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Universal-Fernbedienung Universal-Fernbedienungen vor dem Aus: Das Ende der einen, sie alle zu steuern

Eine Fernbedienung für alles - das ist heute gar nicht mehr nötig
Eine Fernbedienung für alles - das ist heute gar nicht mehr nötig
© franckreporter / Getty Images
Wer das Geräte-Chaos im Wohnzimmer beherrschen wollte, hatte früher nur eine Wahl: eine Universal-Fernbedienung. Nun stellt ausgerechnet der wichtigste Hersteller der smarten Helfer das Geschäft mit ihnen ein. Es sagt viel über die Veränderung im Zuhause aus.

Fernseher, Blu-ray-Player, Satelliten- und Set-Top-Box, von der Hifi-Anlage ganz zu schweigen. Selbst in Durchschnittshaushalten gab es früher meist mehr Fernbedingungen als Personen, die sie auf der Couch benutzten. Universal-Fernbedienungen waren da oft die einzige Alternative, um das Chaos im Griff zu halten. Jetzt ist die Sparte wohl beerdigt worden - von der Marke, die sie seit Jahren dominierte.

Denn geht es um Universal-Fernbedienungen, fiel immer wieder derselbe Name: Logitech Harmony. Zwar gibt und gab es auch jede Modelle von anderen Herstellern, aber keine Serie wird im Netz so oft gefeiert wie die Harmony. Jetzt hat Logitech angekündigt, sie einzustellen. Es steht symbolisch für einen Markt, der immer weniger benötigt wird.

Das Ende einer Ära

Seit 2004 der Schweizer Hersteller Logitech die Harmony-Reihe einkaufte, hat sich Homeentertainment massiv verändert. War es damals fast unumgänglich, sein Wohnzimmer mit immer mehr Geräten vollzustellen, wenn man den besten Sound und die größte Auswahl bei den Eingabequellen wollte, ist die Zahl der Geräte in den letzten Jahren immer weiter geschrumpft - und auch der Bedarf an Fernbedienungen geht immer mehr gegen Null.

Beide Entwicklungen hängen miteinander zusammen: Sie sind Folgen der immer fortschreitenden Digitalisierung unseres Alltags. Zum einen sind immer mehr Features in die Fernseher selbst gewandert. Statt auf mehrere Peripherie-Geräte setzen zu müssen, haben die smarten Fernseher von heute nahezu alle Funktionen direkt an Bord, können ohne weitere Unterstützung Kabelsignale entschlüsseln und TV-Sendungen aufnehmen.

Zum anderen haben Musik- und Videostreaming unsere Konsumgewohnheiten massiv verändert. Waren früher die DVD- und CD-Sammlung gemeinsam mit den entsprechenden Geräten der Stolz des Wohnzimmers, hat beiden längst das Streaming den Rang abgelaufen. Und dafür braucht man keine zusätzliche Fernbedienung mehr: Die Streaming-Apps laufen direkt auf dem TV, die Musik kommt vom Smartphone auf die kabellosen Boxen. Oder per Sprachsteuerung direkt aus der Cloud. Selbst wer eine Streaming-Box nutzt, hat selten das alte Chaos: Die Knipsen von FireTV und Co. steuern längst routiniert den Fernseher mit.

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Ein sterbender Markt

Logitech selbst hatte sich eigentlich wenig vorzuwerfen. Schon 2015 brachte das Unternehmen mit dem Harmony-Hub (hier bei uns im Test) ein Gerät heraus, das die Fernbedienung auch zur Smarthome-Zentrale aufbohrte. Lampen, Steckdosen und sogar die Kaffeemaschine - alles lies sich mit wenig Aufwand über den Hub verbinden und automatisiert in Routinen einbauen. Zusätzlich zu den 270.000 unterstützten Infrarot-Geräten ließ sich nun sogar nahezu alles mit Bluetooth oder Wlan darüber steuern. Und das auch ohne eine Fernbedienung selbst: Sogar das Smartphone und die Sprachassistenten wie Googles Assistant oder Alexa holte Logitech an Bord.

Doch der Markt war einfach zu klein. "Es gibt einfach immer weniger Menschen, die wirklich eine Universal-Fernbedienung brauchen", erklärte Logitech-Chef Bracken Darrell (hier bei uns im Interview) schon 2019 im Gespräch mit "The Verge". "Heute haben wir ein ganz anderes Problem: Wir haben zehn verschiedene Streamingdienste. Wenn man 'Friends' schauen will, fragt man sich, wo das läuft. Es geht weniger um das Gerät, als um die verschiedenen Dienste."

Das muss der Konzern auch an den Verkaufszahlen gespürt haben. Bereits 2013, mit dem Antreten Darrells als CEO, gab es erste Gerüchte, dass man die Sparte verkaufen wollte, sich aber kein Käufer fand. Die letzte große Überarbeitung der Harmony-Reihe liegt trotz des immer größeren Erfolgs des Smarthomes mehrere Jahre zurück. Genaue Verkaufszahlen sind zwar nicht bekannt. Eine von Darrell genannte Hausnummer gibt aber einen Hinweis, wie schlecht es mit den Fernbedienungen lief: Das Geschäft mit ihnen bringe Logitech etwa sechs Prozent dessen ein, was man alleine Tastaturen in die Kassen spülen, verriet er "The Verge". "Es ist ein sehr kleines Geschäft", sagte er schon damals.

Die Fans sind traurig

Die Hardcore-Fans will man trotzdem nicht vergraulen. Man werde zwar aufhören neue Geräte zu bauen, die alten aber weiter abverkaufen und unterstützen, erklärte der Konzern in seinem Blogpost. "Unsere aktuellen Kunden werden keine Auswirkung dieser Entscheidung spüren", verspricht Logitech.

Die sind dadurch aber wenig beruhigt. "Es gibt einfach keine echte Alternative", klagen sie seit der Ankündigung in unzähligen Varianten in den sozialen Medien. Viele kündigen an, sich noch ein Ersatzmodelle auf Halde zu kaufen, falls die altgedienten Geräte den Geist aufgeben. Auch Darrell wusste bereits 2019, wie leidenschaftlich die Fans ihren Universal-Fernbedienungen gegenüberstehen. "Wir wissen sehr zu schätzen, dass die Fans diesen Bereich so sehr lieben. Wirklich lieben. Das sieht man so nur noch sehr selten." Nun ist es einmal weniger der Fall.

Quelle:Logitech, The Verge

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