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Facebook kauft Chat-Dienst: Whatsapp will rebellisch bleiben

Einst wollte Whatsapp anders sein als Facebook - mit weniger Werbung und ohne der Auswertung von Nutzerdaten. Doch dem Milliarden-Angebot des Konkurrenten konnte die Firma nicht widerstehnen.

Wenn man Facebook-Chef Mark Zuckerberg glauben darf, hat er die 19 Milliarden Dollar schwere Übernahme von Whatsapp in nicht einmal elf Tagen eingefädelt. Vorletztes Wochenende habe er Whatsapp-Mitgründer Jan Koum vorgeschlagen, "dass wir uns zusammentun", verriet Zuckerberg am Mittwoch. "Ich kenne Jan schon eine ganze Zeit." Die zwei seien sich schnell handelseinig geworden.

Für den 37-jährigen Koum krönt der Deal mit Facebook einen märchenhaften Aufstieg aus ärmsten Verhältnissen zum Milliardär. Er wuchs in einem Dorf in der Ukraine auf und kam Anfang der 90er Jahre als Teenager mit seiner Mutter in die USA. Dort waren sie zunächst auf Sozialhilfe angewiesen. Koum hat das nicht vergessen: Für die Unterzeichnung des Verkaufs an Facebook habe er das verlassene Behörden-Gebäude ausgesucht, in dem er einst für Lebensmittel-Marken anstand, schrieb das Magazin "Forbes". Koums Anteil an Whatsappmache ihn jetzt 6,8 Milliarden Dollar schwer, hieß es.

Whatsapp finanzierte sich Anfangs nur über den Preis für die App und stellte inzwischen auf eine jährliche Abo-Gebühr von einem Dollar um. Angesichts der Größe komme so genug Geld für den Betrieb zusammen, beteuerte Koum noch vor einigen Wochen am Rande der Internet-Konferenz DLD in München. "Wir sind nicht gierig. Und wir sind sparsam." So bewältige Whatsapp die Lawine von rund 18 Milliarden Nachrichten pro Tag mit einem schmalen Budget und nur rund 50 Mitarbeitern.

Rebell in Erklärungsnot

Heute ist Whatsapp nicht einfach nur einer der populärsten Kurznachrichten-Dienste. Facebook holt sich mit der Übernahme auf einen Schlag 450 Millionen Nutzer samt deren Daten und Adressbüchern. Dabei präsentierte sich Whatsapp stets als Ausnahme im Internet-Geschäft. Man schalte keine Werbung und müsse deshalb auch keine Nutzerdaten auswerten, betonte Koum gebetsmühlenartig.

"Wir interessieren uns nicht für Informationen über unsere Nutzer", sagte er noch im Januar. Stattdessen reiche die überaus moderate Gebühr für den Betrieb. Jetzt schlüpft Whatsapp aber ausgerechnet bei einem Unternehmen unter, das davon lebt, die Werbung an sein ausgiebiges Wissen über die 1,2 Milliarden Mitglieder anzupassen. Wenn man sich zuvor als Rebell gegen die Konventionen der Internet-Industrie gab, bringt das einigen Erklärungsbedarf.

Für die Whatsapp-Nutzer werde sich nichts ändern, versprach Koum so auch rasch in einem Blogeintrag, nachdem der 19 Milliarden Dollar schwere Deal bekanntgegeben wurde. Nach wie vor würden keine Werbeanzeigen die Kommunikation mit Freunden stören. Es hätte keine Partnerschaft mit Facebook gegeben, wenn dies Whatsapp Kompromisse bei Grundprinzipien abverlangt hätte.

Es bleiben viele Fragen

Darüber, was sich hinter den Kulissen von Whatsapp mit dem Verkauf an Facebook ändern könnte, schwiegen sich die Chefs aus. Aber Koum hatte schon wiederholt betont, dass es für ihn klare Grenzen beim Umgang mit Nutzerdaten gebe. So hakte er auf die Frage, ob Whatsapp zu Kompromissen mit chinesischen Behörden bereit wäre, um auch dort auf den Markt zu kommen, schlicht ab: "Wir machen keine Kompromisse."

Und der Milliarden-Deal mit dem weltgrößten Online-Netzwerkhat auch eine ironische Seite: Koum und der zweite Whatsapp-Mitgründer Brian Acton hatten sich auch bei Zuckerbergs Firma beworben, nachdem sie 2007 ihre Jobs beim Internet-Pionier Yahoo aufgaben. Facebook wollte sie damals nicht.

she/DPA / DPA