Google Gratis an die Macht


Google verschenkt seine Produkte und verdient damit Milliarden. Ein Paradox? Mitnichten, denn wer die kostenlosen Dienste nutzt, zahlt mit privaten Daten und muss Werbung akzeptieren. Jetzt soll ein eigener Browser den unliebsamen Konkurrenten Internet Explorer und Firefox Paroli bieten. Doch Chrome ist nur ein erster Schritt.
Von Gerd Blank

Gut zehn Jahre ist es her, dass die zwei Uni-Kumpels Sergey Brin und Larry Page in einer Garage saßen und an einer Suchmaschine bastelten. Zehn Jahre, in denen aus der Zwei-Mann-Firma ein globales Imperium geworden ist. Google ist mehr als nur eine Suchmaschine, Google ist DIE Suchmaschine. Der Name ist inzwischen ein Gattungsbegriff für die Websuche an sich. Nutzer "googeln" nicht nur Fakten, sondern informieren sich auch über andere Personen. Das Web vergisst nichts, und Google ist der Archivar aller Informationen.

Obwohl fast alle Dienste von Google kostenlos sind, lässt sich das Unternehmen die Services gut bezahlen: Nutzer geben bereitwillig Informationen von sich preis, die Werbekunden zahlen riesige Beträge für gute Platzierungen ihrer Anzeigen bei den Suchergebnissen. Das Unternehmen ist die wichtigste Seite im Internet, macht mehr Werbeumsatz im Netz als alle großen Konkurrenten zusammen. Zudem ist Google laut einer Studie der Marktforschungsgruppe Millward Brown inzwischen die wertvollste Marke der Welt, wertvoller als Coca Cola oder McDonald's.

Eroberung aller Lebensbereiche

Google ist laut "Forbes" das am schnellsten wachsende und wahrscheinlich auch eines der mächtigsten Unternehmen auf der Welt. Es hat das Potenzial, jeden Lebensbereich zu erobern. Schon jetzt bestimmt Google, wie wir Nachrichten lesen, miteinander kommunizieren, Filme schauen oder unseren Job machen. Google wird genutzt, um die Welt von oben anzuschauen und Wege zu finden, Bilder zu sortieren und Termine zu verwalten. Dabei ist die schlichte Webseite von Google auf dem ersten Blick alles andere als aufregend. Doch schaut man genauer hin, entpuppt sich das Angebot als virtueller Wolf im digitalen Schafspelz. Derzeit sind auf der Google-Speisekarte über 30 Services aufgelistet, die meistens kostenlos zur Verfügung stehen.

Nun stellt Google einen eigenen Browser vor, gleichzeitig in 100 Ländern. Es reicht dem Unternehmen nicht mehr, mit der Software anderer Hersteller im Internet aufgerufen zu werden - Google will eine einheitliche Lösung. "Chrome" heißt der Neuling im Google-Portfolio, derzeit noch, wie fast alle Angebote des Unternehmens, im Beta-Stadium. Es handelt sich bei der Software um ein so genanntes Open-Source-Produkt. Andere dürfen die Software nach Belieben verändern und sie so ständig verbessern. Der eigene Browser ist ein klarer Angriff auf den Internet Explorer von Microsoft und den ebenfalls auf Open Source basierenden Firefox. Bislang konnte Google lediglich Suchanfragen protokollieren, mit dem eigenen Browser könnte sich das komplette Surfverhalten aufzeichnen und nutzen lassen. Also auch der Besuch einer anderen Suchmaschine würde Google unter Umständen aussagekräftige Ergebnisse liefern.

Kollateralschaden programmiert

Google ist ein Info-Mixer: Das Unternehmen selbst produziert keine Inhalte, sondern stellt lediglich eine Plattform zur Verfügung, auf der Nachrichten, Bilder und Videos anderer Sites dargestellt werden. Das dabei auch mal die Urheberrechte anderer in Mitleidenschaft gezogen werden, kann als Kollateralschaden bezeichnet werden. Will man alles zeigen und suchbar machen, werden zwangsläufig Rechte mit Füßen getreten. Der Erwerb von Youtube im Jahr 2006 war nur ein weiterer Schritt auf dem Marsch zur Vormachtsstellung im Web. Etablierte Fernsehsender fürchten die Macht des Internet und dessen Nutzer. Bei Youtube können Websurfer eigene Videos kostenlos präsentieren, das Angebot wird millionenfach genutzt und ist ein Grund für den Schwund bei TV-Zuschauern. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender zeichnet entsprechend auch ein düsteres Bild an die Wand: "Junge Leute gehen uns durch das Internet verloren."

Google ist also bereits jetzt überall und bedient geschickt die Sehnsüchte der Nutzer. Alles ist - nicht zuletzt dank Google - kostenlos per Mausklick verfügbar. Dem Unternehmen wird gerne unterstellt, dass es gar nicht so gute Absichten hat, wie das Firmenmotto "Don't do Evil" vermuten lässt. Die Angst ist groß, dass Google mit den über Nutzer gesammelten Informationen Schindluder treiben wird. David Smith vom "Observer" vermutet, dass Google innerhalb der letzten zehn Jahr mehr persönliche Daten von Menschen gesammelt hat als alle Regierungen zusammen. "Die Stasi und der KGB sehen dagegen aus wie die unschuldige alte Dame von nebenan." Und mit diesen persönlichen Infos verdient Google Milliarden. Individualisierte Werbung soll noch mehr Anzeigenkunden locken.

Zwischenstopp im Feldzug

Demnächst verlässt Google die virtuelle Welt, das erste Google-Handy mit dem eigenen Betriebssystem "Android" wird wahrscheinlich noch in diesem Jahr verfügbar sein. Der neue Browser Chrome könnte dabei nur ein weiterer Zwischenstopp im Feldzug der Amerikaner sein. Ein Test, ob Nutzer schon bereit sind, sich komplett auf Google zu verlassen. Gerüchte über ein eigenes Betriebssystem für Computer kursieren ebenfalls im wie üblich gut informierten Netz. Ein logischer Schritt, denn dann würden Google-Inhalte mit Google-Software auf Google-Geräten angezeigt werden. Eigentlich ein typisches Apple-Geschäftsmodell. Und auch der Effekt ist wie bei Apple: Mit einer eigenen Komplettlösung hätte Google dann auch Zugriff auf alle privaten Daten.

Bisher hat kein Unternehmen dem Wachstum von Google etwas entgegenzusetzen. Während Microsoft schon seit Jahren versucht, auch im Online-Geschäft Fuß zu fassen, hat Google längst mehr als einen Fuß in der Tür der lukrativen Offline-Welt.


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