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Apps gegen das Virus: Contact-Tracing soll der Heilsbringer der Coronakrise werden – nun warnen Wissenschaftler davor

Contact-Tracing - also die Erkennung von Risikokontakten per App - ist die große Hoffnung der Politik, um die Sicherheitsmaßnahmen der Coronakrise etwas zurückfahren zu können. Nun warnen 300 Wissenschaftler davor: Falsch umgesetzt führe die Technik in den Überwachungsstaat.

Die Contact-Tracing-App ist einer der großen Hoffnungsträger der Bundesregierung beim Kampf gegen das Coronavirus (Symbolbild)

Die Contact-Tracing-App ist einer der großen Hoffnungsträger der Bundesregierung beim Kampf gegen das Coronavirus (Symbolbild)

Getty Images

Es ist ein verständlicher Wunsch: Nach den wochenlangen Einschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus wollen nicht nur die Bürger, sondern auch die Politik möglichst schnell zu einem halbwegs normalen Alltagsleben zurückkehren. Schließlich sind die Einschränkungen etwa in der Freizeit und der Gastronomie nicht nur im Privatleben unangenehm, sondern auch eine gewaltige Belastung für die Wirtschaft.

Die Hoffnung liegt auf einer sogenannten Contact-Tracing-App. Doch genau gegen die gibt es nun von Seiten der Wissenschaft einen Aufschrei.

Dabei geht es nicht um Contact-Tracing an sich. "Contact Tracing ist ein gut verstandenes Werkzeug, um Pandemien zu bekämpfen", erklären die Wissenschaftler in einem gerade veröffentlichen offenen Brief. Doch die traditionelle Herangehensweise, die Kontakte von Hand zusammenzutragen, sei zeitaufwendig und zudem auf Personen beschränkt, die identifiziert werden können. "Deshalb können in manchen Situationen sogenannte Contact-Tracing-Apps auf Smartphones der Menschen die Effektivität steigern."

Warnung vor dem Überwachungsstaat

Doch dabei käme es ganz erheblich auf die Umsetzung an, warnen die Wissenschafter. Einige Ansätze würden den Aufbau eines Überwachungsstaates fördern. Das sei vor allem dann der Fall, wenn sich aus den Daten ein Netzwerk aus Kontakten, ein sogenannter Social Graph generieren lassen würde. "Der Zugang zu einem Social Graph würde es böswilligen Akteuren (staatliche, aus dem privaten Sektor oder Hacker) ermöglichen, die Bürger in ihrem Privatleben auszuspionieren. Einige Länder versuchen Systeme zu bauen, die Zugang und ein Auswerten dieses Social Graph erlauben."

Diese Überwachung sei vor allem bei Systemen möglich, bei denen die Daten zentral erfasst werden und sich dadurch gezielt auswerten lassen. Das ist scheinbar auch beim vom RKI mitgetragenen Projekt PEPP-PT der Fall, das auch die Grundlage der deutschen Strategie bildet. Das internationale Projekt hatte zunächst ein dezentrales Vorgehen angekündigt, der entsprechende Satz wurde am Wochenende aber plötzlich und ohne Erklärung entfernt. In der Folge hatten mehrere Institute ihren Abschied aus dem Projekt angekündigt und sich zum Teil Konkurrenzprojekten angeschlossen.

Wie dezentral ist die deutsche App?

Das PEPP-PT ist selbst keine App, sondern bietet nur die Grundlage, auf der die einzelnen Länder dann eigene Apps entwickeln. Schon Anfang April hatte der Unternehmer Hans-Christian Boos, der auch am dem Projekt beteiligt ist, gegenüber "Techcrunch" erklärt, dass PEPP-PT sowohl zentralisierte wie dezentrale Ansätze erlauben würde. In einem Interview mit der "Zeit" am Wochenende hatte er das noch einmal bekräftigt.

Tatsächlich scheint die deutsche App einige Daten zentral zu speichern, wie eine Analyse vom PEPP-PT-Konkurrenten DP-3T am Wochenende zeigte. Dabei hatte selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel sie als wichtigen Teil der Bekämpfungsmaßnahmen genannt: Sie gilt als wichtige Voraussetzung, um die Einschränkungen langsam zu lockern.

Für die 300 Unterzeichner des offenen Briefes, unter anderen mehrere Mitglieder der deutschen CISPA-Helmholtz-Zentren sowie zahlreiche deutsche Akademiker, ist das Vorgehen des PEPP-PT nicht akzeptabel. Sie sehen eine dezentrale Lösung als einzigen Weg, loben explizit einen Beschluss des EU-Parlaments, der eine dezentrale Speicherung sämtlicher Daten fordert.

Und sie haben weitere Forderungen: Die Apps müssten vollständig transparent sein, sollten ausschließlich für Gesundheitsmaßnahmen genutzt werden, bei mehreren Optionen müsse unbedingt die Privatsphäre-tauglichste genutzt werden. Und: "Die Nutzung von Contact-Tracing-Apps und des Systems dahinter muss freiwillig und mit expliziter Zustimmung des Nutzers erfolgen", fordern die Wissenschaftler.

Quelle: Offener Brief, Techcrunch