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Neue Pläne für Vans KI-Kameras im Lieferwagen: Angst vor Amazons allgegenwärtigem Auge

Amazon will seine Lieferwagen künftig per Video überwachen. In den USA löst das Angst vor einer staatlichen Überwachung aus. Das hängt auch mit den anderen Geschäften des Konzerns zusammen.

Wann wurde ein Paket gestohlen, wie kam es zu einem Unfall und passt der Fahrer auf? Mit einer neuen Maßnahme prüft Amazon eine weitere Möglichkeit, die eigenen Lieferwagen sicherer zu machen. In den USA hat der Handelsgigant damit allerdings die Angst vor einem allgegenwärtigen Überwachungsstaat ausgelöst. Und das nicht ohne Grund.

Dabei wirkt die Ankündigung an sich erst einmal durchaus nachvollziehbar. Amazon testet aktuell, ob sich mit Kameras in den eigenen Lieferwagen die Sicherheit erhöhen lässt. Dazu filmen durch künstliche Intelligenz (KI) unterstützte Kameras, was in und um den Wagen passiert. Glaubt man einem von Amazons offenbar versehentlich öffentlich gestellten Video zu zu dem Testlauf, handelt es sich nur um eine Mischung aus Dashcam und  Diebstahlschutz. "Die Technologie wird Fahrern mit Echtzeit-Alarmen helfen, auf der Straße sicherer zu bleiben", bestätigte eine Sprecherin des Konzern gegenüber "CNBC" die Existenz des Testlaufs. Doch Kritiker sehen deutlich mehr dahinter. 

Angst vor dem allgegenwärtigen Auge

Da ist zum einen der Aspekt der Überwachung der eigenen Mitarbeiter. Die Kameras filmen auch in den Wagen hinein, sollen erkennen, ob der Fahrer aufmerksam genug ist oder ob sich Unbefugte im Wagen aufhalten. Aber sie erlauben es natürlich auch, die Leistung der Fahrer im Auge zu behalten. "Die Kameras sind nur eine neue Art, uns zu überwachen", klagt etwa Fahrer Henry Search gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Tatsächlich nennen die den Fahrern vorgelegten Privatsphäreregeln explizit die Option, die Aufnahmen auch zur Bewertung der Arbeitsleistung zu nutzen, so "CNBC". Eine Wahl haben die Fahrer indes nicht. Er habe die Kameras zulassen müssen, sagte ein Fahrer dem TV-Sender, "sonst hätte ich nicht für Amazon arbeiten können."

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Die weitaus größere Gefahr sei allerdings der Einsatz für einen Überwachungsstaat, warnt Evan Greer vom Bürgerrechts-Verband "Fight for the Future". "Ich denke, selbst Amazon weiß noch nicht genau, wie die Daten dieser Geräte am Ende genutzt werden sollen", erklärt Greer." Er fordert in einer Petition, die Nutzung gesetzlich einzuschränken. "Letztlich wird jedes Amazon-Auto zu einer Überwachungskamera des Konzerns. Und aktuell gibt es keinerlei Gesetze, die regulieren, was Amazon mit all den Aufnahmen machen kann, wenn sie einmal gesammelt sind."

Überwachung für den Staat

Die Angst vor einer staatlichen Überwachung ist nicht soweit hergeholt. Die Amazon-Tochter Ring arbeitet etwa mit ihren Sicherheits-Kameras in den USA eng mit Strafverfolgungsbehörden zusammen, mehr als 2000 Polizei- und Feuerwehrämter gehören dort zum sogenannten Ring-Netzwerk. Die Beamten können jederzeit bei den Besitzern der Kamera um die Herausgabe des Materials zur Aufklärung von Verbrechen bitten. Dazu bietet Amazon sogar eine eigene Plattform, mit der die Polizei direkt per App-Benachrichtigung die Genehmigung einfordern und das Material sichten kann. In manchen Bezirken gab die Polizei sogar kostenlose Kameras an die Bewohner. Die einzige Bedingung: Sie mussten dem Zugriff der Behörden zustimmen.

