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Neues Top-Smartphone: Huawei Mate S im Test: Ist der China-Kracher besser als das iPhone?

Huawei hat den Ruf, gute Smartphones zu Schnäppchenpreisen zu bauen. Mit dem Mate S nehmen die Chinesen nun die Oberklasse ins Visier: Der 5,5-Zöller fordert das iPhone 6s Plus heraus. Wir haben das Mate S getestet.

Huawei Mate S

Das Huawei Mate S hat einen 5,5-Zoll-Screen

Huawei ist der Shooting-Star unter den Handy-Herstellern: Kannte man das chinesische Unternehmen vor wenigen Jahren höchstens aus der Grabbelkiste vom Discounter, ist es mittlerweile der drittgrößte Smartphone-Verkäufer der Welt - nach Samsung und Apple. Ein Erfolg, der nicht überrascht: Huawei hat den Ruf, gute Smartphones zu günstigen Preisen zu bauen und klotzt auch bei der Werbung mächtig ran. So ist Huawei etwa Sponsor der beiden Bundesligisten Borussia Dortmund und Schalke 04.

Seit letztem Jahr versucht Huawei das Billig-Image abzuschütteln und sich stattdessen als Anbieter von Premium-Geräten zu etablieren. Mit dem XXL-Handy Ascend Mate 7 landeten die Chinesen im vergangenen Jahr auf der IFA einen Überraschungs-Hit, der sowohl bei Kunden als auch Kritikern gut ankam. Mit dem Mate S will Huawei nun nachlegen. Ob das klappt? Wir haben das Gerät ausführlich getestet. 

Optik und Verarbeitung

Optisch orientiert sich das Mate S klar am Vorgänger Mate 7. Eine gute Entscheidung, denn das Design ist immer noch elegant, zeitlos und wirklich ein Hingucker. Das Gehäuse aus mattem Aluminium liegt prima in der Hand, was nicht nur an der leicht gerundeten Rückseite liegt, sondern auch am geringen Gewicht von 156 Gramm. Zum Vergleich: Das ähnlich große iPhone 6s Plus wiegt 192 Gramm.

Mate S mit geschwungener Rückseite

Schickes Design mit leicht geschwungener Rückseite : das Mate S

An der Verarbeitung des Geräts gibt es nichts zu meckern. Huawei hat einige Schwächen der Vorgänger - etwa den schiefen USB-Port - ausgemerzt. Das Glas an der Frontseite ist zu den Rändern hin leicht gebogen, wodurch der Übergang zum Gehäuse fließend wirkt. Für die Antennenstreifen auf der Rückseite stand eindeutig das iPhone 6 Pate. Beim Mate S sind diese allerdings schmaler und weniger auffällig, denn sie wurden farblich an das Gehäuse angepasst. Der Kopfhörerausgang befindet sich auf der Oberseite, der USB-2-Steckplatz unten. Leider setzt Huawei nicht auf den neuen USB-C-Stecker. Skurril: Zwei Loch-Reihen auf der Unterseite suggerieren Stereo-Sound, tatsächlich entweicht der Klang nur auf der rechten Seite. Der ist dennoch klar und laut.

Im Lieferumfang ist außerdem eine Schutzhülle enthalten, bei unserem Testgerät war es ein goldenes Modell mit Flip-Cover und Sichtfenster. Die passt leider gar nicht zum edlen Äußeren des Smartphones und fühlt sich ein wenig wie die Take-Away-Boxen vom Lieferdienst an. Sei's drum: Andere Schutzhüllen gibt es im Netz für wenige Euro.

Huawei Mate S Schutzhülle

Kein Hingucker: die Schutzhülle des Mate S

Display

Der Bildschirm des Mate S misst 5,5 Zoll. Der Screen bietet viel Platz für Videos, Apps und Bilder, die Bedienung mit einer Hand ist bei so einem Brocken aber nicht mehr möglich. Das Display setzt auf die AMOLED-Technik, wodurch Farben extrem kräftig wiedergegeben werden. Das macht optisch einiges her, die Farben sind satt und das Schwarz ist wirklich Schwarz - gelegentlich wirkt der Bonbon-Look aber unrealistisch. Denselben Effekt kennt man auch von Samsung-Smartphones. Ob einem das gefällt, muss jeder Nutzer selbst wissen. Am besten sollte man das Gerät vor dem Kauf im Fachgeschäft ausprobieren.

Mit der Full-HD-Auflösung (1920 x 1080 Pixel) setzt Huawei keine Maßstäbe, andere Hersteller verbauen längst noch höher aufgelöste 2K-Panels (2560 x 1440 Pixel). Doch ganz ehrlich: Einen Unterschied erkennt man mit bloßem Auge nicht. Das Bild ist knackig scharf und zeigt auch bei schrägem Blickwinkel unverfälschte Farben. Die Helligkeit ist gut, wenn auch nicht so hoch wie beim iPhone 6s. Toll: Die Farbtemperatur lässt sich beim Mate S händisch anpassen. Je nach Vorliebe kann man die Farben wärmer oder kälter wirken lassen.

Eine weitere Besonderheit ist die Knuckle-Technologie. Wischt man mit dem Fingerknöchel ein C über das Display, öffnet sich die Kamera. Bei einem E startet der Browser, ein M öffnet die Musik-App. Zumindest theoretisch, denn in unserem Test funktionierte das meist nur nach dem zweiten oder dritten Versuch. In der Zeit hat man die benötigte App auch so gefunden. Alles in allem ein Feature, das die Welt nicht braucht.

Fingerabdruckscanner

Ein besonderes Augenmerk legen wir in diesem Test auf den Fingerscanner. Eigentlich ein alter Hut, der bei Premiumgeräten selbstverständlich sein sollte. Doch der Sensor funktioniert beim Mate S wirklich ausgezeichnet. Er befindet sich auf der Rückseite unter der Kamera und reagiert pfeilschnell. Kaum hat man den Finger aufgelegt, ist das Smartphone entsperrt. Das nervige Herumwischen mit dem Finger gehört der Vergangenheit an - zumindest, solange die Finger trocken sind. Mit feuchten Kuppen bringt man den Sensor immer noch ins Schwitzen. 

Was den Scanner von der Konkurrenz abhebt, sind einige Zusatzfunktionen. Wischt man etwa mit dem Finger über den Sensor, kann man durch die Bilder der Fotogalerie swipen. Technisch ist das interessant, doch vermutlich wird man diese Funktion selten brauchen. Sinnvoller wäre es, wenn man mit der Swipe-Geste auch über den Homescreen navigieren könnte. Wirklich praktisch: Lässt man den Finger auf dem Sensor, während die Frontkamera aktiv ist, knipst man ein Selfie.

Huawei Mate S mit 13-Megapixel-Kamera

Das Huawei Mate S hat eine 13-Megapixel-Rückkamera

Kamera

Die Rückkamera (f/2.0-Blende) hat einen 13-Megapixel-Sensor, dem ein optischer Bildstabilisator (OIS) zur Seite steht. In unserem Test haben wir das Mate S mit einem iPhone 6 verglichen. Beide Geräte hatten die Standardeinstellungen aktiviert und es wurde der Automatikmodus genutzt. Der Autofokus beim Mate S reagiert flott, bei Tageslicht liefert das Mate S scharfe Bilder. Bewegte Objekte, etwa spielende Kinder oder Tiere, fängt das Mate S gut ein. Bei Gegenlicht-Situationen macht es sogar eine bessere Figur als das iPhone 6. Allerdings waren die Farben meist unnatürlicher. Insgesamt muss man sagen: Die Qualität ist gut, aber nicht überragend - hier machen Apple, Samsung und LG eine bessere Figur.

Deutlich mehr Möglichkeiten bietet der Profi-Modus: Darin kann man einen eigenen Weißabgleich vornehmen, die Belichtungszeit anpassen und die ISO-Werte manuell einstellen. Der Modus ist allerdings nur etwas für passionierte Fotografen, für Hobbyknipser gibt es definitiv zu viele Einstellungen. 

Die Videoaufnahmen sind im Vergleich zu den Fotos nur Mittelmaß. Die Farben sind nicht nur weniger knackig, der Autofokus hat mitunter auch Probleme beim Scharfstellen. Für kurze Clips ist die Qualität aber völlig okay. Vielleicht kann hier ein Software-Update noch nachbessern. Gerade in diesem Punkt zeigte sich Huawei in den vergangenen Jahren aber knauserig: Updates kamen, wenn überhaupt, nur mit mehreren Monaten Verspätung. Ob und wann das neue Android 6 für das Mate S bereitgestellt wird, steht noch in den Sternen.

Die Frontkamera knipst mit 8 Megapixeln und macht gute Aufnahmen. Allerdings ist standardmäßig ein "Verschönerungs-Filter" aktiviert, der die Haut weichzeichnet. Der Haken ist nur: Die Fotos werden dadurch nicht schöner, sondern unnatürlicher. Das braucht kein Mensch. Glücklicherweise lässt sich die Funktion abschalten.

Wer hat die bessere Kamera?: Das Huawei Mate S und iPhone 6 im Foto-Duell
Fotografiert mit dem Huawei Mate S (Automatik, Standardeinstellungen, ohne Blitz). Das Grün beim Mate S ist etwas heller als in der Realität - auch die nächsten Fotos werden die gelegentlich unrealistischen Farben zeigen. Positiv zu erwähnen sind aber die vielen Details, die durch die gute Auflösung von 13 Megapixeln bei Tageslicht ermöglicht werden.

Fotografiert mit dem Huawei Mate S (Automatik, Standardeinstellungen, ohne Blitz). Das Grün beim Mate S ist etwas heller als in der Realität - auch die nächsten Fotos werden die gelegentlich unrealistischen Farben zeigen. Positiv zu erwähnen sind aber die vielen Details, die durch die gute Auflösung von 13 Megapixeln bei Tageslicht ermöglicht werden.

