Scheibes Kolumne Zu doof fürs Handy


Es ist schon ärgerlich, wenn man langsam zu alt wird für die moderne Technik von heute. Das muss auch stern.de-Autor Scheibe einsehen, der mit seinem Handy nicht mehr zurechtkommt. Himmel, warum sind diese Geräte so kompliziert?

Am Mittwoch sind wir zur Games Convention nach Leipzig gefahren. Wir, das waren meine Praktikantin Antonia und ich. Das Ziel habe ich noch in Falkensee in den Navigationscomputer meines Autos eingetippt, denn ich habe den Orientierungssinn einer blinden Erdkröte und würde es glatt fertigbringen, mich auf dem absolut simplen Weg von Berlin nach Leipzig noch zu verfahren, um dann in Hamburg anzukommen.

Während die sachliche Stimme von meinem Navisystem ansagte, dass wir knapp zweihundert Kilometer einfach nur geradeaus fahren sollen, erzählte mir Antonia von ihrem neuen Freund. Die frischgebackene Abiturientin hatte es doch tatsächlich geschafft, sich in einem nur einwöchigen Urlaub einen 13 Jahre älteren "Schatzi" zuzulegen - einen Arzt aus Bayern. In der Folge konnte ich mir eine Menge liebevoller Neckereien über den armen Mann anhören, der nun in seinen müden Dreißigern auf einmal mit dem energetischen Tatendrang einer 19-jährigen mithalten musste. Bei einer Story wurde ich allerdings ganz still und schloss ein innerliches Bündnis mit dem gescholtenen Mann.

"Schatzi" und das tote Handy

"Schatzi" besaß nämlich ein Handy, benutzte es aber nie. Weil: es war nämlich kaputt und ließ sich nicht aktivieren. Aus diesem Grund hätte es eigentlich schon längst in den Müll gehört. Kurzum: Es war nach ärztlicher Analyse für tot erklärt worden und sollte eigentlich schon lange einem neuen Gerät gewichen sein. Antonia stöhnte, seufzte, schimpfte und - setzte sich für fünf Minuten an das Gerät. Und siehe da - das Handy funktionierte. Der Arzt war fassungslos.

Ich bekam dann auf der Games Convention meine Packung ab. Mein Handy benutze ich grundsätzlich nur auf Messen. Als 39-jähriger "alter Sack" genieße ich unterwegs meine Ruhe und möchte da nicht auch noch angerufen werden - wie es ständig passiert, wenn ich im Büro sitze. Es klingelt, ich gehe ran - was soll daran denn so schwer sein? Das kriege ich auch noch hin. Nun kam es aber zu dem Fall, dass ich einen Geschäftsfreund zurückrufen musste, der mich gerade eben selbst erst auf meinem Handy angerufen hatte.

Alte Säcke schämen sich

"Los, los", herrschte Antonia. "Nun ruf zurück!" Ja, aber wie denn? Hektisch drückte ich alle Knöpfe, aber da gab es keinen Befehl "Rückruf" oder so. Antonia schaute mich mit diesem wissenden Blick an, der besagte, dass dies ja alles kein Wunder sei, weil ich ja schließlich NOCH älter als "Schatzi" sei. Sie schnappte sich das Telefon, tippte kurz darauf herum und gab es mir zurück: "Gewählt wird schon." Als sei ich dafür auch zu blöd.

Ich glaube, ich trenne mich von meinem Handy. Ich könnte zu "Schatzi" nach Nürnberg fahren und es gemeinsam mit ihm im nächsten See versenken. Ohne Handy wirken wir alten Säcke vielleicht dann doch wieder etwas kompetenter und weltmännischer. Und müssen uns nicht länger schämen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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