Weltinformationsgipfel Gegen die "digitale Kluft"


Globale Informationsgesellschaft? Das gilt hauptsächlich für die Industriestaaten. Nur etwa 10 Prozent der Weltbevölkerung sind online. Um das zu ändern, sind Funknetze, Medienbildung und günstige Software nötig.

Die Entwicklung einer globalen Informationsgesellschaft schreitet mit der Verbreitung des Internets und neuer Kommunikationstechniken unaufhörlich voran. Während sich die Kluft zwischen Menschen mit und ohne Zugang zu modernen Informationstechnologien in manchen entwickelten Ländern in den vergangenen Jahren deutlich verringert hat, nimmt die "digitale Teilung" jedoch in vielen Ländern noch deutlich zu. Das wird eines der wesentlichen Themen des Weltinformationsgipfels in Genf sein, der sich vom 10. bis 12. Dezember mit der Frage beschäftigt, mit welchen Maßnahmen diese "digitale Spaltung" überwunden und der Zugang zu Informationsmedien als Menschenrecht anerkannt werden kann. Fast 90 Prozent der Internet-Nutzer stammen nach einer vom Chiphersteller AMD im November vorgestellten Studie aus den entwickelten Ländern. Auf die USA entfallen fast ein Drittel. "Wir haben herausgefunden, dass, obwohl die Reichweite des Internets in den vergangenen zehn Jahren exponentiell von knapp unter einer Million Nutzern im Jahr 1993 auf über 600 Millionen im Jahr 2002 gewachsen ist, nur etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung online ist", so Barry Wellman, Soziologie-Professor an der Universität Toronto.

"Bits und Brot schließen sich nicht aus"

Von den am wenigsten vernetzten Ländern der Welt befinden sich allein 15 in Afrika, sagte Rafael Capurro, Professor für Informationswissenschaft und Informationsethik, bei dem von Microsoft veranstalteten Expertengespräch "Denkzeit" in Berlin. 72 Prozent der Internet-Nutzer stammten aus den entwickelten Ländern, die wiederum nur 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachten. Dennoch sollte die Überwindung der digitalen Kluft auch künftig kein Selbstzweck sein, meint Capurro. "Bits und Brot schließen sich nicht aus, aber es gibt auch keinen notwendigen Schluss vom einen zum anderen."

Medienkompetenz und demokratische Zugangsmöglichkeiten nötig

Dabei geht es bei moderner Informationstechnologie längst nicht mehr nur darum, Entwicklungsländer mit Computern und Internetzugängen auszustatten. Ohne gleichzeitige Bildungsmaßnahmen, die Entwicklung von Medienkompetenz und demokratische Zugangsmöglichkeiten liegen technische Potenziale weitgehend brach. Viele Länder haben zudem andere Anforderungen als Industrienationen an Technik und Ausstattung. So seien etwa Betriebssysteme wie Microsofts Windows mit Lizenz-Nutzungsstrukturen für eine weite Verbreitung in Ländern wie Indien mit einem jährlichen Durchschnittseinkommen von rund 400 Dollar kaum geeignet, sagte Carlos Braga, Experte der Weltbank zum Thema Informations- und Wissensgesellschaft. In vielen sich entwickelnden Ländern sei deshalb so genannte Open-Source-Software inzwischen als günstige Alternative populär. Da der Programmkern der Software anders als etwa bei Microsoft-Produkten offen zugänglich ist, hätten einheimische Programmier die Möglichkeit, die Software nach ihren lokalen Bedürfnissen weiter zu entwickeln und in ihre Landessprache zu übersetzen.

Mit "Wi-Fi" Vernetzung schaffen

Mit neuen drahtlosen Technologien wie zum Beispiel "Wi-Fi" (drahtloser Funkstandard, analog zum Hi-Fi von High Fidelity benannt) könnten weniger entwickelte Länder heute gleich mehrere Entwicklungsstufen überspringen, meint Braga. Der Aufbau von flächendeckenden Telefonnetzen sei für Telekom-Unternehmen in ländlichen und entlegenen Gebieten der Welt mit vorwiegend armer Bevölkerung bislang kaum finanzierbar gewesen. Besonders in solchen Regionen jedoch könne der neue Funkstandard mit geringen finanziellen Mitteln eingeführt und die Bevölkerung ans weltweite Datennetz angeschlossen werden.

Im Bereich Hochtechnologie sind die Chancen schlecht

Im Hochtechnologie-Bereich wird der "digitale Graben" weltweit dagegen immer breiter. Vielen sei die Wichtigkeit dieser Technologien nicht bewusst, da sie meist von Spezialisten für hochspezialisierte Aufgaben eingesetzt werden, sagte Braga. Allein 2003 seien schätzungsweise 7,5 Milliarden US-Dollar für Supercomputer-Anlagen in den führenden Industrienationen ausgegeben worden. Sie werden eingesetzt für die Klimaforschung, ein besseres Management der weltweiten Ressourcen von Öl oder Wasser sowie zur Erforschung von Krankheiten. Die gewonnenen Erkenntnisse wirkten sich auch auf die Wirtschaftlichkeit der Landwirtschaft und die erzielbaren Ernteerträge aus. Dass diese Form des digitalen Grabens verschwinden wird, sei auf lange Sicht unwahrscheinlich, sagte Braga.

Renate Grimming DPA

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