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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Raus aus iEntology - warum ich nur noch weg von Apple will

Anfangs war Micky Beisenherz begeisterter Apple-Nutzer. Doch inzwischen will er nur noch weg. Zeugnis einer tiefen Enttäuschung.

Micky Beisenherz über Apple

Micky Beisenherz möchte den Apple-Kosmos verlassen

Ich hasse Apple. Ich hasse Apple wirklich. Die folgenden Zeilen sind das Zeugnis einer tiefen Enttäuschung. Dabei fing alles so zauberhaft an.

Als mein Kumpel Jens Anfang der 2000er mit einem Gerät namens iPod herum lief, war mir klar: DAS ist die Lösung aller Probleme. Bis dato fuhr ich immer einen großen Schuhkarton voller selbstgebrannter Doppel CD-Sampler auf dem Beifahrersitz spazieren. Jetzt würde ich all die kostbaren Songs - und viele tausend mehr - auf deutlich weniger Platz handlich bei mir führen können. Das war immer das große Plus von Apple: Die Geräte waren schlüssig.

Es war klar, dass irgendwann ein Gadget kommen würde, das es uns abnehmen würde, permanent einen iPod, ein Smartphone (Sony Ericsson, Nokia, Blackberry - die Älteren werden sich erinnern) und eine Kamera bei sich zu führen. Mit dem iPhone war es dann soweit. Genial. Eine schlüssige Erfindung.

Und während Fotoapparate wie eine Canon Ixus heute nur noch von ostdeutschen Touristen, den eigenen Eltern oder Pornomessen-Besuchern benutzt werden, bin ich im Laufe der Jahre voll in den Apple-Kosmos eingetaucht. Und es belastet mich zunehmend.

War das Handling der einzelnen Geräte damals einfach und komfortabel, fühle ich mich mehr und mehr gefangen in einem faschistoiden System, das gleichermaßen unlogisch wie ungnädig erscheint.
Schlimmer noch: Mit maschmeyerscher Beharrlichkeit führen hier alle Wege am Ende nicht nach Rom, sondern: in die Cloud. Dieses virtuelle Walhalla, in dem all unsere Fotos, Songs, Filme und vieles mehr "für uns" gespeichert werden.
Man muss jetzt weder Ken Jebsen noch vom Kopp-Verlag sein, um ahnen zu können, dass es für große Unternehmen jetzt nicht völlig uninteressant ist, zu erfahren, wofür sich beispielsweise ein gut situierter Enddreißiger aus Hamburg mit breitem Entflammungspotenzial im Entertainmentbereich interessieren könnte.

Das ist mir in der Theorie sogar relativ gleich. "Ich hab ja nix zu verbergen." In der Praxis allerdings, und jetzt wird's schmutzig, bedeutet das, dass ich meine scheißverkackten Songs auf dem iPod zum Beispiel nicht hören kann, weil ich keine Internetverbindung habe! Hä?
Früher war der Weg einfach: Du kaufst. Du hast es in iTunes. Du ziehst es auf den iPod, und wie ein Wiesenhof-Hühnchen bleibt der Song in dem kleinen Gerät so lange, wie du ihn gebrauchen kannst. Das waren die schönen Zeiten.

Wir werden beCloud!

Seitdem die Dinger W-Lan-Zugang haben, machen die Teile endgültig, was sie wollen. In einem Verfahren, so willkürlich wie Wahlen in Russland, sind manche der - bereits käuflich erworbenen!- Songs nur mit Internetzugang verfügbar, manche nicht, manche sind sogar komplett weg.
Ich habe es schon erlebt, dass ich joggen gehen wollte und das eben angeklickte Hörbuch vor meinen Augen den Copperfield gemacht hat und einfach verschwunden ist! In... der Cloud! Da oben, irgendwo neben Opa und Onkel Franz. Weg. Dahin. Fort. Ich kann schon gar nicht mehr nach oben in die Wolken gucken, ohne wütend zu werden. Wir werden beCloud!

Spätestens seit der Konzern uns mit der Subtilität einer Drückerkolonne auch noch seinen Dienst Apple Music aufdrängen will, ist es um die einstige Ordnung der eigenen iTunes-Bibliothek geschehen. Die sieht endgültig so aus, wie ein Wohnzimmer in einer RTL2-Doku.

