Als wir endlich die Maschine betreten können, sitzt die Moderatorin glatt eine Reihe schräg vor mir in der Holzklasse. Ein tiefes Gefühl der Sicherheit durchströmt mich: Wenn Inka Bause an Bord ist, dann kann unterwegs gar nix passieren, dann stürzen wir auch nicht ab. Denn der liebe Gott kann doch nicht wollen, dass "Bauer sucht Frau" in Zukunft nicht mehr ausgestrahlt wird. Und das geht ja nur mit Inka.

Wir machen es uns im Flieger gemütlich, packen alles aus. Ich hole den MP3-Player und den Nintendo DSi heraus, um eine digitale Note in diese Kolumne zu bringen, und schnappe mir den neuen Spenser-Roman von Robert B. Parker - auf Englisch, damit's zur Reise passt. Dummerweise fahren wir einfach nicht los. Nach einer Stunde Warten erfahren wir auch schon den Grund dafür: Jemand hat im Cockpit das Fenster aufgemacht und nun geht es nicht mehr zu. Ich hab richtig die Stewardess vor Augen, die im Cockpit die Nase rümpft und sagt "Jungs, hier müffelt es aber nach Piloten-Käsefüßen", um dann das Fenster aufzureißen. Ärgerlich: Fliegen kann man auch mit Müffelsocken. So müssen wir schon wieder warten. Auf den Mechaniker. Der kommt, kriegt das Fenster aber auch nicht mehr zu. So kommt es zu einer neuen Durchsage: Wir mögen das Flugzeug bitte umgehend räumen. Nach einem Ersatzflieger wird bereits gesucht. Ich schaue zu Inka Bause: Die Frau trägt's gelassen. Ein echter Profi.

Rein ins Gewitter, raus aus dem Mund

Zum Glück dauert es nur eine weitere Stunde, bis ein neues Flugzeug gefunden ist. Es muss noch sauber gemacht und mit unseren Koffern beladen werden, dann geht es auch schon los. Der Pilot gibt Vollgas und nimmt jede Gewitterfront über dem Atlantik frontal von vorne. So schüttelt es uns so sehr durch, dass das kleine arme Mädchen in der Reihe nebenan eine Tüte nach der anderen vollspuckt. Ihre Mutter faltet sie alle sorgfältig zusammen, um sie dann unter dem Sitz des Vormannes zu stapeln. Befremdlich. Immerhin schaffen wir den Hüpfer über den großen Teich in sieben Stunden. Während wir in Berlin landen, läuft noch einer der Kinofilme: Das Bordprogramm kommt mit so viel Tempo gar nicht mit.

Der Rest ist dann ganz normaler Alltag. Ich komme ungeschoren am Zoll vorbei und merke erst am Berliner Taxistand, wie extrem freundlich und service-orientiert die Amerikaner doch sind. "Ey, Alter, soll ich deine sauschweren Koffer etwa ganz alleine ins Taxi buckeln", motzt mich der Fahrer auch schon an. Ja, so fühlt es sich an, wieder Zuhause zu sein.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania