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Messenger-Alternativen Signal ist das Anti-Whatsapp, aber kann es das auf Dauer bleiben?

Messenger-Alternativen: Der Messenger Signal erfreut sich gerade massiv steigender Nutzerzahlen
Der Messenger Signal erfreut sich gerade massiv steigender Nutzerzahlen
© Rafael Henrique/ / Picture Alliance
Viele Menschen haben genug von Whatsapp – und suchen Alternativen. Als eine der besten gilt Signal. Die von einem der Whatsapp-Gründer finanzierte App ist in vielerlei Hinsicht eine klare Abgrenzung von seinem alten Projekt. Doch mit dem Wachstum kommen Probleme.

Ein Update der Privatsphäre-Regeln trieb in den letzten Wochen Millionen von Whatsapp-Nutzern zu den Alternativen. Dabei handelt es sich bei dem großen Privatsphäre-Exodus eigentlich um ein Missverständnis. Einer der größten Profiteure ist der Messenger Signal. Die App ist die Antithese des weltbekannten Konkurrenten, was sicher auch mit der Beteiligung des einst vergraulten Whatsapp-Gründers Brian Acton zusammenhängt. Doch ohne Folgen kann das schnelle Wachstum wohl nicht bleiben.

Lektion aus Whatsapps Fehlern

Dabei ist der Run auf Signal eigentlich sehr nachvollziehbar. Die App ist das, was die Menschen an Whatsapp ursprünglich schätzten – und macht vieles sogar besser. Signal verbindet die einfache Anmeldung über die Telefonnummer und die unkomplizierte Alltagsnutzung mit einem glaubwürdigen Versprechen des Datenschutzes und viel Transparenz.

Das ist sicher auch eine Folge des Whatsapp-Verkaufes. Als Acton und sein Partner Jan Koum die App 2014 für 19 Milliarden Dollar an Facebook verkauften, trauten viele Nutzer den Prinzipien der beiden Gründer. Man werde die Daten der Kunden nicht verkaufen, versprachen die beiden auf Privatsphäre orientierten Gründer damals, setzten sogar unter der neuen Mutterfirma eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gegen den Willen des Facebook-Chefs Mark Zuckerberg durch. Doch eines nach dem anderen wurden die Versprechen gebrochen. Und die beiden Gründer warfen kurz nacheinander das Handtuch. 

Das Anti-Whatsapp

Acton scheint das bis heute zu beschäftigen. "Ich habe die Privatsphäre meiner Nutzer verkauft", sagte er 2018 in einem Interview. "Und ich muss jeden Tag damit leben." Die neuen Whatsapp-Besitzer Facebook seien "gute Geschäftsleute", so Acton. "Sie stehen nur für eine Reihe von Geschäftspraktiken, ethischen und politischen Vorstellungen, mit denen ich nicht übereinstimme."

Signal kann daher fast als Gegenentwurf zu Whatsapp gesehen werden. Der Messenger wurde zwar nicht von Acton gegründet, wird aber bisher  ausschließlich durch ihn finanziert. Mit 50 Millionen Dollar aus seinen Facebook-Milliarden hat Acton die Stiftung gegründet, die den Messenger heute betreibt.  Damit finanziert er das, was Whatsapp unter Facebook nie sein konnte. Die Chats sind sicher verschlüsselt, die App wertet keine Nutzerdaten aus. Und: Weil der Quellcode zur freien Analyse bereit steht, lässt sich das auch transparent nachvollziehen. Die Verschlüsselung ist indes so gut, dass selbst die Konkurrenten wie der Facebook Messenger darauf setzen.

Optimistische Erwartungen

Doch mit dem rasanten Wachstum – nach Schätzungen hat der Messenger in den letzten Wochen seine Nutzerzahlen von 20 auf 40 Millionen Nutzer verdoppelt, allein in der Woche nach der Facebooks-Ankündigung explodierten die Downloadzahlen laut der "BBC" von 250.000 auf 8,8 Millionen – kommt auch die Frage: Lässt sich das Versprechen auch bei einer stetig steigenden Zahl von Nutzern halten?

Die Apps Telegram und Signal auf einem Smartphone

Acton glaubt: Ja. Das bestätigte er gerade in einem Interview mit "Techcrunch". Zwar sind die Server des Messengers unter dem Ansturm der neuen Nutzer in den letzten Wochen mehrfach spürbar zum Ächzen gekommen, trotzdem sieht er genau das Wachstum als Chance, den Messenger am Leben zu erhalten.