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Auch die Privatsphäre-Bestimmungen der Lieferwagen-Kameras sehen vor, die Daten an Behörden weiterzugeben, berichtet "CNBC". Das ist zwar vermutlich in erster Linie für die Aufklärung von Unfällen und Straftaten direkt am Lieferwagen gedacht, die Aufnahmen stellen für die Strafverfolgungsbehörden aber eine potenzielle Goldgrube dar. Neben einer Kamera mit frontalem Blick durch die Frontscheibe bekommen die Lieferwagen auch auf beiden Seiten Kameras verpasst. Sollte ein Wagen also während eines möglichen Verbrechens durch die betroffene Gegend gefahren sein, könnte das Videomaterial schnell als Beweismittel oder Ermittlungshinweis taugen. Die Amazon-Vans würden zum mobilen Überwachungskamera-System.

Automatische Erkennung von Gesichtern und Nummernschildern

Dabei bietet vor allem die KI-Unterstützung das Zeug zum Privatsphäre-Albtraum. Auch wenn laut Amazon kein externer Livezugriff auf die Kamerabilder möglich ist, soll die künstliche Intelligenz live die Fahrsituation auswerten, den Fahrer bei zu dichtem Auffahren, plötzlich auftauchenden Hindernissen oder Unaufmerksamkeit am Steuer warnen, erklärt Amazon in dem Video. Doch die Liveauswertung der Bilder könnte ohne weiteres auf weitere Bereiche ausgeweitet werden, warnt Fight for the Future. "Das würde für die Erkennung von Nummernschildern, biometrischen Daten und bei der Nutzung von Gesichtserkennung auch die Verfolgung sämtlicher Bewegungen der Bürger durch die Wohngegenden und die ganze Stadt ermöglichen", malen sie ein düsteres Bild.

Dass das nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, zeigt der Skandal um Amazons Projekt Rekognition. Das eigentlich als eine Art Computer-Auge beworbene KI-Programm wurde bekannt, weil verschiedene US-Behörden es zur Gesichtserkennung und zur Suche nach Verdächtigen benutzten, darunter so promintente Behörden wie das FBI, die Einwanderungsbehörde ICE und das Heimatschutzministerium. Das Produkt geriet in die Kritik, weil es dunkelhäutige Personen und vor allem Frauen nur sehr schlecht voneinander unterscheiden konnte. Allerdings war die Quote ohnehin nicht berauschend: Bei einem Experiment mit US-Politikern durch Bürgerrechtler wurden 26 von 120 Abgeordneten fälschlicherweise als  gesuchte Verbrecher erkannt.

Kurze Verschnaufpause

Erst im Rahmen der Proteste wegen des von Polizisten ermordeten Afro-Amerikaners George Floyd rückte Amazon von dem Projekt ab - aber nur teilweise: Ein Jahr lang wolle man die Software nicht den Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung stellen, kündigte das Unternehmen im Juni 2020 an. Bis dahin wird die Software nur von zivilen Kunden wie Medien und Forschungseinrichtungen genutzt. Wie es in fünf Monaten weitergeht, hat der Konzern noch nicht bekannt gegeben.

Der Führungswechsel bei Amazon lässt allerdings erahnen, in welche Richtung es gehen könnte: Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte diese Woche verkündet, dass er als CEO des Konzerns zurücktritt. Sein Nachfolger ist Andy Jassy, bisher für die Cloud-Sparte AWS verantwortlich. Jassys Berufung gilt als Symbol dafür, dass nicht der Handel, sondern das rasant wachsende Cloud-Geschäft als Zukunft des Konzerns gesehen wird. Und zu diesem Geschäft gehört auch: Rekognition.

Quellen:Reuters, CNBC, Fight for the Future, Slash Gear

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