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Ausschreitungen in Großbritannien Jagd auf die Blackberry-Randalierer


Soziale Medien haben dazu beigetragen, die Krawalle in London zu befeuern. Nun sollen sie dabei helfen, die Täter zu identifizieren.
Von Raniah Salloum und Teresa Goebbels

Die Krawallmacher in England haben einen überraschenden Verbündeten: das Smartphone Blackberry. "Soziale Medien und andere Methoden wurden genutzt, um diese Ausmaße an Gier und Kriminalität zu organisieren", sagte Steve Kavanagh von der Londoner Polizei der Presse. "Richtig hetzerische und falsche Nachrichten auf Twitter" seien der Hauptgrund für die seit Samstagabend andauernden Plünderungen und Zerstörungen.

Eben noch wurden soziale Netzwerke als Revolutionsbringer im Nahen Osten bejubelt. Nun zeigt sich, dass man mit ihnen auch Randale organisieren kann. Längst sind sie als Kommunikationsmittel in der Gesellschaft angekommen, auch in der britischen Unterschicht der sozial schwachen Vororte. Gerade der Blackberry soll dabei eine wesentliche Rolle gespielt haben, der hierzulande vor allem unter Geschäftsleuten verbreitet ist.

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"Wenn du Geld machen willst, wir wollen uns gleich East London schnappen. Wir brauchen mindestens 200 hungrige Leute. Treffen wir uns alle um sieben am Stratford Park und werden reich", zitiert die britische Zeitung "Guardian" aus einer Nachricht, die über Blackberry Messaging (BBM) verschickt wurde. Nachrichten über BBM zu verschicken - von einem Blackberry zum anderen - ist abgesehen von der Grundgebühr kostenlos. Vor allem bei klammen jungen Briten ist er daher besonders beliebt.

"Die Menschen, die solche Nachrichten verschickt haben, werden wir verhaften", droht die britische Polizei. Doch sie steht dabei vor einem Problem: Anders als Twitter- oder Facebook-Botschaften sind Nachrichten über BBM grundsätzlich verschlüsselt und öffentlich nicht zugänglich. Sie können nicht abgehört werden, weshalb Saudi-Arabien den Blackberry letztes Jahr sogar verbieten ließ - bis Hersteller Research In Motion (RIM) den Saudis Zugeständnisse beim Datenschutz machte, wie später auch der indischen Regierung und der der Vereinigten Arabischen Emirate.

Rückwirkend entschüsselbar?

Auch in Großbritannien zeigt sich RIM kooperationswillig: "Wir sind mit den Polizeibehörden in Kontakt, um sie in jeder uns möglichen Weise zu unterstützen", hieß es am Dienstag. Über dieses Statement hinaus wollte man jedoch keine Anfragen beantworten. Es ist unklar, ob es möglich ist, rückwirkend über BBM verschickte Nachrichten zu entschlüsseln, um herauszufinden, wer zu Plünderungen und Gewalt aufrief. Frank Rieger, ein Sprecher des Chaos Computer Clubs, geht davon aus, dass RIM dazu wohl technisch in der Lage ist.

Jonathan Ilan, Dozent für Kriminologie an der Universität Kent, warnte davor, sozialen Medien die Schuld an den Krawallen geben zu wollen. Sie hätten zwar eine effiziente Kommunikation und schnelle Beutezüge ermöglicht. "Damit es jedoch zu solchen Gewaltausbrüchen kommt, müssen Menschen erst sozial, wirtschaftlich und kulturell ausgeschlossen und unzufrieden sein."

Die britische Polizei setzt in ihren Ermittlungen nun selbst auf soziale Netzwerke. Auf dem Fotoportal Flickr veröffentlicht sie Nahaufnahmen von Plünderern, die von Überwachungskameras stammen. Hilfe bei der Identifizierung bekommt sie auch von einer spontan entstandenen digitalen Bürgerwehr. Auf neu eingerichteten Internetseiten wie "Catchalooter" - übersetzt "Schnapp einen Plünderer" - werden Fotos von Einzelnen oder Gruppen beim Beutezug veröffentlicht. Andere selbst ernannte Jäger von Plünderern drohten, Gesichtserkennungssoftware einsetzen zu wollen, um die Fotografierten noch schneller zu identifizieren.

FTD

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