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SMARTER LIFE

Interview

CEO Bracken Darrell: Logitech: Von der grauen Maus zum Lifestyle-Riesen

Logitech war lange die graue Maus auf dem Schreibtisch. Die Produkte der Schweizer galten als gut - cool waren sie nicht. Heute ist Logitech eine globale Lifestyle-Marke. Wir sprachen mit CEO Bracken Darrell über die Touchscreen-Revolution, die Wichtigkeit von Design - und die Gefahr durch Alexa.

Logitech-CEO Bracken Darrell hält eine Maus des Unternehmens hoch

Bracken Darrell übernahm Logitech in der Krise - und baute den Zubehör-Hersteller zur Design-Marke um

Picture Alliance

2008 knackte Logitech den Meilenstein von einer Milliarde verkaufter Mäuse. Dann eroberten Tablets und Smartphones den Markt. Wie viele Mäuse hat Logitech seitdem verkauft?

Knapp 400 Millionen schätze ich. Viele. Aber wir haben uns tatsächlich vor allem in andere Märkte getraut. Wir hatten die Chance, zu zeigen, was wir können. Unsere Mäuse und unsere Tastaturen sind immer noch sehr schön. Um in andere Märkte zu kommen, war der Fokus auf das Design aber entscheidend.

War das Design der Schlüssel zum Wandel weg von der grauen Maus?
Ich war früher der Geschäftsführer von Braun für Procter & Gamble. Ich liebe Dieter Rams und das Design, für das er steht. Seine Arbeit bei Braun gilt ja als Hauptinspiration für das moderne Apple-Design. Ich war auf der Suche nach einer Firma, die man zu einer Design-Firma machen konnte. Und ich fand Logitech.

Sie suchten aktiv nach einer solchen Möglichkeit?
Ja, ich wollte ein Design-Unternehmen entwickeln. Im ersten Jahr kümmerte ich mich noch selbst um die Produkte, mit externen Design- und Kunst-Teams. Dann holte ich mir den ehemaligen Chef-Designer von Nokia ins Boot. Gemeinsam kreierten wir unsere eigenen Design-Prinzipien. Dieter hatte zehn, wir beschränkten uns auf fünf. Und wir fingen an, mit Hunderten Designern unsere Produkte neu zu denken. Das war der Wendepunkt.

Seitdem hat sich viel getan. Vor allem PC-Spieler schätzen die Mäuse und Tastaturen von Logitech. Früher war das so, weil sie zuverlässig und präzise waren. Heute spielt auch der coole Look eine Rolle.

Wir lieben Zocker. Bevor ich hierher kam, gab es in der Firma nur eine kleine Gruppe von Spiele-Fans. Ich hatte gegenüber meinen Vorgängern aber einen gigantischen Vorteil: Meine beiden Söhne sind Hardcore-Zocker. Sie fanden Logitech cool, aber nicht für Gamer. Also versuchten wir, für diese Gruppe cool zu werden. Dabei mussten wir uns aber zurückhalten. Wir wollten nicht niedlich oder protzig, sondern auf eine erwachsene Art cool sein. Meine Söhne gaben mir Recht. Sie wollten keine Schlangen oder sowas auf den Mäusen sehen.

Logitech Maus G502

Die Logitech-Maus G502 wäre so früher sicherlich nicht erschienen. Ob einem das an Gamer gerichtete Design gefällt, ist Geschmackssache. Die Büro-Mäuse sehen immer noch deutlich zurückhaltender aus.

Aber jede Menge bunte LED-Lampen.
Unmengen. Sie sind cool. (lacht)

Wie passt das mit dem subtilen Design von Dieter Rams zusammen?

Er hatte einen komplett anderen Ansatz. Aber ich bin überzeugt, dass wenn Dieter heute geboren worden wäre - und ich glaube, er würde mir da Recht geben -, er auch etwas völlig anderes machen würde. Viel provokanter und wesentlich weniger reduziert. Design ist ja auch immer eine Reaktion auf das, was vorher kam.

Wie es in der Kunstgeschichte immer wieder vorkommt.
Eben. Und wir versuchen nun, eine neue Art von Design-Sprache zu kreieren. Mit aktuellen Design-Richtlinien. Eine ist etwa, dass man immer eine große Idee braucht. Etwa: Jeder braucht ein Auto. Also müssen wir Autos für jeden bezahlbar machen. Eine weitere ist, dass jedes Produkt eine Seele braucht, die sich durch jede Ebene seiner Benutzung zieht. Der VW Käfer ist das perfekte Beispiel. Er war markant, weicher als andere Wagen, liebenswert. Das zog sich durch alles, von der Werbung bis zum Rahmen. Jede Ebene drückte seine Seele aus.

Logitechs Kern-Produkte - Mäuse und Tastaturen - basieren auf dem Drücken von Köpfen, um Computer zu steuern. Wie empfanden Sie die Touchscreen-Revolution?
Ich fand es großartig. Ich kam aber auch erst nach dem Durchbruch des Touchscreens zu Logitech.

