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Hardware hui, Software pfui Huawei Watch im Test: Schicke Sinnlostechnik


Die Huawei Watch ist die erste Smartwatch für Android-Smartphones, die wirklich als Schmuckstück taugt. Ob sie auch sonst etwas zu bieten hat, haben wir ausprobiert.

Seit etwa zwei Jahren erzählt man sich in der Technik-Szene, dass Wearables, also tragbare Technologie, das nächste große Ding sein werden. Der Prototyp dieser schlauen Alltagsbegleiter ist die Smartwatch. Die war in den ersten Versionen verschiedener Hersteller meist eher ein klobiger Handgelenkscomputer, richtete sich eher an Nerds - und verkaufte sich entsprechend mies. Bis Apple mit der Apple Watch zeigte, dass sich eine Smartwatch durchaus als Schmuckstück verkaufen lässt. Die Huawei Watch versucht nun, in eine ähnliche Kerbe zu schlagen. Aber hat sie außer dem hübscheren Äußeren tatsächlich etwas zu bieten?

Rein äußerlich kann sich die Huawei Watch wirklich sehen lassen. Das runde Metallgehäuse ist nicht auf den ersten Blick als Smartwatch erkennbar, es könnte sich auch um eine gewöhnliche Uhr handeln. Wenn auch um eine relativ klobige. Damit verfolgt Huawei einen anderen Ansatz als Apple, denn die Apple Watch ist durch ihre quadratische Form kaum mit einer klassischen Uhr zu verwechseln.

Rund und schick

Sonst hat sich Huawei aber durchaus vom großen Vorbild aus Cupertino inspirieren lassen. Wie die Apple Watch richtet sich auch die Huawei Watch an modebewusstere Käufer. Das glänzende Metallgehäuse wirkt mit seiner schlichten Formsprache sehr elegant, Huawei setzt mit Edelstahl, Glas und Leder auf hochwertige Materialien. Die fühlen sich sehr wertig an und tragen sich auch am Handgelenk hervorragend. Zumindest bei Männern, denn die Uhr gibt es nur in einer Größe, die bei Damen riesig wirkt. An der rechten Seite befindet sich etwas nach oben versetzt der einzige Knopf. Um verschiedene Geschmäcker bedienen zu können, ist das Gehäuse in drei Metallic-Tönen erhältlich, auch ein goldenes ist dabei. Es ist allerdings ebenfalls aus Edelstahl gefertigt. Dafür fängt der Preis der Goldvariante auch bei 799 Euro an - und nicht wie bei Apple bei 11.000. Zudem stehen sowohl schicke Leder- als auch Gliederarmbänder zur Wahl.

Im Alltag fällt die Huawei Watch deshalb höchstens als Smartwatch auf, wenn man das Handgelenk zum Gesicht dreht. Dann leuchtet das Display auf und informiert über eingegangene Benachrichtigungen. Die übrige Zeit befindet sich die Uhr in einem Stromsparmodus, lediglich eine abgedunkelte Version des gewählten Ziffernblattes ist zu sehen. Während die Apple Watch ihr Display nur ein- und ausschalten kann, zeigt nämlich die Huawei Watch immer die Uhrzeit an. Dass dieses bei jeder Uhr völlig selbstverständliche "Feature" bei Smartwatches immer noch die Ausnahme ist, verdeutlicht sehr gut, wie sehr sich die Technologie noch im Anfangsstadium befindet.

Smartwatch-Frühzeit

Auch bei der Akkulaufzeit konnte sich bislang nur die E-Ink-Smartwatch Pebble positiv von den anderen Handgelenkscomputern absetzen. Alle anderen bieten zwischen einem und drei Tagen Akkulaufzeit. In einer Gerätegattung, in der die Nutzer teils Jahre ohne Batteriewechsel auskommen, ist das ein harter Schlag. Die Huawei Watch schaffte zwar im Test immer einen ganzen Tag, manchmal war auch noch ein zweiter drin. Wollte man aber nicht riskieren, dass am Ende des Tages die Uhr ausgeht, musste sie jeden Tag an die Steckdose. Ein nerviges Ritual.

