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Cloud Computing: Willkommen in der Datenwolke

Wenn Fotos vom Handy automatisch mit dem PC synchronisiert werden, dann steckt die sogenannte Cloud dahinter. Mehr und mehr bestimmt die ominöse Wolke unseren Umgang mit Daten. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Von Andreas Albert

Cloudcomputing geht alle an. Denn immer mehr Daten liegen nicht mehr auf dem heimischen PC oder auf dem Server der Firma, sondern werden ausgelagert in die Datenwolke. Meistens bekommt der Anwender davon gar nichts mit. Aber wie funktioniert es, und was sind die Gefahren?

Wer sind die Anbieter?

Alle großen IT-Konzerne bauen derzeit ihre Kapazitäten im Cloudcomputing aus. Der Softwarelieferant SAP will zu einem großen Anbieter werden, SAPs Wettbewerber bei Firmensoftware, Oracle, zahlte Ende Oktober 1,5 Milliarden Dollar für den Cloudanbieter Rightnow.

Der Onlineversandhändler Amazon ist weltweit einer der größten Clouddienstleister. Der Konzern vermietet mit seinen Webservices Produkte und Dienstleistungen vom einfachen Speichern von Daten bis zum Verarbeiten. Der Clouddienst bei Amazon war mehr oder weniger aus der Not geboren. Der Konzern musste in Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft ausreichend Serverkapazität vorhalten. Um die Rechenkraft auch in ruhigeren Zeiten nicht brachliegen zu lassen, begann Amazon, die Kapazitäten zu vermieten.

Weitere große Anbieter sind Google und Apple. Apple mietet für seine iCloud Medienberichten zufolge zeitweise auch Kapazitäten von Amazon. Google bietet seine Bürosoftware Docs über seinen Clouddienst an. Die Software läuft auf den Rechenzentren des Internetkonzerns. Auch Microsoft weicht mit seinem Bürosoftwarepaket Office auf die Cloud aus. Bei dem für Endkunden kostenlosen Office 365 liegt die Software ebenfalls in der Datenwolke, die Nutzer greifen über ihren Webbrowser darauf zu. Der Onlineanbieter Yahoo gehört ebenso zu den Providern von Rechenkapazität.

Auch die großen IT-Konzerne wie IBM, Hewlett-Packard und Dell tummeln sich in dem Markt. Sie bieten mit ihren Dienstleistungen Unternehmenskunden Komplettpakete von der Wartung bis zur Datenspeicherung. Kleinere Anbieter wie VMWare, die bisher Virtualisierungsdienste anboten, und die Telekom, die damit wirbt, dass ihre Rechenzentren in Deutschland stehen und daher der deutschen Rechtsprechung unterliegen oder BT bieten ebenfalls umfangreiche Clouddienste.

Was sind die rechtlichen Aspekte?

Ein Grund für die zögerliche Durchsetzung von Clouddiensten in Europa ist die unklare Rechtssicherheit. Laut Bundesdatenschutzgesetz müssen beispielsweise deutsche Unternehmen immer Zugriff auf die Daten ihrer Kunden haben und sie löschen oder bearbeiten können. Stehen die Rechenzentren in den USA oder anderen Staaten, ist der Zugang nicht hundertprozentig gewährleistet. Auch der Transfer personenbezogener Daten ins Nicht-EU-Ausland ist umstritten. Daher betreiben viele Anbieter eigene Rechenzentren in Europa.

Die Steuerbehörden haben ebenfalls mitzureden, wenn unternehmensrelevante Informationen ins Ausland verlagert werden. So dürfen beispielsweise Handelsbücher nicht ohne die Zustimmung der Finanzbehörden außerhalb von Deutschland aufbewahrt werden.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor liegt im Umgang von US-Firmen mit Kundendaten. So dürfen US-Geheimdienste beispielsweise auf Grundlage des Antiterrorgesetzes Patriot Act auf Informationen von US-Unternehmen zugreifen. Dazu gehören auch Daten auf deren Servern.

Weitere Unsicherheiten liegen in einer möglichen unautorisierten Weitergabe von Kundendaten. Gerade beim Datenschutz hinken die USA deutschen Standards weit hinterher.

Wo liegen die Gefahren?

Beim Auslagern von sensiblen Daten in die Cloud lauern verschiedene Gefahren. So haben Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum beispielsweise Ende Oktober schwere Sicherheitslücken in Amazons Cloud-Angeboten aufgedeckt. Mit verschiedenen Methoden seien Forscher in das System eingedrungen und hätten Daten manipulieren können, berichtete Jörg Schwenk vom Lehrstuhl für Netz- und Datensicherheit. Die Schwachstellen seien aber inzwischen behoben. Anhand ihrer Forschungsergebnisse hätte Amazon die Sicherheitslücke bestätigt und sie umgehend geschlossen.

Auch von einem größeren mehrtägigen Ausfall blieb Amazon nicht verschont: So waren vor Ostern zwei Server in Nordamerika drei Tage lang ausgefallen. Ein Fehler bei einem Netzwerkupgrade hatte die Probleme ausgelöst, so die Erklärung. Der Vorfall warf erstmals massive Fragen über die Verlässlichkeit der Clouddienste auf. Mehrere Anbieter, unter anderem die Ortungswebseite Foursquare, konnten damals nicht erreicht werden.

Auch andere Anbieter wie Google hatten bereits mit Datenpannen zu kämpfen. So hatten im März dieses Jahres rund 30.000 Anwender des Dienstes Googlemail ihre gesamte Korrespondenz verloren. Den Sidekick-Dienst von T-Mobile und Microsoft erwischte es 2009. Damals kamen die Daten aller Nutzer in den USA abhanden.

Vor Naturkatastrophen oder Stromausfällen versuchen sich die Cloudanbieter zu schützen, in dem sie die kompletten Daten in anderen Rechenzentren spiegeln, so also mehrere Backups erstellen. Experten warnen aber auch davor, dass Anbieter von Clouddiensten Pleite gehen könnten. Was dann mit den Daten geschehe, sei nicht abzusehen.

Wie entwickelt sich der Markt?

Die IT-Dienstleister erhoffen sich ein Milliardengeschäft, wenn immer mehr Dienste in die Cloud abwandern. Laut dem Marktforschungsunternehmen Gartner hat das Cloudcomputing Potenzial für einen breiten langfristigen Einfluss auf alle Industrien. Während der Markt in diesem und im kommenden Jahr noch in einer frühen Phase stecke, werde sich bis 2015 die Nutzung von Anwendungen stark beschleunigen. Der Markt für öffentliche Cloud-Services werde bis dahin 176,8 Milliarden Dollar umfassen. Das entspricht in etwa einer Verdoppelung des derzeitigen Marktvolumens von 2011.

Die großen Anbieter werden der Prognose zufolge bis 2015 eine komplette Palette von Dienstleistungen im Portfolio haben. Zudem werde der Wettbewerb um die Kunden stark zunehmen: Gartner erwartet, dass 20 Prozent der Konzerne, die nicht zu den 500 größten IT-Unternehmen weltweit gehören, bis dahin Clouddienste anbieten.

Der Branchenverband Bitkom schätzt den Umsatz mit Cloud-Computing-Diensten in Deutschland 2011 auf 3,5 Milliarden Euro, was einem Wachstum von 55 Prozent entspräche. In vier Jahren soll sich der Markt fast vervierfachen. Kein anderes Segment wachse so schnell.