HOME

Raubkopierer: Auch gegen die Kunden wird ermittelt

Drei Männer aus Thüringen und ein Münchner Rechtsanwalt sollen mit "FTPWelt.com" das größte Raubkopien-Angebot im deutschsprachigen Raum betrieben haben. Die Staatsanwaltschaft will auch gegen die Kunden ermitteln.

Drei Männer aus Südthüringen sowie ein Rechtsanwalt aus München sollen 45.000 Kunden im Internet illegal mit Raubkopien von Kinofilmen, Computerspielen, Anwendersoftware und Musik-Dateien versorgt haben. Dadurch hätten sie einen Schaden im zweistelligen Millionenbereich angerichtet, teilte die Staatsanwaltschaft Mühlhausen mit. Alle Beschuldigten wurden verhaftet.

Ermittlungen auch gegen Nutzer

Nun wird auch gegen Nutzer der Raubkopien ermitteln. Es müsse im Einzelfall geprüft werden, ob sie vorsätzlich gegen das Urheberrecht verstoßen haben, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Hans-Joachim Petri am Freitag in Mühlhausen.

Es handele sich um den vermutlich weltweit größten Schlag gegen kommerzielle Anbieter von Raubkopien, sagte ein Sprecher der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) dem in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel". Die Organisation kämpft im Namen der Film- und Computerindustrie gegen Raubkopien und war an der Aktion beteiligt.

Einnahmen: knapp eine Million

Seit Juni 2003 hätten Kunden Raubkopien von der Internetseite www.ftpwelt.com heruntergeladen - ohne jede Einwilligung der jeweiligen Rechteinhaber. Die Website, die inzwischen nicht mehr erreichbar ist, gilt nach Einschätzung der GVU als die mit Abstand wichtigste und bekannteste kommerzielle Download-Service im deutschsprachigen Raum.

Die Abnehmer mussten sich dazu lediglich anmelden und ein so genanntes Mitglieds-Abo kaufen, berichtete die Staatsanwaltschaft. Mit einem Passwort hatten sie dann Zugriff auf die Daten. Das Quartett nahm nach Angaben der Ermittler auf diese Weise knapp eine Million Euro ein.

Briefkastenfirma auf den Jungferninseln

Laut "Tagesspiegel" gehörten manche Kinofilme schon vor ihrem Deutschland-Start zum Angebot der Seite. Schaut man sich die im Cache von Google gespeicherte Version von ftpwelt.com an (Datum 9.9.), entdeckt man "Neuzugänge" zum Beispiel den vergangene Woche angelaufenen Film "The Village" sowie das Computerspiel "Die Sims 2" - das erst seit Donnerstag im Handel ist.

Als Zahlungsmittel akzeptiert wurden Kreditkarten, Banküberweisungen und kostenpflichtige Anrufe bei einer 0190er-Telefonnummer. Die Preise galten für bestimmte Datenmengen. Für rund 15 Euro ließen sich zwei bis drei Filme herunterladen. Für - laut GVU - 135 Euro pro Monat gab es eine Flatrate für unbegrenzte Downloads.

Die Server standen offenbar in Braunschweig, Tschechien, Estland und Holland. Registriert war die Seite über eine Briefkastenfirma auf den Jungferninseln. Auf die Spur kam den Betrügern aber ein Hacker, der unbemerkt in das Computersystem eindringen konnte und monatelang Zugriff auf brisante Daten wie Abrechnungen, Kundendaten und Angaben zu den Rechenzentren hatte. Diese Indiziensammlung ging über einen Mittelsmann an die Polizei und den "Tagesspiegel".

Nach Angaben der GVU gelten die thüringischen Brüder Daniel (20) und Thomas R. als Gründer des Dienstes. Ebenfalls von Anfang an dabei gewesen sei der Münchner Rechtsanwalt Bernhard S. (46) gewesen, der sich um "Rechtliches", "Buchhaltung" und "Finanzen" gekümmert habe. Die drei wurden inzwischen festgenommen und sitzen in Untersuchungshaft. Für die technische Betreuung sei der 19-jährige Martin E. verantwortlich gewesen.

"Hohe kriminelle Energie"

Die Einnahmen flossen laut Unterlagen, die dem "Tagesspiegel" vorliegen, wahrscheinlich über ein Konto der Kanzlei. Zudem scheine der Anwalt Aufträge an Rechenzentren erteilt zu haben, um das kriminelle Netzwerk auszubauen. Die "hohe kriminelle Energie" und das "hoch professionelle, konspirative Vorgehen" seien einzigartig, sagte GVU-Chefermittler Bernd Kulbe. Der Schaden für die Filmindustrie belaufe sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Mit der Verhaftung der mutmaßlichen Internet-Kriminellen sei ein großer Teil des Marktes für deutschsprachige Raubkopien trocken gelegt worden, sagte die Juristin der Hamburger Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), Evelyn Ruttke, dem Nachrichtensender MDR INFO.

Ralf Sander mit Material von AP und DPA