VG-Wort Pixel

iOS 14 Apple sperrt Werbe-Schnüffelei: Während Zuckerberg wütet, hält Google lieber die Füße still

Facebook-Chef Mark Zuckerberg schaut bei seiner F8-Rede betreten
Facebook-Chef Mark Zuckerberg ging Apple nun frontal an
© Justin Sullivan/Getty Images/AFP
Mit einem neuen Feature von iOS 14 macht Apple es erheblich schwerer, die Nutzer zu Werbezwecken auszuschnüffeln. Google und Facebook sind davon mit am stärksten betroffen. Doch während der Facebook-Chef offen zum Angriff bläst, entscheidet Google sich für einen anderen Weg.

Das Ausmaß, in dem wir von der Werbeindustrie beobachtet, ausgeschnüffelt und durchleuchtet werden, dürfte nur den wenigsten Menschen vollständig bewusst sein. Demnächst wird es bei iPhone- und iPad-Nutzern deutlich weniger sein. Weil Apple die Überwachung in iOS erheblich einschränkt, läuft die Werbeindustrie seit Sommer Sturm. Facebook-Chef Mark Zuckerberg ging nun in den direkten Angriff. Dass Google sich vornehm zurückhält, dürfte indes handfeste Gründe haben.

Der Schritt kam mit Ansage: Bereits im Sommer kündigte Apple auf der Hausmesse WWDC an, das Werbetracking in iOS umzukrempeln. Mit Rücksicht auf kleine App-Entwickler hatte Apple die eigentlich mit dem im September veröffentlichten iOS 14 geplante Ausrollung des Features mehrfach verschoben, jetzt setzt der Konzern eine klare Frist: Mit dem nächsten großen Update im Frühjahr werden Facebook, Google und Co. die Nutzer nicht mehr wie gewohnt tracken können, verkündete Apple bei der Vorstellung der jüngsten Quartalszahlen.

Facebook geht zum Angriff über

Die neuen Regeln der "App Tracking Transparency" (ATT) sind aus Sicht der Nutzer ein reiner Gewinn. Die Änderung ist eigentlich minimal: Die Werbefirmen dürfen die Kunden genauso mit auf sie zugeschnittener Werbung versorgen wie vorher. Sie müssen nur explizit um Erlaubnis darum bitten, die dafür benötigten Daten sammeln zu dürfen. Doch in der Werbebranche geht seitdem die Angst um. Die Befürchtung: Kaum jemand wird den umfangreichen Schnüffeleien zustimmen – und es gehen wertvolle Werbeerlöse verloren.

Wie groß die Angst ist, ließ sich bei der Vorstellung des aktuellen Quartalsberichts von Facebook beobachten. Gründer Mark Zuckerberg erklärte dort quasi offiziell Apple zum Feind. Obwohl der Konzern anders als Facebook keine Werbung, sondern in erster Linie Hardware verkauft, sehe man den Konzern "zunehmend als einen der wichtigsten Konkurrenten", erklärte Zuckerberg in einem Call mit den Investoren. In den letzten Monaten hatte Facebook bereits mehrfach große Kampagnen gegen Apples Pläne gefahren.

Apple gehe es nur vorgeblich um den Schutz der Kunden, "aber die Schritte sind klar an Wettbewerbsinteressen orientiert", ereiferte sich Zuckerberg. "Apple hat jeden Anreiz, seine dominante Plattform auszunutzen, um einzugreifen wie unsere und andere Apps funktionieren." Dabei ginge es vor allem darum, die eigenen Dienste wie die Chat-App iMessage zu bevorteilen, behauptet Zuckerberg. Zudem wiederholte er Facebooks Vorwurf, die Maßnahme würde in erster Linie kleine Unternehmen benachteiligen, die wegen des Wegfalls zielgerichteter Werbung viel Geld verlieren würden.

iOS 14: Apple sperrt Werbe-Schnüffelei: Während Zuckerberg wütet, hält Google lieber die Füße still

