Assistenzsysteme Das Haus, dein Freund und Helfer


Motorisierte Betten, bewegliche Schränke, automatische Toiletten: Moderne Technik soll alte Menschen im Alltag unterstützen und Behinderungen ausgleichen helfen. Doch die Vielzahl der Geräte droht, die Nutzer zu überfordern. In Bremen fügen Forscher die Hilfstechnik zu einer intelligenten Wohnung zusammen, die auf ihre Bewohner reagiert.
Von Lars Fischer

"Ich möchte eine Pizza essen" sagt Bernd Gersdorf - und der intelligente Rollstuhl Rolland setzt sich in Bewegung. Höflich öffnen und schließen sich die automatischen Schiebetüren auf dem Weg in die Küche, und auch der Mikrowellenherd in der Küchengarnitur fährt auf bequeme Rollstuhlfahrer-Höhe herab. Gersdorf ist Wissenschaftler am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und nur zu Demonstrationszwecken gehbehindert. An der Universität Bremen wird die Versuchswohnung BAALL - das Kürzel steht für Bremen Ambient Assisted Living Lab - eingeweiht. Die Bremer Forscher wollen dort Technik entwickeln, die den Senioren der Zukunft helfen soll, den Alltag zu meistern.

Eine durchschnittliche Deutsche des Jahrganges 2008 hat eine statistische Lebenserwartung von 82 Jahren, drei Jahre mehr als zu Beginn der 90er Jahre. Schon heute sind 16 Millionen Deutsche über 65 Jahre alt, nahezu jeder fünfte Bundesbürger. 2050 wird es jeder dritte sein. Die gewonnenen Lebensjahre wollen sinnvoll genutzt sein - auch wenn die Gelenke steifer werden.

Die Einrichtung passt sich an

Das Bremer "Labor" ist eine behagliche Zwei-Zimmer-Wohnung mit Bad, Kochnische und extrabreiten Schiebetüren. Die High-Tech-Ausstattung zeigt sich erst auf den zweiten Blick. "Senioren sollen möglichst lange in der vertrauten Wohnung bleiben können", erklärt Gersdorfs Chef Bernd Krieg-Brückner. Dazu soll sich die Einrichtung flexibel den Bedürfnissen der Bewohner anpassen. Das klingt einfacher als es ist: Zwar gibt es elektrisch verstellbare Betten und automatische Türen, aber mit jedem neuen Helfer wächst das Verwirr-Potenzial. "Es ist wie mit Fernbedienungen: Jedes einzelne Gerät hat eine eigene, und irgendwann verliert man den Überblick" sagt Krieg-Brückner, "Wir arbeiten deswegen daran, dass man die gesamte Technik im Haus zentral ansteuern kann."

Dazu sollen alle Systeme im Haus miteinander vernetzt sein. Rolland, der elektrische Rollstuhl, kennt nicht nur den Weg durch die Wohnung, sondern kann auch verschiedene Türen oder Lampen bedienen, je nachdem, wo er sich befindet. Auf das Kommando "Licht an!" wird nur der Raum erleuchtet, in dem sich gerade Rolland befindet.

Als Ergebnis sollen sich, so das Fernziel, alle Systeme zu einer "intelligenten Wohnung" zusammenfinden, die sich flexibel an die momentanen Bedürfnisse der Bewohner anpasst: Auf Kommando öffnen und schließen sich mehrere Türen, so dass aus dem Durchgang zwischen Wohn- und Schlafzimmer ein großzügiger Ankleidebereich entsteht, in dem sich der Rollstuhlfahrer zwischen Badezimmer und Kleiderschrank frei bewegen kann.

Gehhilfe mit Navi

Neben Rolland beherbergt das Labor den Rollator iWalker. Diese vierrädrige Gehhilfe, von den Bremern vornehm als Mobilitätsassistent bezeichnet, besitzt ein Navigationssystem, wie man es aus dem Auto kennt: Der Fahrer nennt das gewünschte Ziel, und ein großer roter Pfeil auf dem Bildschirm zeigt die Richtung. Lasersensoren orten Hindernisse, Bremsen an den Hinterrädern helfen bei der Kurskorrektur. "Schließen Sie die Augen" befiehlt Krieg-Brückner. Blind schiebe ich das Gerät durch die Wohnung, sanfte Steuerimpulse führen mich um einen Türpfosten.

Ist das die Zukunft des Alterns? Wie viel werden wir noch selbst tun, wenn es für alles hochentwickelte Steuerelektronik gibt? "Welche Verrichtungen uns die Assistenzsysteme abnehmen, können wir ganz individuell einstellen" so Krieg-Brückner. Allerdings müsse sich dazu die Einstellung zu technischen Hilfsmitteln im Alter grundlegend ändern. Bisher kommen sie erst spät und zu konkreten Anlässen zum Zuge, so wie ein Hörgerät, wenn ein vernünftiges Gespräch vollkommen unmöglich geworden ist. Eine intelligente Wohnung dagegen müsste man schon in seinen besten Jahren beziehen. "Senioren in spe" nennen die Bremer diesen Anwenderkreis. Sie würden die Technik verwenden, um sich das Leben zu erleichtern und erst nach und nach tatsächlich auf einzelne Hilfsmittel angewiesen sein.

Über Pflege hinaus

Aber wahrscheinlich werden die Nutzer sich auch in jungen Jahren schon mit Helfern im Haushalt umgeben, denn Bequemlichkeit im Alltag und Pflege im Alter gehen fließend ineinander über. Für energiesparende Systeme beispielsweise, die Elektrogeräte abhängig vom Stromangebot an- und ausschalten, werden Geräte ähnlich vernetzt, wie es im BAALL geplant ist. Die Fraunhofer-Gesellschaft betreibt in Duisburg das inHaus, eine Versuchsanlage für moderne Haushaltstechnik, die weit über das Thema Pflege hinausgeht.

Allerdings werden die Pflegesysteme nach dem Bremer Muster wohl als erstes auf den Markt kommen. Diese Anwendungen werden derzeit gezielt von EU und Bundesregierung gefördert. Langfristig jedoch können alle Altersklassen von derartigen Systemen profitieren.

An intelligenten Lösungen mangelt es dem Feld jedenfalls nicht. Als Bernd Gersdorf seinen Kopf nach vorne neigt, setzt sich der Rollstuhl wie von Geisterhand in Bewegung. Trägheitssensoren in seiner Schirmmütze übersetzen die Bewegungen seines Kopfes in Steuerbefehle. Blickt er nach links, fährt Rolland eine Kurve.


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