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Videospielende Senioren: Wii in jungen Jahren

Der Sport ist virtuell, der Spaß ist echt: Bei den Seniorenmeisterschaften im Bowling an der Spielkonsole Wii lassen alte Menschen die Kegel fliegen, obwohl sie niemals eine echte Bowlingskugel anheben könnten. Der virtuelle Sport sorgt dennoch für mehr Bewegung als viele Fitnessprogramme.

Ruth Aiblinger nimmt die weiße Fernbedienung in die Hand und zurrt die Schlaufe am Handgelenk fest. Ein Schritt nach rechts, schon hat die 73-Jährige ihre Figur an die richtige Stelle gesteuert auf der Bowlingbahn, die auf einer Leinwand im Seniorenzentrum Köln-Riehl angezeigt wird. Jetzt geht alles ganz schnell: Die Seniorin reißt den rechten Arm hoch, die virtuelle Bowlingkugel springt in die Luft, donnert die Bahn hinunter - und räumt die Kegel ab, einige wenige bleiben stehen. Die Zuschauer raunen enttäuscht. "Das kann die viel besser", sagt eine von ihnen.

Und tatsächlich: Im zweiten Versuch wirft die Kugel auf der Leinwand auch die letzten Kegel um. Das Publikum applaudiert, denn heute zählt jeder Punkt. Die Bewohnerinnen des Kölner Seniorenzentrums spielen um die "Wii Sports Bowling Seniorenmeisterschaft".

Bewohner von 20 Senioreneinrichtungen in Deutschland messen sich bei einem simulierten Bowling-Spiel mit der Nintendo-Videospielkonsole Wii. Dabei führen die Spieler die Bewegungen statt mit einer echten Kugel mit einer Fernbedienung aus.

Projekt zweier Studenten

Organisiert wird die Meisterschaft von zwei Studenten aus München: Markus Deindl und Josef Kiener entwickelten das Projekt vor zweieinhalb Jahren in ihrem Studium der Sozialen Arbeit. Die Idee sei an Weihnachten entstanden, sagt Deindl. Er habe die Computerspiel-Konsole geschenkt bekommen und mit seiner Familie ausprobieren wollen. Zu seiner Überraschung hätten auch seine Großeltern mitgespielt und damit die Idee angestoßen, sagt der 26-Jährige: "Wenn's meine Großeltern können, können's noch mehr ältere Leute."

Einen ersten Wettbewerb im Wii-Bowling trugen die Bewohner von fünf Münchner Seniorenzentren aus; 2008 nahmen dann 55 Einrichtungen aus ganz Deutschland an der ersten Meisterschaft teil. Schnell sprach sich die Idee herum, sagt Josef Kiener, inzwischen müssten sie viele Anfragen absagen.

Der Computerspiel-Wettbewerb solle Ältere an neue Technik heranführen, ihren Ehrgeiz wecken und gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl in den Einrichtungen stärken, sagen die Organisatoren über die Ziele des Projekts. Auch Abwechslung solle es bringen, sagt Kiener: "Das ist doch was anderes als Sitzgymnastik und Gedächtnistraining." Auch Berührungsängste seien schnell abgebaut, sagt Deindl: "Am Anfang heißt es immer, ich kann das nicht." Nach wenigen Versuchen aber spielten die meisten mit Begeisterung.

Regelmäßiges Training im Seniorenzentrum

Sichtlich Freude macht das virtuelle Bowling den Meisterschafts-Spielerinnen des städtischen Seniorenzentrum Köln-Riehl. Routiniert führen die Frauen die Fernbedienung durch die Luft und oft rufen sie "Strike" - alle Kegel abgeräumt, heißt das. Seit einem halben Jahr üben die Bewohner hier zwei Mal in der Woche, sagt der Geschäftsführer des Trägers Sozial-Betriebe-Köln, Otto Ludorff. Geplant sei nun, auch Bewohnern in anderen Einrichtungen und Pflegebedürftigen das Videospiel zu ermöglichen.

Schon jetzt kegeln viele mit, die körperlich eingeschränkt sind. Erika Lemme etwa, mit 91 Jahren am Donnerstag die älteste Spielerin in der Einrichtung, kann schlecht sehen. Auch die Technik ist ihr fremd, sagt die Seniorin: "Ich hab mit Computern nicht viel am Hut." Trotzdem spiele sie gerne. "Ich will unter Leuten sein", sagt sie - ein bisschen Ehrgeiz sei aber auch dabei. An diesem Donnerstag kann die 91-Jährige zufrieden sein: Sie machte den vierten Platz.

Lena Brochhagen/AP / AP