Es geht um viel Geld

Tatsächlich dürfte sich Facebook – und auch Google – vor allem Sorgen um das eigene Geschäft machen. Die iPhone-Nutzer gelten als eine der wertvollsten Zielgruppen, in den USA beträgt der Apple-Anteil bei den Smartphone-Nutzern über 60 Prozent. Fast 7 Prozent seiner Einnahmen könnte der Konzern durch Apples Änderung verlieren, berechnete Experte Eric Seufert. Nimmt man den gerade angegebenen Umsatz von 28 Milliarden Dollar aus dem letzten Quartal als Grundlage, wäre das ein Verlust von zwei Milliarden Dollar – für nur ein Quartal.

Da wundert es nicht, dass Facebook nun laut einem Bericht von "The Information" sogar eine Klage gegen Apple erwähnt. Der Vorwurf: Der Konzern würde seine eigenen Apps nicht an denselben Maßstäben messen, beim Tracking würden die eigenen Apps bevorteilt. Ob das tatsächlich der Fall sein sollte, wird man allerdings erst sehen können, wenn das Feature mit dem nächsten großen iOS-Update live geht. Eine drohende Klage dürfte die Entscheidung für Apple etwas leichter machen.

Google hält sich zurück

Interessanterweise verhält sich ein weiterer von der Änderung betroffener Konzern deutlich zurückhaltender: Google setzt auf Deeskalation. Obwohl der Konzern laut Seufert ebenfalls mit 7 Prozent Einnahmeverlust rechnen müsste, äußerte sich der Konzern lange Zeit gar nicht zu der Änderung. In einem Blogpost brach Google nun das Schweigen – und gab sich betont kooperativ. Man versuche aktuell, Apples Vorgaben genau zu verstehen, um sich daran halten zu können, erklärte der Konzern. Zwar rechne man mit einem Einnahmeverlust. Trotzdem habe man sich entschieden, auf das Anzeigen der Transparenzregeln zu verzichten – und Apples Werbe-Schnittstelle IDFA lieber gar nicht zu benutzen.

Googles Zurückhaltung dürfte mehrere Gründe haben. Zum einen will Google wohl um jeden Preis den Eindruck verhindern, gegen den Schutz der Privatsphäre zu kämpfen. Mit dem Smartphone-Betriebssystem Android steht der Konzern in direkter Konkurrenz zu Apple, der iPhone-Konzern nutzt den Schutz der Nutzerdaten seit einigen Jahren geschickt zur Aufwertung der eigenen Premium-Geräte. Zu laut für die Werbeindustrie zu trommeln, würde die Position Androids also schwächen.

Zumal Google seit dem Sommer ohnehin versucht, seinem System einen Privatsphäre-Anstrich zu verpassen: Mit Android 11 bekommen Nutzer mehr Kontrolle über ihre Daten, können etwa den GPS-Zugriff oder das Abrufen sämtlicher Daten gezielter erlauben oder verbieten. Anders als Facebook muss Google hier also einen schwierigen Spagat schaffen, dürfte deshalb eher versuchen, einen Mittelweg zu finden, in dem mit weniger Datensammlung trotzdem die Vorteile der personalisierten Werbung erreichbar sind, spekuliert Seufert.

Fast noch wichtiger könnte der zweite Grund sein: Der Konzern dürfte schlicht wenig Nutzen sehen, Facebook öffentlich beizuspringen. Die Inszenierung des Social-Media-Giganten als Schützer der kleinen Geschäfte ist sehr durchschaubar ein Schleier für den Schutz der eigenen Interessen. Da nun aufzuspringen, würde vermutlich auch Googles Ruf schaden. Und das, ohne einen Mehrwert zu bieten. Sollte sich Facebook gegen Apple durchsetzen, würde schließlich auch Google davon profitieren. Ganz ohne dabei seine Glaubwürdigkeit zu ruinieren.

Quellen:Washington Post, Tech Crunch, The Information, Mobile Dev Demo, Stat Counter


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker