Webkrankheiten Surfen bis der Arzt kommen sollte


Wer viel im Internet unterwegs ist, kann sich etwas einfangen. Nein, nicht Grippe oder Computervirus - es geht um Cyberchondrie, Google-Stalking oder Wikipediholismus. Ein Wissenschaftsmagazin hat "Krankheiten" gesammelt, die das Web hervorgebracht hat.
Von Ralf Sander

Neulich in der Hamburger U-Bahn, im Feierabendverkehr. Alles drängt sich. Zwei Frauen, Mitte 20, unterhalten sich ganz in der Nähe und unüberhörbar.

"Ich habe gestern mal Ex-Freunde gegoogelt."

"Warum das denn?"

"Wenn die nicht auf der ersten Seite der Suchergebnisse auftauchen, dann waren's Langweiler."

"Wenn das Langweiler waren, habe ich das schon selbst bemerkt. Daran muss ich nicht auch noch erinnert werden."

Das Gespräch entfernte sich daraufhin zügig immer weiter vom Thema Suchmaschine in Richtung des Themas Mann, es könnte aber Beispiel sein für eine Krankheit, die es nur im Zusammenhang mit dem Internet gibt:

Google-Stalking

, das Suchen, ja sogar Ausspionieren von alten Freunden, Kollegen, ehemaligen oder potenziellen zukünftigen Partner mithilfe von Suchmaschinen im Internet. Um den beiden belauschten Frauen nicht Unrecht zu tun: Natürlich macht die Dosis das Gift.

Doch als die Redakteure des renommierten Wissenschaftsmagazins "New Scientist" in ihrer aktuellen Ausgabe eine Liste von Internetkrankheiten erstellten, ließen sie trotz Augenzwinkerns bei den Beschreibungen keinen Zweifel: Manches Verhalten bei der Nutzung des Internet hat etwas Obsessives, Süchtiges. Experten sind nicht überrascht: "Es ist möglich, nach allem süchtig zu werden, was man so tut", zitiert "New Scientist" den Suchtforscher Mark Griffiths von der Nottingham Trent University in Großbritannien, "weil Süchte von konstanten Belohnungen abhängen."

Wissen ist Wahn (manchmal)

Für einige können diese Belohnungen Formen annehmen, von denen andere Menschen nicht träumen würden. Zum Beispiel das Redigieren von Wikipedia-Artikeln.

Wikipediholismus

heißt das exzessive Schreiben, Kontrollieren und Verbessern von Artikeln der freien Enzyklopädie. Bryan Derksen, mit 70.000 Änderungen einer der aktivsten Wikipedia-Freiwilligen, sagt: Wenn er in einem Artikel Fehler sehe, müsse er sie einfach korrigieren. Damit verbringe er rund zwei Stunden täglich.

Wissenssammlungen wie Wikipedia sind auch bei einer weiteren Internetkrankheit Auslöser:

Infornografie

(in Anlehnung an Pornografie) - die unstillbare Gier nach Informationen. Ob das Wissen irgendwelchen Nutzen hat, wird zweitrangig, es geht um das pure Anhäufen.

Zu viel Wissen über die eigene Gesundheit kann ebenfalls gefährlich sein - wenn die Informationen nichts mit der Realität zu tun haben. Kopfweh, Schnupfen, erhöhte Temperatur? Der gesunde Menschenverstand mag "grippaler Infekt" vorschlagen, doch das Internet bietet den Hypochondern dieser Welt viel, viel mehr Möglichkeiten, sich detailliert krank zu fühlen. Und einen neuen Namen gibt's dazu:

Cyberchondrie

, das Leiden an Krankheiten, die man sich im Internet angelesen hat.

Als weitere moderne Malaise hat "New Scientist" die Powerpointlessness ausgemacht, für die eine direkte deutsche Übersetzung nur schwer zu finden ist. Symptome: Der inflationäre Gebrauch von Powerpoint-Präsentationen lässt die Aufmerksamkeit der Betrachter so sehr abstumpfen, dass jede einzelne Folie "pointless", bedeutungslos wird.

Wie die "Powerpointlessness" steht auch der

Crackberry

nicht in direktem Zusammenhang mit dem Internet, und doch handelt es sich um eine High-Tech-Krankheit unserer Zeit. Laut "New Scientist" befällt sie vor allem Manager, die von dem portablen E-Mail-Empfänger so abhängig sind wie der Cracksüchtige von seiner Droge, dass sie sogar während der Beerdigung ihrer Großmutter noch die Mails checken.

Eher skurril und ebenfalls nur schwierig ins Deutsche zu übersetzen:

Cheesepodding

. Darunter leidet, wer aus dem Internet Lieder herunterlädt, "die so käsig sind, dass man sie in Plastikfolie packen und im Feinkostladen verkaufen könnte." "cheesy" lässt sich annähernd mit "extrem kitschig" übersetzen. Gemeint sind Songs wie "Africa" von Toto oder "More than a Feeling" von Boston, kurz: Softrock aus den 70ern und frühen 80ern. Und alles von Celine Dion.

"Alle müssen mich kennen, warum auch immer"

Das Ausleben des eigenen Geltungsbedürfnisses ist durch das WWW und vor allem die sozialen Netzwerke wesentlich einfacher als früher. Gleich mehrere Krankheiten drohen im Umfeld von Myspace, Flickr und Co. Die Gnadenlosigkeit gegen sich selbst (und die Leser), mit der viele Blogger Persönliches und Privates offen legen, bekommt den Fachbegriff

Blog streaking

verpasst. "Streaking" bedeutet so viel wie "in der Öffentlichkeit nackt herumlaufen." Ebenfalls getrieben von der Überschätzung der eigenen Bedeutung wird der

Youtube-Narzissmus

: "Nicht mal die engsten Verwandten möchten sich Stunden von Urlaubsvideos anschauen", bemerkt der "New Scientist" trocken.

Ein anderer Charakter als der eigene zu sein, Rollen zu spielen - das hat Tradition im Internet. Wer in sozialen Netzwerken vorgibt, eine Berühmtheit zu sein, begeht Myspace impersonation. Im "New Scientist" erzählt ein Computerkünstler, der auf Myspace der Eindruck erweckt, der berühmte Naturfilmer David Attenborough zu sein: "Die meisten Nutzer verstehen die Natur von Myspace. Es geht um den Spaß, es spielt keine Rolle, ob etwas echt ist oder nicht."

Für das echte Leben - fremder Menschen wohlgemerkt - interessieren sich diejenigen, die

Photolurking

betreiben. Sie blättern durch wildfremde Alben in Fotocommunitys wie Flickr und suchen dabei nicht nach guter Fotografie, sondern nach Privatem. Sich Hochzeitsfotos von Unbekannten anzuschauen, mag für einige wie das Erleben einer eigenen Vermählung sein. Oder - je nachdem was auf den Bildern zu sehen war - das Singledasein erscheint plötzlich als durchaus attraktiv. Wie auch immer - das Leben anderer, fremder Menschen beeinflusst die eigene Befindlichkeit.

Die eigene Befindlichkeit durch das Internet beeinflussen - das führt zurück zu den beiden Frauen vom Anfang. Wer als Mann Angst hat, bei Mädchengesprächen auf diese Art und Weise abgewatscht zu werden, mag überprüfen, wie es um seine Bekanntheit im Suchmaschinenindex steht. Exzessiv den eigenen Namen googeln - das heißt dann

Egosurfing

. Ein schönes Wort, das sich auf diverse Vorgänge im realen Leben auch anwenden lässt.


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