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Microsoft-Smartphones "Kin One" und "Kin Two" Wo Telefonieren wie Arbeit aussieht


Bei Microsoft bestimmen Funktion und Technik das Aussehen von Hard- und Software. Jüngstes Beispiel: Microsofts Smartphones "Kin One" und "Kin Two". Kann so dröge ein Gegenentwurf zur bunten iWelt von Apple aussehen?
Von Gerd Blank

Derzeit sieht man auf den Fußgängerwegen der Städte überall große Brillen auf den Gesichtern der jungen Leute, gerne auch mit Fensterglas statt hohen Dioptrienwerten. Die Nerdbrille ist ein Modeaccessoire geworden, der Mut zur Hässlichkeit ist der Trend des Sommers. Als Bill Gates, Gründer von Microsoft, vor rund 35 Jahren seine ersten Schritte in der Öffentlichkeit unternahm, wurde der Brillenträger zur Blaupause aller Nerds. Gates war der Ober-Nerd. So sahen Genies aus, die in der Schule von Mitschülern verprügelt wurden.

Gates war seiner Zeit weit voraus, entwickelte Betriebssysteme und Office-Anwendungen, krempelte aus dem Nichts unser Bild von Computertechnologie komplett um und schuf eines der mächtigsten Unternehmen der Welt. In einer Zeit, als Computer noch klobig und grau waren, Technologie nur in Serverräumen und auf Schreibtischen stattfand, war Microsoft der Platzhirsch. Doch die Zeiten haben sich geändert. Viele Käufer interessieren sich nicht mehr für das Innenleben ihres Computers oder Smartphones. Sie wollen, dass die Geräte gut aussehen, leicht zu bedienen sind und in ihre Lebenswelt passen. Technik soll Spaß bringen und nicht nach Arbeit aussehen.

Doch Microsoft verbreitete weiterhin so viel Spaß wie eine Bank oder eine Versicherung. Auch im relativ jungen Markt der Mobiltelefone und digitalen Begleiter blieb sich Microsoft treu: Ein Smartphone mit Windows Mobile an Bord zu nutzen, war so sinnlich wie das Lesen einer Bedienungsanleitung. Die brauchte man, da die Funktionen und Möglichkeiten - von denen es immer schon eine Menge gab - nie selbsterklärend waren. Zum Vergleich: Apple legt dem iPad kein Handbuch mehr bei.

Auf dem Mobile World Congress in Barcelona stellte Steve Ballmer Anfang des Jahres die neueste Version des mobilen Windows vor. Eine Software, die zeigen soll, dass Microsoft das mobile Internet, die Kommunikation, und - ach ja, die Wünsche der vernetzten Gesellschaft verstanden hat. Das Unternehmen setzt künftig auf die ständige Webverbindung, Online-Dienste sind ein wesentlicher Bestandteil der Oberflächengestaltung. Microsoft ist nicht gut in der Produktion von Hardware, möchte aber mitbestimmen, wie andere Unternehmen die Vorstellungen des Konzerns umsetzen. So sind die technischen Voraussetzungen für Windows Phone sehr hoch, Microsoft regelt sogar, wie viele Tasten ein entsprechendes Smartphone haben darf. Die ersten Geräte mit einer abgespeckten Version der neuen Software lässt Microsoft vom Partner Sharp herstellen. Die jetzt vorgestellten Smartphones mit dem Namen "Kin One" und "Kin Two" sollen die Generation Facebook ansprechen. Ob das klappt? Bei den nüchternen Telefonen ist wieder Technik Trumpf, Design spielt nur eine untergeordnete Rolle. Apple-typische Leichtigkeit sucht man vergebens.

Immer wieder Apple

Als Apple kurz vor der Pleite stand, unterstützte Microsoft das darbende Unternehmen mit Millionenbeträgen. Doch inzwischen steht Apple nicht nur finanziell blendend dar, Firmenboss Steve Jobs gibt sogar die Richtung vor, wohin die digitale Reise der Welt hinführt. Apple-Produkte sind technologisch nicht besser als die der Konkurrenz. Doch Design und Bedienung stehen im Vordergrund, die Technik muss sich unterordnen. Obwohl es deutlich bessere Musikabspieler gab, hat sich der iPod durchgesetzt. Obwohl iPhone-Nutzer auf viele Funktionen anderer Smartphones verzichten müssen, ist das Apple-Handy beliebter als jedes andere Multifunktionstelefon. Und sind die iKäufer erst einmal überzeugt, strahlt der Zauber auch auf andere Produkte mit dem angebissenen Apfel ab.

Microsoft geht es nicht schlecht, die Office-Produkte verkaufen sich noch immer prächtig, auch wenn Google und andere Anbieter kostenlose Alternativen anbieten. Bei professionellen Anwendungen wird Microsoft vertraut, nur im privaten Bereich verliert Microsoft an Boden. Und selbst der Nerdfaktor zählt längst nicht mehr, Bill Gates ist von Bord gegangen. Sein Nachfolger ist Steve Ballmer, dessen öffentliche Auftritte nicht cool sind, sondern kurios. Während Steve Jobs bei Produktankündigungen eine Unfehlbarkeit ausstrahlt und die Zuschauer in seinen Bann zieht, poltert Steve Ballmer gerne wild gestikulierend auf der Bühne herum. Das mag bei IT-Fachkräften gut ankommen, auf private Käufer wirkt das oft irritierend.

Eigentlich sind die Vorraussetzungen für Microsoft blendend. Jahrelang lief ohne Windows nichts, kein Spiel und kein Internet. Alternative Systeme waren noch komplizierter als Microsoft-Produkte und dadurch keine Gefahr für Bill Gates und seine Mannen. Die einzigen Kämpfe, die Microsoft ausfechten musste, waren gegen Regierungen und Regulierer. Da wundert es in der Rückschau kaum, dass sich das Unternehmen kaum darüber Gedanken machen musste, wie ein Computersystem aussieht. Microsoft hat Technik für Techniker entwickelt. Es stand immer das Ziel im Vordergrund, aber nicht, wie man das Ziel erreicht. Windows und Office waren die vollgepackten Werkzeugkästen, auch wenn die Aufgabe nur darin bestand - um im Bild zu bleiben -, einen Nagel einzuschlagen. Dass weniger viel mehr sein kann, hat Microsoft nie verstanden.


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