HOME

Nokia World 09: Der Riese bewegt sich

Finnlands Handy-Riese zeigt auf seiner Hausmesse Nokia World 09, dass er die Zeichen der Zeit doch erkannt hat. Der in der Vergangenheit unbeweglich erscheindende Konzern verknüpft nun seine Geräte mit sozialen Netzwerken, Navigation - und will die Dritte Welt erobern.

Von Dirk Liedtke, Stuttgart

Nokia-Boss Olli-Pekka Kallasvuo hat Humor. "Zu einer erfolgreichen Firma gehört ein charismatischer Mann an der Spitze und ein guter Plan", erklärt er ironisch. "Na ja, wenigstens haben wir einen guten Plan", setzt er die Pointe. Und die sitzt. OPK, wie er sich amerikanisch entspannt nennen lässt, mag ein dröger Bursche sein. Aber die von ihm geführte Firma Nokia wird immer cooler.

Fast 2000 Menschen in einer Messehalle in Stuttgart lachen und applaudieren dem bulligen, kantig englisch sprechenden Manager. Obwohl er auch ohne Jackett nicht annähernd so mitreißend rüberkommt wie Apple-Boss Steve Jobs oder die Google-Guys Sergey Brin und Larry Page, legt "OPK" bei der 14. Hausmesse Nokia World in Stuttgart einen starken Auftritt hin. Die Botschaft ist klar: wir haben 1,1 Milliarden Kunden und denen werden wir in Zukunft viel mehr als nur alle paar Jahre ein neues Handy verkaufen.

Nokia hat in der Krise zwar auch weniger Handys verkauft, liegt aber bei Smartphones eindeutig an der Spitze - vor Blackberry oder iPhone.

Die neuen Nokia-Modelle sind ein großer Wurf (siehe Bildergalerie). Sie nähern sich in punkto Sex-Appeal bei jungen Käufern immer mehr dem Coolness-Vorbild Apple an. Selbst in Sachen Bedienung kommen sie langsam dem Vorbild iPhone näher.

Softwareupdate groß angekündigt

Mit allen Vor- und Nachteilen: Im Oktober gibt es erstmals einen Software-Update für zwei Millionen verkaufte N97-Modelle, der wie bei Apple oder Microsoft groß angekündigt wird. Smartphones sind auch nur kleine Computer und wollen ständig auf den neuesten Stand gebracht werden, damit sie rund laufen. Da muss man sich als Handynutzer erst mal dran gewöhnen.

Flexibel und schlau setzt Nokia durch eine Kooperation mit Facebook auf den Megatrend der sozialen Netzwerke: Mit ausgewählten Modellen können Nutzer auf dem Startbildschirm sehen, was ihre Freunde gerade über Facebook mitteilen. Und beim sogenannten "Lifecasting with Ovi" können Besitzer eines Nokia-Smartphones direkt auf Facebook posten, was sie umtreibt und wo sie sich gerade befinden. Ein Link zum hauseigenen Kartendienst Ovi-Maps wird automatisch mitgeschickt. Das mag nicht jedem behagen, aber der Trend ist da: "Teilen ist das neue Verschicken". sagt Nokia-Top-Manager Anssi Vanjoki. Und er hat recht, zumindest, was den Alltag vieler junge Leute angeht.

Dreh- und Angelpunkt neuer Nokia-Angebote ist der Kartendienst Ovi Maps, der vor allem in Berlin entwickelt wird. In vielen Punkten ist er dem viel bekannteren Angebot Google Maps überlegen: Die kostenlose Fußgängernavigation hangelt sich etwa nicht an Straßen entlang, sondern kennt auch Abkürzungen durch Parks. Zusatzdienste wie von der Deutschen Bahn oder dem Reiseführer Lonely Planet werden zum großen Teil kostenlos ab Werk in das Telefon integriert. Man muss sich nicht einmal mehr die Mühe machen, die entsprechende Anwendung oder "App" zu installieren. Das schicke neue Modell N97 Mini ist schon ab Werk ein weltweit einsetzbares Fußgänger-Navi mit Reise- und Restaurantführer.

Kampfpreise auf dem Navi-Markt

Navi-Hersteller müssen sich warm anziehen: Für 50 Euro (plus Mehrwertsteuer) gibt es zum N97 ein Auto-Set sowie zwei Jahre lang Karten-Updates inklusive. Das ist ein Kampfpreis. Wer braucht da noch ein Autonavi für 150 Euro?

Und die Navigation mit Ovi Maps soll künftig noch besser werden: Navteq-Boss Larry Kaplan zeigt einen Vorgeschmack auf die Navigation durch Sehenswürdigkeiten (großen Kirchen) oder Orientierungspunkten im Straßenbild (Tankstelle). Künftig könnte das Navi-Handy dem Fahrer einflüstern: Biegen Sie in die erste Straße nach der Aral-Tankstelle auf der rechten Seite ab. Die Navteq-Kamerawagen nehmen offenbar viel mehr Daten auf als die berüchtigten Google-Street View-Kameraautos: Neben der GPS-Vermessung selbst von Hausfassaden werden auch 3D-Modelle errechnet. Und per Video werden Panoramaaufnahmen gemacht. Navteq und Nokia scheinen hier einen deutlichen Vorsprung gegenüber Google zu haben.

Einen selbstbewussten Gastauftritt absolvierte Telekom-Chef René Obermann bei der Nokia World in Stuttgart. Zum einen gab er den Nokia-Entwicklern Hausaufgaben auf: "Rund 59 Prozent der Kunden beschweren sich über zu viele Funktionen." Die Geräte müssen also einfacher zu bedienen sein. Dann übte er Selbstkritik: "Datenskandale, wie es sie auch bei der Telekom gegeben hat, sind nicht hilfreich. Denn die Kunden müssen uns ihre Daten in der Wolke anvertrauen."

Das wolkige Wort "Wolke" oder "Datenwolke" werden wir noch öfter hören in den nächsten Jahren. Es steht für die Datenspeicher von Google, Facebook oder Flickr, wo unsere intimsten Informationen lagern. Und die sollten dort natürlich so sicher sein wie in Fort Knox. Sind sie aber oft nicht, oder wir kommen nicht ständig an sie ran, wie es vor wenigen Tagen der mehrstündige Google-Mail-Ausfall deutlich machte.

Dass Nokia und Telekom zunehmend auch zu Konkurrenten werden, machte Obermann klar, als er den neuen My-Community-Dienst ankündigte. Dort können Telekom-Kunden ihre Adressen und Daten speichern. Genau das, was Nokia mit seinen Ovi-Diensten macht.

Ambitionen in Übersee

Aber vielleicht kommen sich die beiden Konzerne dabei nicht so sehr in die Quere, denn Nokia ist hierbei besonders in den "Wachstumsmärkten" wie Indien oder Afrika aktiv - mit großem Ehrgeiz:
- "Ovi-Mail" soll zum kostenlosen E-Mail-System für die nächste Milliarde Nutzer werden, die den ersten Internet-Zugang per Handy nutzt.
- "Nokia Life Tools" in Indien gibt Bauern lebenswichtige Informationen über Erntezeiten und Preise aufs Handy.
- Und "Nokia Money" wendet sich an die Millionen von Menschen, die ein einfaches Prepaid-Handy nutzen, aber kein Konto haben. Sie können dann per Handy einfache Bankgeschäfte erledigen.

Simple Handys als Computerersatz für Menschen in armen Ländern und erschwingliche, immer schickere Smart Phones mit praktischen Diensten in wohlhabenden Ländern wie Deutschland - der Gigant Nokia scheint auf dem richtigen Weg zu sein.