Online-Betrug Erst raten, dann zahlen

Teure Spiele: Mit jedem Klick zocken einige Anbieter den Kunden ab
Teure Spiele: Mit jedem Klick zocken einige Anbieter den Kunden ab
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Seit Jahren bekämpfen Verbraucherschützer das Abkassieren mit dubiosen "Abo-Angeboten" im Internet. Trotzdem fallen immer mehr Deutsche auf den Nepp herein. Bis zu 22.000 Beschwerden nehmen die Verbraucherzentralen pro Monat entgegen.
Von Sebastian Wieschowski

Einmal bei Günther Jauch auf dem Stuhl sitzen, das Publikum befragen oder den Onkel als Telefonjoker bei der Millionenfrage anrufen - als leidenschaftlicher Ratefuchs träumt Yvonne Müller seit Jahren von der Wissens-Million. Weil sich für die RTL-Rateshow jedoch viel zu viele Kandidaten bewerben, rät die 42-jährige Angestellte aus Cottbus lieber zuhause - mit Kreuzworträtsel-Büchern. "Welches Tier ist als Eingabegerät zur Benutzung eines Computers besonders hilfreich?", liest Yvonne auf ihrem Bildschirm. Sofort klickt sie die richte Antwort "Maus" an. "Ihnen kann so schnell keiner das Wasser reichen", lobt die Günther-Jauch-Kopie mit grinsendem Gesicht und schiebt gleich die nächste Frage nach: "Welcher Terrorfürst gilt als Drahtzieher der Anschläge vom elften September?". Für Yvonne ist klar: nicht Helmut Kohl, nicht Bill Clinton, nicht Nelson Mandela? Nein, Osama bin Laden ist gesucht. Wieder darf Yvonne eine virtuelle Bauchpinselung des Quizmoderators genießen: "Verraten Sie bloß nie ihr Erfolgskonzept, es ist Gold wert", preist dieser seine Kandidatin.

Nach der fünften Frage soll Yvonne ihre Anschrift angeben, um endlich um das "richtig große Geld" zu spielen. "Ich habe mir dabei nichts gedacht, schließlich habe ich keine Bankverbindung oder sonstiges preisgegeben", erinnert sich die Ratefreundin. Die große Bescherung kommt wenig später per Post - in Form einer Rechnung über 330 Euro. Im Raterausch hatte Yvonne Müller einen kleinen Hinweis beim Anmeldeformular überlesen - zehn Euro kostet jedes Spiel. Weil die Fragen nach der erfolgreichen Anmeldung immer schwerer wurden, probierte die Quizkandidatin ihr Glück immer wieder.

Systematische Abzocke

Yvonne Müller ist kein ahnungsloser Einzelfall - immer mehr Deutsche fallen auf dubiose Bezahl-Angebote im Internet herein. Allein in der Zeit von Mitte Februar bis Mitte März gingen bundesweit mehr als 22.000 Beschwerden bei den Verbraucherzentralen ein, wie die Verbraucherzentrale NRW mitteilt. "Das Problem gewinnt enorm an Bedeutung", sagte Vorstand Klaus Müller in einem Interview. Im Angebot hätten die dubiosen Anbieter so ziemlich alles, was das Surfer-Herz begehrt: kostenlose Produktproben, Intelligenztests oder Lebenserwartungsprognosen. Die "Abzocke" dahinter verläuft immer wieder nach dem gleichen Muster: Der Benutzer nimmt an den bunt gestalteten Online-Aktionen teil und gibt seine Postanschrift an. Eine Bankverbindung wird nicht gefordert, dafür kommt die Rechnung per Brief. Oft gehen die ahnungslosen Nutzer dabei Abonnements mit zwei Jahren Laufzeit ein. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen gab im Mai eine Warnung mit Bezug auf Millionenquiz.de heraus. Dass nicht nur Yvonne Müller auf das "Angebot" hereinfiel, zeigt ein Blick in das Weblog des Berliner Juristen und Verbraucherschützers Ronny Jahn: über 900 Kommentare von Betroffenen finden sich dort, die Einträge lesen sich wie ein A bis Z der Verbrauchertäuschung.