Wie die meisten anderen aktuellen Smartwatches ist die Huawei Watch immer noch auf ein Smartphone angewiesen, um zu funktionieren. Das sorgt für die Internetverbindung und schiebt ankommende Benachrichtigungen weiter ans Handgelenk. Auch die Huawei Watch ist in erster Linie eine Art Zweitbildschirm für's Handy. Während Apples Uhr aber nur mit iPhones zurechtkommt, ist die Huawei Watch vor allem für Android-Smartphones konzipiert. Ihr Betriebssystem Android Wear kommt zwar seit der neuesten Version auch mit iPhones klar, allerdings können die Apple-Fans nicht alle Features der Uhr benutzen und etwa keine Apps installieren.

Funktionsarmut

Leider ist Android Wear die Achillesferse der Hardware-seitig wirklich gelungenen Huawei Watch. Denn auch wenn seit dem Test der LG G Watch R im letzten Jahr einige Neuerungen hinzugekommen sind, bleibt die grundsätzliche Kritik bestehen: Uhren mit Android Wear sind immer noch nicht besonders smart. Mit einer Reihe von Fitnessfunktionen, Benachrichtigungen am Handgelenk und Google Maps am Handgelenk lassen sich wohl die wenigsten Normalbürger vom Kauf einer Smartwatch überzeugen - vor allem wenn diese wie die Huawei Watch ab 399 Euro aufwärts kostet.

Damit das System auf verschiedensten Uhren laufen kann, ist die Bedienung stark eingeschränkt. Mehr als Wischen, kurzes und längeres Drücken und der einzige Knopf sind nicht drin, das kleine Display tut sein Übriges. Die Uhr zu benutzen ist damit oft ein Krampf. Zudem verlässt sich Android Wear genau wie die Apple Watch zu sehr auf die Sprachsteuerung. Denn seien wir ehrlich: Mit seiner Uhr zu sprechen fühlt sich immer noch genauso doof an, wie es aussieht. Die Apple Watch hat mit Force Touch, also stärkerem Drücken, und der Krone immerhin noch zwei weitere Eingabemöglichkeiten mehr zur Auswahl.

Das größte Problem ist aber weiterhin der Mangel an gut gemachten und sinnvollen Apps. Während Apples Smartwatch schon eine App für alle möglichen Dienste bieten kann, von der Bahn-App bis zum gerade hinzugekommenen Facebook-Messenger, ist bei Android Wear in dieser Hinsicht immer noch Ebbe. Klar, es gibt vom Solitär-Spiel bis zur Notiz-Ikone Evernote eine ganze Reihe zur Auswahl. Aber die großen Namen fehlen meist, zudem bringen die wenigsten Apps einen echten Mehrwert.

Fazit: Tolle Smartwatch ohne echten Kaufgrund

Die Huawei Watch ist die mit Sicherheit hübscheste Smartwatch mit Android Wear. Sie ist toll designt, sehr gut verarbeitet und trägt sich angenehm. Leider krankt sie an denselben Symptomen wie alle anderen Smartwatches auch - inklusive der Apple Watch: Es gibt immer noch wenig gute Gründe, die doch recht hohen Preise für die schlauen Uhren zu zahlen.

Der Mehrwert beschränkt sich aktuell vor allem auf Benachrichtigungen und Fitnessfunktionen, die Uhren sind vor allem Zweitbildschrime für das Smartphone, die Akkulaufzeit von ein bis zwei Tagen ist nach wie vor viel zu kurz. Das dürfte den wenigsten 400 Euro und mehr wert sein. Eine Kaufempfehlung kann man deswegen  nur sehr eingeschränkt geben. Wer aber unbedingt eine Smartwatch mit Android Wear erwerben möchte und Wert auf Design legt, dem lässt die hübsche Huawei Watch kaum Alternativen.


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