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Software: Fast jeder nutzt Open-Source-Produkte...

...und kaum jemand merkt's. Während Linux sich zum Superstar freier Software entwickelt hat, sind andere Open-Source-Programme viel verbreiteter - und verrichten fast unbekannt ihre Dienste.

Open-Source-Software (OSS) ist inzwischen praktisch allgegenwärtig - aber kaum einer weiß es oder merkt es. Um das deutlich zu machen, stellt der Verleger Tim O'Reilly seinem Publikum auf Konferenzen gerne die Frage, wer denn von den Anwesenden das Betriebssystem Linux nutzt. Meist melden sich höchstens zehn Prozent. Wenn O'Reilly dann fragt, wer Google nutzt, sagt kaum einer nein. Und O'Reilly verweist darauf, dass die rund 100.000 Computer von Google mit Linux laufen. Die Suchfunktion wurde dem nur hinzugefügt.

"Die meisten denken, dass was man nutzt, ist das, was in dem Computer vor einem drin ist", sagt O'Reilly. "Den grundsätzlichen Wandel hat die Industrie noch gar nicht verstanden." Mit der Open-Source-Software Apache laufen mehr als 70 Prozent der Web-Server und der größten Teil des E-Mail-Verkehr wird mit dem Programm Sendmail weitergeleitet. Viele kommerzielle Firmen, so auch Microsoft, nutzen in ihren Produkten OSS-Entwicklungen. Auch die grundlegende Aufgabe, die Wörter einer Web-Adressen in die Zahlen umzuwandeln, die dann von den Computern verstanden werden, übernimmt zumeist das OSS-Programm BIND - Berkeley Internet Name Domain.

Linux, der Superstar der OSS-Szene

Linux ist vielleicht das bekannteste Produkt der Open-Source-Szene. Das Betriebssystem, das einst von Studenten entwickelt wurde, hat inzwischen einen Großteil des Marktanteils übernommen, den früher die Unix-Betriebssysteme im Server-Bereich hatten. Und vermarket wird Linux dort von Firmen wie IBM und Hewlett-Packard. Und auch auf den Desktop-Rechnern, besonders in Firmen und Behörden, ist Linux auf dem Vormarsch. Apple wählte als Grundlage für sein Betriebssystem OS X eine andere Open-Source-Entwicklung, FreeBSD.

Hinter allen Projekten steckt die gleiche Philosophie: Gibt dem Nutzer eine freie Lizenz mit möglichst wenig Einschränkungen und auch den Programmcode und lass jeden Verbesserungen machen, wie er es für richtig hält. Je nach Lizenz - im OSS-Bereich gibt es etliche verschiedene - müssen die Verbesserungen wieder öffentlich gemacht werden.

"Idealistisch, aber es funktioniert"

"Wir waren der Überzeugung, dass man mit einer wirklich freizügigen Lizenz das größtmögliche Publikum bekommt", sagt Brian Behlendorf, einer der Gründer von Apache. So entstehe eine große Gruppe von Leuten, die auch daran interessiert seien, wieder etwas zurückzugeben. "Es ist sicher sehr idealistisch, aber es funktioniert", sagt Behlendorf.

Wie Linux hat auch das Apache-Projekt seine Wurzeln in akademischen Kreisen. Es entstand um 1995 aus der Sorge heraus, dass eine Firma den Web-Browser und die Web-Server-Software kontrollieren könnte. Nein, die Firma hieß nicht Microsoft, sondern Netscape. Sie hatte gerade die führenden Forscher der Universität von Illinois abgeworben, die den ersten Browser, Mosaic, entwickelt hatten.

Die erste Server-Software hatte die Universität aber freigegeben. Acht der ersten Webmaster begannen daraufhin eine E-Mail-Diskussionsgruppe und teilte ihre Änderungen (Patches) untereinander. Die Gruppe nannte ihre Projekt nach dem Indianerstamm Apache - ein Wortspiel, weil das Programm aus den Patches der Mitglieder besteht: "So it's a patchy server", erklärt Behlendorf, der wie die anderen bei Firmen arbeitet, deren Produkte auf Apache beruhen.

Hinter Apache steht inzwischen eine Stiftung

Da das Programm kostenlos ist, sahen anderen Firmen auch kaum einen Grund eine eigene Software zu entwickelt. Statt dessen wurden wie bei IBM Programme geschrieben, die Apache als Grundlage benutzten. Apple integrierte Apache einfach in die eigenen Produkte.

Der Erfolg zwang die Apache-Mitarbeiter, 1999 eine Stiftung ins Leben zu rufen, die heute mehr als 20 Projekte unterstützt. Zwar habe man noch keine Vollzeit-Mitarbeiter, "aber wir haben eine rechtliche Struktur, die es uns erlaubt, jede Frage zu beantworten, die eine Firma haben könnte", sagt Behlendorf.

Gute Grundlage zur Entwicklung von Standards

Einen anderen Weg ging Sendmail. Das E-Mail-Projekt geht auf die Anfänge des Internets zurück. Daraus entstand die Firma Sendmail Inc., die Dienstleistungen und Programme auf der Grundlage von Sendmail anbietet. 40 Prozent der E-Mail-Server laufen mit Sendmail. Durch die freizügige Lizenz sei Sendmail offen für Experimente und Neuerungen, sagt Greg Olson, Mitgründer und Chef von Sendmail. Dazu gehören auch neue E-Mail-Standards im Kampf gegen Spam. Hier arbeitet Sendmail auch eng mit Firmen wie Yahoo und Microsoft zusammen.

"Ganz ehrlich, wir haben keinen politischen Anspruch, die Welt in Richtung Open Source zu verändern", sagt Olson. "Wir glauben, dass sie nützlich ist. Es ist vielleicht der beste Weg, um Neuerungen voranzutreiben. Und es ist ein sehr guter Weg, um Standards zu entwickeln."

Matthew Fordahl, AP / AP / DPA