Fotohandys Immer lächeln, wenn ein Handy in Sicht


Handys mit integrierter Fotofunktion machen der Digitalkamera harte Konkurrenz. Die Bildqualität neuer Geräte mit zwei Megapixel kann sich sehen lassen - und deshalb wird abgedrückt wie nie zuvor.

Mobiltelefone mit Kamera sind schon jetzt fast Standard. Nur noch Billigmodelle und Varianten für Geschäftsleute haben keinen digitalen Fotoapparat integriert. Ob bei der Beerdigung von Papst Johannes Paul II., beim Rockkonzert oder im Beach-Club - als Zugabe im Handy hat beinahe jeder stets eine Kamera dabei. Und nicht nur das: Per Multimedia-Nachricht (MMS) lassen sich die Bilder direkt vom Handy weltweit versenden, als E-Mail oder auf die Mobiltelefone von Freunden und Verwandten.

Waren die Überall-Fotos anfangs noch klein und verwaschen, so machen sie jetzt denen von richtigen Digitalkameras Konkurrenz: Immer mehr Telefone mit zwei Megapixel Bildauflösung sind im Handel, selbst ein Drei-Megapixel-Gerät soll zu Weihnachten zu haben sein. Fotolicht oder Blitz ermöglichen endlich auch ansehnliche Aufnahmen im Dunkeln oder in Räumen. Das Fachmagazin "connect" bescheinigt etwa dem zweifachen Auflösungsmillionär Sharp V902 "originalgetreue Farben und Schärfe bis ins Detail". Als einziges lieferbares Telefon derzeit hat das Sharp sogar einen optischen, zweifachen Zoom integriert. Das für ein Handy äußerst groß geratene Zwei-Megapixel-Modell Nokia 90 erinnert an einen kleinen Camcorder. Videoaufnahmen beherrscht es besser als andere Multimediahandys. Für eine gute Fotoqualität soll hier ein Objektiv der deutschen Traditionsfirma Carl Zeiss bürgen.

Qualität kostet

Schnäppchen sind diese Handys allerdings nicht. Die gute Fotoausstattung muss der Kunde mitbezahlen. So kostet das UMTS-Modell Sharp V902 selbst bei Abschluss eines Vertrags noch deutlich mehr als 200 Euro. Und das Nokia N90 liegt mit einem Preis von rund 700 Euro (ohne Vertragsabschluss) in derselben Preisklasse. Die Integration von Kameratechnik und Handy in einem kompakten Gehäuse kostet eben weit mehr als die Summe aus dem Preis für zwei technisch vergleichbare Einzelgeräte. Dafür spart man Platz in den Taschen.

Die meisten Fotohandys haben aber auch in diesem Jahr noch nicht mehr als ein Megapixel. Für gelegentliche Abzüge im 10x15-Format genügt das in der Regel. Preisgünstige Modelle, aber auch die schicke Designflunder Razr von Motorola, verfügen sogar nur über eine so genannte VGA-Kamera mit einer mageren Bildauflösung von knapp 0,3 Megapixel. Das ist eigentlich nicht mehr akzeptabel.

Vorher informieren

Wer gern mit seinem Telefon fotografieren möchte, sollte sich beim Kauf aber nicht allein von Pixelzahlen und dem Design leiten lassen. Verbraucherforen im Internet wie ciao.com oder guenstiger.de oder Kundenbewertungen bei Online-Shops wie amazon.de liefern einen Eindruck von den Praxisqualitäten und Macken eines Handys.

Gefangen im Handy sind die eigenen Schnappschüsse ärgerlicherweise bei vielen besonders hoch subventionierten, also für den Käufer scheinbar preiswerten Modellen. Dort gibt es nur einen Weg, die Bilder aus der Kamera zu holen: per gebührenpflichtiger MMS an die heimische E-Mail-Adresse. Das gefällt den Netzbetreibern, ist aber teuer: Zweimal so viel wie eine normale SMS-Textbotschaft kosten die Multimedia-Nachrichten.

Auf den PC sollten die Bilder aber immer wandern: Erst dort lassen sie sich ohne weitere Kosten per E-Mail versenden, mit Bildbearbeitungsprogrammen weiter verschönern, ins Internet stellen oder ausdrucken.

Ideal für die Bildübertragung an den PC sind Handys mit Bluetooth-Funk oder Infrarot-Anschluss. Damit lassen sich Fotos drahtlos an den Rechner, direkt an moderne Drucker oder an spezielle Fotokioske in Fachgeschäften übertragen. Bei Handys mit Kartenschacht entnimmt man einfach die Speicherkarte, wenn sie voller Bilder ist. Über einen Kartenleser am Rechner schiebt man die Fotos dann auf die Festplatte. Eine weitere Variante der Bildübertragung: ein Datenkabel, das Handy und PC verbindet. Wird es nicht mitgeliefert, sollte es zumindest als Zubehör zu haben sein. Mindestens eine dieser Verbindungsoptionen sollte das Handy beherrschen, wenn man damit Fotos machen will.

Einflüssen auf den Alltag

Millionenfach stets bereite Kameras - die Einflüsse dieses Trends auf den Alltag werden bereits sichtbar. So sind auf der unabhängigen Nachrichtenseite Indymedia.org Fotos von mutmaßlich gewalttätigen Polizisten zu sehen, die während Demonstrationen ihre Dienstnummer nicht preisgeben wollten. Ein Autofahrer in der fränkischen Schweiz fotografierte mit seinem Handy ein ausgerissenes Stachelschwein und präsentierte das Bild stolz der Polizei. Tagebuchschreiber im Internet reichern ihre Einträge immer häufiger mit unterwegs geschossenen Bildern an.

Die Unauffälligkeit von Handys und deren weite Verbreitung bergen aber auch die Gefahr des Missbrauchs. Das kann noch recht harmlos sein: "Meine Großeltern kapieren nicht, dass sie fotografiert werden, wenn ich auf dem Handy tippe", erzählt Filmfan Jana Buchmann. Nur so komme sie zu ungestellten Schnappschüssen von Oma und Opa.

Das kann aber auch richtig übel sein. Die Kinderschutzorganisation Zartbitter berichtete kürzlich von Schülern, die Mitschüler unter der Toilettentür hindurch heimlich knipsen. Die Fotos tauchten danach auf einschlägigen Spannerwebsites auf.

Ganz leicht kann jeder Fotohandybesitzer zum Paparazzo werden. Wie rücksichtsvoll er sich verhält, ist wohl allein eine Frage des Charakters.

Der Siegeszug der Fotohandys scheint jedenfalls unaufhaltsam. Schon im vergangenen Jahr wurden weltweit mit 257 Millionen Stück fast viermal so viele Knipstelefone wie reine Digitalkameras verkauft. Und in vier Jahren sollen mit Handys 227 Milliarden Fotos gemacht werden - mehr als mit Digitalkameras und Camcordern mit Fotofunktion zusammen.

Dirk Liedtke <br/>Mitarbeit: Hannes Rügheimer print

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