Aber die wichtigste unbeantwortete Frage seines einstigen Erfolgsprojektes Whatsapp kann Acton bei Signal auch noch nicht befriedigend beantworten: Wer soll das alles bezahlen? Whatsapp hatte er verlassen nachdem klar war, dass die App Werbung beinhalten würde. Bei Signal setzt er nun auf Spenden. Doch dafür müsse sie wachsen. "Wenn wir eine Milliarde Nutzer haben, sind das eine Milliarde potenzielle Spender", so Acton. "Dann müssen wir sie nur so sehr begeistern, dass sie gerne einen Dollar oder 50 Rupien spenden. Die Idee ist, diese Spende zu verdienen."

Gefahren des Wachstums

Intern sorgt dieser Plan und das schnelle Wachstum durchaus für Sorgen und Debatten, berichtet "The Verge". So gehe man aktuell davon aus, dass sich die App mit 100 Millionen aktiven Nutzern selbst tragen könnte. Noch würde der Betrieb aus den mittlerweile knapp 100 Millionen Dollar finanziert, die Acton selbst hinein gesteckt hat, hinzu kämen Spenden in nicht genannter Höhe. Damit das Budget nicht gesprengt wird, beschränkt man sich bewusst auf weniger als 50 Angestellte, konzentriert sich auf die Entwicklung der App selbst. 

Ob das auf Dauer reichen wird, ist allerdings ungewiss. Varianten wie bei Whatsapp durch Werbung oder das Sammeln von Metadaten Geld zu verdienen, dürften zur aktuellen Zeit noch ausgeschlossen sein. Beide Einnahmequellen trieben schließlich Acton von Facebook weg, sie würden wohl auch viele der jetzigen Verfechter der App vergraulen. Die ursprüngliche Einnahmequelle Whatsapps, ein klassischer Kauf der App auf iPhones und eine jährliche Gebühr auf Android, dürfte aber das Wachstumspotenzial einschränken.

Die Pläne zum Wachstum selbst sorge unter den Angestellten ebenfalls für Diskussionen, berichtet "The Verge". Internen Quellen des Techblogs zufolge geht Signal davon aus, dass sich die App ab 100 Millionen Nutzern alleine finanzieren kann. Um das Ziel zu erreichen, werden immer wieder neue Funktionen eingeführt, die intern nicht alle positiv gesehen werden.

Potenzial für böswillige Nutzer

So gibt es seit Herbst die auch von Whatsapp bekannte Funktion, Nutzer direkt per Link in Signal-Gruppen einzuladen. Gemeinsam mit den verschlüsselten Chats berge das die Gefahr, für extremistische oder anderweitig problematische Gruppen interessant zu werden. Schließlich kann der Dienst nicht gegen Inhalte vorgehen, weil er sie gar nicht erst mitlesen kann. Angesichts der zahlreichen extremistischen Gruppen auf anderen Diensten und Extremfällen wie Lynchmobs, die über Whatsapp organisiert wurden, ist das keine vollkommen unbegründete Angst. 

Der Signal-CEO Moxie Marlinspike soll die intern geäußerten Befürchtungen abgewiegelt haben. Man werde sich öffentlich dagegen positionieren, wenn es dazu kommen werde, erklärte er. "Man konnte sehen, wie einigen die Kinnlade herunterfiel", erinnert sich ein Ex-Mitarbeiter gegenüber "The Verge". "Das ist keine Strategie, das ist hoffen, dass nichts passieren wird." Immerhin sicherte Marlinspike "The Verge", die Funktion im Zweifel auch wieder zu entfernen.

Auch Pläne, über eine Kryptowährung anonyme Zahlungen in den Dienst einzubauen, werden kritisch gesehen. Marlinspike berät auch die Kryptowährung Mobile Coin, nach internen Berichten gab es vermehrt Bemühungen, die Funktion zu implementieren. Eine anonyme Bezahlfunktion könnte den Dienst aber für Personenkreise attraktiv machen, die man eigentlich nicht auf der Plattform haben will, fürchten die internen Kritiker. Neben negativer Presse könnte das auch für Regulierungsversuche durch Staaten führen. Marlinspike scheint sich des Gegenwindes bewusst zu sein. Die Pläne seien nicht konkret, betonte er gegenüber "The Verge".

Äußerungen Actons zum Umgang mit problematischen Inhalten dürften die Sorgen nicht beruhigen. Er glaube, dass nicht Technologie böse sei, sondern die Menschen dahinter, gab er sich gegenüber Steven Levy in dessen Buch "Facebook: The Inside Story" überzeugt. "Es ist keine Moral mit Technologie verbunden, es sind die Menschen, die Moral in die Technologie bringen." 

Quellen: Techcrunch, The Verge, Forbes, BBC


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