Leistung

Im Mate S steckt der Achtkernchip vom Typ Kirin 935. Mit der Eigenentwicklung stellt Huawei keinen Geschwindigkeitsrekord auf: Im AnTuTu-Benchmark - einem Programm zur Ermittlung der Leistung - erreicht das Gerät etwa 50.000 Punkte. Zum Vergleich: Das neue iPhone 6S Plus schafft etwa 59.000 Punkte, Samsungs Galaxy S6 kratzt sogar an der 70.000er-Marke. In dieser Hinsicht ist das Mate S kein Überflieger. Die Performance reicht aber, um auch anspruchsvolle Apps ruckelfrei darstellen zu können.

Ebenfalls eine gute Figur macht das Smartphone bei der mobilen Konnektivität: Das Mate S unterstützt alle gängigen LTE-Frequenzen, dank LTE-Cat6-Technologie stehen Geschwindigkeiten bis zu 300 Mbit/s zur Verfügung. Zumindest theoretisch, denn hierzulande gibt es das ultraflinke Netz nur in wenigen Regionen und in teuren Tarifen. Unverständlich: Auf den schnellen Wlan-ac-Standard hat Huawei bei seinem neuen Vorzeigemodell ebenso verzichtet wie auf das 5-Gigahertz-Band. Wer einen modernen Router besitzt, wird so unnötig ausgebremst.

Akku

Der größte Wermutstropfen ist der Akku. Huawei hat dem Mate S eine eher Batterie mit einer Kapazität von 2700 Milliamperestunden spendiert. Das ist weniger als beim OnePlus 2 (3300 mAh), Xperia Z5 Premium (3430 mAh), LG G4 (3000 mAh) oder dem Vorjahres-Gerät Huawei Ascend Mate 7 (4100 mAh). So dünn wie das Gehäuse ist dann auch die Laufzeit: Im Alltagstest erweist sich der Akku als ausreichend, ein Dauerläufer wie der Vorgänger ist das Mate S leider nicht. Beim Mate 7 waren bei moderater Nutzung auch mal zwei, drei Tage ohne Steckdose drin. Schade! Der Akku ist nicht wechselbar. Glücklicherweise gibt es eine Quick-Charge-Funktion. Mit dem passenden Ladegerät reichen 15 Minuten, um etwa zwei Stunden Laufzeit rauszuholen.

Huawei Mate S

Alles in allem macht das Mate S einen runden Eindruck

Sonstiges

Auf dem Mate S läuft Android 5.1.1, dass mit der EMUI-Oberfläche modifiziert wurde. Die Software hat optisch viele Ähnlichkeiten zum Flat-Look von iOS 9. Die auffälligste Änderung: Huawei verzichtet auf einen App-Drawer. Das heißt: Alle Anwendungen werden wie beim iPhone auf dem Homescreen abgelegt. Eine App-Übersicht, wie man sie von anderen Android-Geräten kennt, gibt es nicht. Langjährige Android-Nutzer müssen sich daran erst gewöhnen, doch das System hat auch seine Vorteile . Mit etwas Fummelei kann man aber auch einen anderen Android-Launcher installieren.

Positiv zu erwähnen ist der microSD-Slot, der Karten bis zu 128 Gigabyte unterstützt. Das sollte eigentlich nichts Besonderes sein, doch immer mehr Hersteller verzichten bei ihren Premium-Geräten auf dieses Feature. Nötig ist es: Von den 32 Gigabyte in der Standard-Version stehen dem User nur knapp 24 Gigabyte zur Verfügung. Mit ein paar Musikalben, Apps, Fotos und Games sind die schnell ausgeschöpft.

Die Gesprächsqualität ist in Ordnung. Die mitgelieferten In-Ear-Kopfhörer klingen gut und sehen schick aus.

Fazit

Mit dem Mate S hat Huawei einen starken und schicken Androiden ins Weihnachtsgeschäft geschickt, der es auch mit Samsungs, Sonys und LGs Flaggschiffen aufnehmen kann. Vor allem die Verarbeitung und Optik des Geräts gefällt uns. Kleine Abstriche muss man bei der Kamera und dem Akku machen. Die Bilder sind nicht ganz so scharf wie beim Galaxy S6, der Akku nicht so groß wie beim kommenden Xperia Z5 Premium - dennoch bekommt man mit dem Mate S einen guten, hochwertigen Allrounder.

Nur beim Preis müssen Huawei-Fans erst einmal schlucken: Das 32-Gigabyte-Modell kostet 649 Euro, das 64-GB-Modell schlägt mit 699 Euro zu Buche. Wer Interesse an dem Gerät hat, sollte deshalb noch ein paar Wochen warten - die Preise für das Einstiegsmodell purzeln vermutlich bald in Richtung 550-Euro-Marke. Eine interessante Alternative ist das Honor 7. Es bietet eine ähnliche technische Ausstattung, eine etwas schlechtere Kamera und ein kleineres Display (5,2 Zoll). Mit 350 Euro ist es aber deutlich günstiger.