Wenn Apple das wüsste: So einfach basteln Sie sich ein iPhone 7


Wo sind die Kopfhörer?

Absurd eigentlich, dass ich mittlerweile nebenbei ein Spotify-Abo nutze, um schnell meinen Titel-Jieper zu befriedigen - obwohl ich all die Songs zwar schon mal bei iTunes gekauft, dort aber leider keinen Zugriff habe. Parallel habe ich mir einen iPod-Classic ohne Online-Kompatibilität besorgt, um sichergehen zu können, dass alles dort drauf gezogene auch wirklich verfügbar ist.

Gut, sicher, ich hätte auch einen meiner fünf alten iPods nehmen können - aber die haben selbstredend alle irgendwann den Geist aufgegeben. Und liegen jetzt aufgebahrt in meiner Elektroschrott-Kabel-Stecker-Handy-Kiste im Regal, als würde ich sie demnächst in einem hinduistischen Ritual beerdigen wollen.
Und wie haben die Teufel es geschafft, dass sich irgendwann die Kopfhörer auflösen? Einfach weg. Oder sind die womöglich auch alle da oben, in den Wolken?

Komisch eigentlich, dass sich in puncto Speicherkapazität so wenig getan hat, oder? Wenn man bedenkt, in welch rasendem Tempo sich die Produkte allein in den letzten fünf Jahren entwickelt haben, ist es doch sehr erstaunlich, dass iPods, iPhones oder iPads in der Spitze gerade mal 128 GB Speicherplatz anbieten.

Es gibt eine Lösung

Die Dinger sind einfach rasend schnell voll. In Anbetracht der digitalen Evolution ein absoluter Witz. Aber hey, es wird natürlich schnell eine Lösung angeboten: Wenn Du mehr Speicherplatz brauchst...

Leg Dein Zeug doch ab...

... in der Cloud!

Ganz ehrlich: Fickt Euch.

Apple, diese einstige Schokoladenfabrik atmet mittlerweile weniger den Geist von Steve Jobs als vielmehr den von Kim Jong Un. Nur, dass mein Zutrauen in brauchbare technische Innovationen aus Nordkorea mittlerweile größer ist. Diese Keynotes. Damals noch irgendwas zwischen der Präsentation Simbas und iEntology, sind sie nunmehr große Operetten des Scheiterns.

Orlando Blooms Dödel

Wen interessiert es denn noch, ob die Smartphones noch größer, noch flacher, gebogen oder mit einer Linse ausgestattet sind, mit der ich von Herne-Crange aus Orlando Blooms Dödel auf Sardinien scharf ziehen kann?

Die Apple Watch? Eine kreative Bankrotterklärung fürs Handgelenk. Ein schlüssiges Produkt? Gar ein bahnbrechendes? Oder zumindest eines, das nicht nervt? Nope.

Und, auch wenn sie zwischen St. Oberholz und Soho House ihre Drehbücher bärtig in MacBooks hacken - die große Zeit der Apfelsekte ist vorbei.
Klar, Mitte der 2000er ist es cool gewesen, mit weißem Notebook unterm Arm und dem Becher Starbucks-Latte durch die FuZo zu berlinern. Zehn Jahre später erduldet man den "Kaffee" bei Starbucks nur, weil man stabiles W-Lan braucht.

Wie ein HSV-Fan

Und die Spermien in deinem Schoß killst du noch mit dem Powerbook, da du zu bräsig bist, dich auf ein anderes System umzustellen. Oder du keine Kohle für ein anderes Notebook hast, weil natürlich niemand dein Drehbuch kaufen will.

Was Apple angeht, bin ich HSV-Fan: Einzig und allein die Erinnerung an schöne Zeiten und die Gewohnheit halten mich noch.

Kommt ein Anbieter daher, dessen Geräte auch nur einigermaßen aussehen und mich aus dem iTrott reißen, bin ich weg. Für immer. Oder wie ihr bei Apple sagen würdet: in der Cloud.

 (geschrieben auf einem MacBook. Notizen auf einem iPhone.)