Allerdings müssen sich abgemahnte Websurfer bisweilen auch Fahrlässigkeit vorwerfen lassen: "Voreiliges Klicken kann durchaus zu einem Vertragsschluss führen, der nicht widerrufen werden kann", mahnt Karl-Nikolaus Peifer. Der Professor am Institut für Medienrecht und Kommunikationsrecht der Universität zu Köln erklärt, dass in den meisten Fällen trotzdem von einer Täuschung ausgegangen werden kann: "Entscheidend ist, ob das Angebot als entgeltpflichtiges Angebot erkennbar ist. Nur dann weiß der Verbraucher, ob er mit einem Klick einen Vertrag schließt. Die bisherigen Entscheidungen der Gerichte oder die bei der Wettbewerbszentrale anhängigen Verfahren können zumeist richtigerweise darauf verweisen, dass es an dieser Transparenz fehlt." Im Klartext: Die Nutzer werden in dem Bewußtsein gelassen, dass sie einen kostenfreien Service erhalten. Dann fehlt beim Klicken das Vertragsbewusstsein.

Sexbomben und Testfahrer

Wenn Internet-Betrüger ihre ahnungslosen Kunden mit gefährlich klingenden Mahnungen überfluten, übernehmen Verbraucherzentralen die juristische Sisyphosarbeit. Am 8. Juni errang der Verbraucherzentrale Bundesverband vor dem Landgericht Stuttgart einen Sieg gegen die "Internet Service AG". Das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz hatte so ziemlich alles für den interessierten Webnutzer im Angebot - sie trägt ihn in Porsche-Testfahrerkarteien ein, berechnet seine Lebenserwartung, findet seinen Sex-Typ heraus - und veranlasst gefährlich klingende Mahnschreiben über eine "Deutsche Inkassostelle", falls die zukünftigen Testfahrer, Hundertjährigen oder Sexbomben nicht zahlen. Das Landgericht Stuttgart gab im Falle der "Internet Service AG" eine deutliche Einschätzung ab: Die Gestaltung der gerügten Seiten sei darauf angelegt, Verbraucher über die Bedeutung des Ausfüllens und Absendens des Anmeldeformulars zu täuschen.

Drohungen sind Masche

Trotz der deutlichen Worte des Gerichtes machen die Webseitenbetreiber jedoch munter weiter. Besonders viele Beschwerden gehen laut Ronny Jahn von der Verbraucherzentrale Berlin derzeit von Surfern ein, die auf "www.berufs-wahl.de" ihren Traumberuf gesucht hatten und wenig später eine Rechnung über 59 Euro im Briefkasten fanden. Der Anbieter, eine Limited mit Zweigstelle im hessischen Hanau und Hauptsitz in England, gibt sich verbraucherfreundlich und räumt ein Widerrufsrecht ein: "Im Falle eines wirksamen Widerrufes sind die beiderseits empfangenen Leistungen zurückzugewähren", heißt es darin und weiter: "Ihr Widerrufsrecht bezüglich der Dienstleistung erlischt vorzeitig, wenn die Online Service Ltd. mit der Ausführung der Dienstleistung mit Ihrer ausdrücklichen Zustimmung vor Ende der Widerrufsfrist begonnen hat oder Sie diese selbst veranlasst haben". Im Klartext: das Widerrufsrecht ist wertlos. Allerdings zweifeln Verbraucherschützer auch den Wert von Abmahnschreiben dubioser Dienstanbieter an: "Die Drohungen sind Masche und werden tausendfach verschickt. Es ist kein einziger Fall bekannt, in dem Unternehmen wie die Internet Service AG wirklich geklagt hätten. Die Anbieter wissen schon warum", sagt der Jurist Ronny Jahn von der Verbraucherzentrale Berlin.


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