Sie durften also nur die Folgen ausbaden.
Ich denke, dass Logitech damals zu langsam dabei war, auf Touchscreens zu setzen. Als ich die Firma übernahm, begannen wir deshalb schnell, Zubehör für das iPad zu entwickeln, etwa Tastatur-Hüllen. Touch ist einfach sehr natürlich. Es wird immer mehr dahin gehen, dass wir eine wilde Mischung haben, mal die Maus benutzen, mal die Tastatur, dann Touch und die Stimme. Ich bin mir aber sicher: Es wird immer Einsatzgebiete geben, in denen eine Maus und eine Tastatur überlegen sind. Etwa für viele Arbeiten.

Ist die immer weiter aufkommende Sprachsteuerung eine Gefahr für Logitech?
Nein, ich denke nicht - im Gegenteil. Das, was dem Smarthome fehlte, war eine Grundlage, auf dem alle Geräte miteinander sprechen können. Amazon Echo ist aber genau das.

Auch ihre Universal-Fernbedienung Harmony Hub (hier im Test) lässt sich als eine solche Plattform nutzen.
Ja. Und sie ist mit Alexa kompatibel. Als die ersten Smarthome-Geräte wie Smartthings anfingen hieß es, man müsse sich zuerst einen Hub kaufen. Aber wer will das schon? Wir entwarfen die Fernbedienung so, dass die Nutzer sofort einen Nutzen haben - man kann alles mit einer Fernbedienung steuern. Die Funktion als Smarthome-Hub bekamen sie einfach obendrauf. Und Amazon Echo funktioniert genauso. Man kann damit Musik hören, nach dem Wetter fragen. Aber eben auch das Smarthome steuern.

Apropos Musik: Wie wichtig war Audio für die Änderung zur Lifestylemarke?
Enorm wichtig. Unsere Bluetooth-Speaker von Ultimate Ears waren ein großer Schritt vorwärts für uns. Sie haben uns gezeigt, dass wir es auch auf anderen Märkten mit unserem Ansatz schaffen können. Jetzt bieten wir unter dem Namen Jaybird etwa auch Kopfhörer an. Wir werden in Zukunft noch viele weitere Lifestyle-Märkte in Angriff nehmen. Aber immer mit Technologie-Fokus.

Wie wichtig waren Influencer dabei, das Image der Firma zu ändern?
Unser großer Vorteil ist, dass unsere Produkte bei den Influencern gut ankommen. Es ist schwierig, jemanden dazu zu bekommen, dein Produkt zu loben, wenn er es nicht mag. Wir geben wenig Geld für Influencer aus, aber verschenken jede Menge unserer Produkte. Ich persönlich habe vermutlich Hunderte von Bluetooth-Speakern verschenkt. Ich habe sie selbst bezahlt. Ich glaube, ich bin unser bester Kunde (lacht).

Im Moment kommen von Logitech viele unterschiedliche Produkte, etwa der smarte Lichtschalter Pop. Verkaufen sich diese kleinen Neuerungen wirklich oder geht es da ums Experimentieren?
Uns ist wichtig, gute Produkte zu machen. Manche verkaufen sich dann auch sehr gut, andere eher nicht. Wir probieren auch gerne aus, aber die Produkte müssen trotzdem gut sein. Der Pop kann nicht viel, man kann jeden jeweils nur mit drei Aktionen belegen. In seinem beschränkten Umfang funktioniert er aber sehr gut. Es könnte auch noch sehr früh sein. Die Leute haben noch keine voll ausgestatteten Smarthomes. Vielleicht kommt er später noch mal.

Lassen Sie uns über E-Sports reden. Zocker-Stars verdienen mittlerweile Millionen, die meisten Menschen haben das Milliardengeschäft gar nicht auf dem Zettel. Logitech ist in der Szene sehr aktiv.

Das ist Teil unserer Strategie. Ich liebe E-Sport - obwohl ich selbst nicht viele spiele. Die Art, wie meine Kinder damit umgehen - es ist wie ich in meiner Kindheit auf Basketball und Football reagiert habe. In den USA schauen mehr Menschen anderen bei Youtube oder Twitch beim Zocken zu, als es Zuschauer bei HBO, Netflix oder dem Sportsender EPSN gibt. Die will man natürlich erreichen. Deshalb begannen wir früh, mit professionellen Spieleteams zusammenzuarbeiten. Aktuell erreicht man so nur eine bestimmte Altersgruppe. Aber die werden älter - und das Phänomen wird riesig werden.

Wo sehen Sie Logitechs Zukunft?
Ich sehe uns als Unternehmen, dass mit vielen Marken in vielen Märkten mitspielt. Wie Unilever oder Procter & Gamble. Wir werden nicht in deren Märkte gehen, uns geht es immer um den Bezug zu Technologien und Consumer Products. Aber wir werden in vielen kleinen Märkten sein, in denen wir Marktführer werden können. Das ist wirklich unsere Stärke. Gaming ist dabei wichtig, Audio ist es auch. Mal sehen, ob etwa Entertainment dazukommt.

Logitech hat Audio, Logitech hat die Steuerung - wann kommt das erste Gerät mit einem Bildschirm?
Wir könnten einen Fernseher bauen, ein Smartphone und so weiter. Aber wir sehen uns wie gesagt eher in den kleinen Nischen. Wir müssen nicht mit Samsung oder Apple konkurrieren.