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Handymarkt: Der Mobilfunkschreck

Sein Vater ist Weltpolitiker und Friedensnobelpreisträger. Doch Diplomatie ist Marko Ahtisaaris Sache nicht: Er mischt erfolgreich die Handybranche auf - mit werbefinanzierten Gratistelefonaten.

Von Thomas Wendel

Manchmal sind sie dann doch da, die Gemeinsamkeiten mit dem Vater. Am Freitag vorvergangener Woche war es wieder so weit: "Da haben wir den Friedensnobelpreis lange gefeiert", sagt Marko Ahtisaari. Überrascht sei sein Vater, Finnlands Ex-Ministerpräsident, von der Entscheidung gewesen, ihm für seine Bemühungen zur "Beilegung internationaler Konflikte" die renommierteste Auszeichnung in der internationalen Politik zuzuerkennen.

Martti Ahtisaari, 71, ist seitdem im Olymp der Diplomatie angekommen. Und Marko freute sich mit ihm in Helsinki. Doch damit sind die Gemeinsamkeiten zwischen Vater und Sohn weitgehend beschrieben. Mit Politik und Diplomatie möchte sich Marko Ahtisaari nämlich nicht abgeben. Eher schon mit dem Krawallmachen. Und zwar in Europas Mobilfunkindustrie.

Blyk heißt die Firma, deren Marketing der 39-Jährige steuert. Vor einem Jahr hat man das finnische Unternehmen mit knapp 100 Mitarbeitern überall verlacht: Werbefinanzierte Gratistelefonate übers Handy - wie könne man damit Geschäfte machen? So wurde in der Mobilfunkszene gelästert, als Blyk in Großbritannien erstmals als sogenannter virtueller Netzbetreiber an den Start ging. Inzwischen ist der Spott in der Branche blankem Entsetzen gewichen: Mehr als 200.000 Jugendliche zwischen den Kreidefelsen Südenglands und den schottischen Highlands telefonieren inzwischen kostenlos mit Blyk. Schon nächstes Jahr will Ahtisaari in vier weiteren Ländern Europas starten - auch in Deutschland.

Dass es dem Finnen ernst damit ist und er auch ernst genommen wird, davon konnte man sich vergangene Woche in Berlin überzeugen. Marko Ahtisaari war der Stargast auf dem Jahreskongress des Art Directors Club Deutschland. Gebannt hingen die Kreativen aus der Werbebranche an seinen Lippen. Dabei kommt Ahtisaari ganz ohne den üblichen Schnickschnack der zu Selbstbespiegelungen neigenden Werberkaste aus. Stattdessen packt er seinen Laptop auf den Tisch und präsentiert nüchterne Zahlen.

Exklusive Zielgruppe

Zuerst räumt er mit einem Vorurteil auf: "Bei uns gibt es keine Werbeunterbrechungen während eines Telefonats." Vielmehr würden sich die Blyk-Nutzer lediglich damit einverstanden erklären, sich bis zu sechs Multimedia-Kurznachrichten (MMS) mit Werbung täglich zusenden zu lassen. Dafür offeriert Blyk in Großbritannien 43 freie Gesprächsminuten und 217 Gratis-SMS monatlich. Wer mehr telefoniert und Mitteilungen versendet, zahlt 15 Pence (0,20 Euro) je Minute und 10 Pence je SMS.

Dass ein solches Angebot vor allem für eine junge Zielgruppe interessant ist, davon war Ahtisaari von Anfang an überzeugt. Nur für Jugendliche im Alter von 16 bis 24 Jahren steht Blyk deshalb offen. Das Kommunikationsverhalten dieser Zielgruppe sei optimal. Zum einen spare es Kosten bei der Nutzerakquise.

"Wir haben am Anfang Gutscheine vor Schulen und Universitäten für eine Blyk-Registrierung verteilt", erzählt Ahtisaari, der vor seinem Wechsel zu Blyk als Stratege beim Handybauer Nokia gearbeitet hat. Das Gratisangebot habe sich schnell herumgesprochen: "Jetzt sind wir das größte Empfehlungsnetzwerk im Mobilfunk." Zum anderen sei für Jugendliche die Textkommunikation per Handy gang und gäbe.

Und Werbe-MMS deshalb erfolgreich: "Bei einer Kampagne für ein Buch von Nick Hornby haben 64 Prozent per Handy den Verlag kontaktiert", sagt der Blyk-Manager. Solche hohen Kontaktzahlen gefallen nicht nur den Werbern, die sich in Berlin versammelt hatten. Sie machen Ahtisaari sicher, dass selbst die Kreditkrise Blyk kaum etwas anhaben kann: "Wir haben inzwischen mehr als 1000 Kampagnen gefahren", erzählt er. "Eine so hohe Zielgenauigkeit der Werbebotschaft kann schließlich kein anderes Medium bieten."

Dennoch gibt es Zweifler. Den Chef des deutschen Mobilfunkanbieters Blau.de, Martin Ostermayer, zum Beispiel. "Alleine mit Werbung lassen sich Mobilfunkgespräche nicht finanzieren", sagt er. Rechnen könne sich das Modell allenfalls nur für Netzbetreiber, weil die auch Terminierungsentgelte für eingehende Gespräche kassieren könnten.

Marko Ahtisaari sieht das genauso. Und sagt, dass er auf dem Weg sei, sich mit einem deutschen Netzbetreiber über die Beteiligung an dieser Einnahmequelle zu einigen. Schließlich sei der deutsche Markt viel größer als der britische: 9,5 Mio. junge Leute zwischen 16 und 24 Jahren gebe es hier. Blyk will ihn erschließen. Jene, die unbedingt eine Handyrechnung wollten, könnten ja woanders hingehen, sagt Ahtisaari. Und lächelt.

FTD