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Automatische Kassen: Verloren im Supermarkt

Selbstbedienungs-Kassen sollen Kunden das Bezahlen erleichtern. Wie in den USA schon üblich werden auch in Deutschland zunehmend solche Systeme eingesetzt. Doch der Einkauf erfordert viel Gelduld.

Suchend kreist der Finger über dem Bildschirm: Gemüse, Obst - wo sind hier nur Tomaten? Ganz einfach ist das Einkaufen nicht im Supermarkt der Zukunft. Der Kunde scannt den Einkauf selbst, wiegt Obst und zahlt an einem so genannten Pay-Tower. Wer eine falsche Taste drückt, die Ware nicht richtig platziert oder die EC-Karte nicht in den richtigen Schlitz steckt, löst das Blinken einer rote Alarmleuchte über dem Terminal aus. "Betreuer kommt", verspricht der Bildschirm - nur die Mitarbeiter können die Technik wieder flott machen. Wie im Supermarkt Simmel in Unterhaching setzen inzwischen mehrere Geschäfte auf die Technik, die in den USA und in Frankreich schon weiter verbreitet ist. Unter anderen sind bundesweit mehr als 70 Real Märkte mit derartigen Kassensystemen ausgerüstet.

"Der Fortschritt ist auch in Deutschland nicht aufzuhalten", sagt der Sprecher des Landesverbandes des Bayerischen Einzelhandels, Bernd Ohlmann. "Wir begrüßen alles, was den Zahlvorgang schneller macht - Schlangen an den Kassen sind für Kunden und Handel ein Graus." Ob sich die Technik hierzulande durchsetzen wird, sei offen. Die "Einkaufsmentalität" sei anders als in den USA. Die dortigen Einpacker, die den Einkauf für den Kunden in Tüten packen, seien bei den deutschen Kunden gar nicht angekommen.

Ratlose Kunden

Auf dem Weg in das Zeitalter ohne Kassierer brauchen die Kunden in Unterhaching noch einige Betreuung. "Man muss schon viel helfen", sagt Mitarbeiterin Benita Nzanzala. "Oh, da blinkt es schon wieder." Sie eilt zu einem Terminal, an dem ein Kunde ratlos auf den Bildschirm starrt. Er hat die gescannte Ware in seinen Einkaufskorb gelegt und nicht aufs Fließband - unter dem Fließband aber ist eine Kontrollwaage versteckt, die das Gewicht des Artikels ein zweites Mal checkt.

Eine dicke Melone von mehr als fünf Kilogram bereitet sogar den Mitarbeitern Kopfzerbrechen. Die Waage am Terminal ist wie die Waage im Gemüsebereich dafür nicht ausgelegt. Eine Mitarbeiterin bringt die Frucht schließlich in die Metzgereiabteilung - dort ist die Waage groß genug, und der Kunde Daniel Häusser kann seine Melone einpacken. Der Informatiker nutzt stets die Self-Scan-Kasse. Lästig findet er, wenn er auch dort warten muss - weil jemand Anlaufprobleme hat.

Neues System ersetzt Kassierer

Viele Neulinge steuern allerdings sicher und ohne Hilfe durch ihren ersten Do-it-yourself-Einkauf. "Ich bin an solche Systeme gewöhnt", sagt Alexander Rieger. Der Sachbearbeiter ist Bahnkunde - wer es schafft, durch das Menü der Ticket-Automaten zu kommen, wird auch am Kassenautomaten nicht scheitern. Aus Neugier hat Markus Ramm einen Abstecher in den Unterhachinger Markt gemacht. Sein Interesse ist auch beruflich motiviert, er ist im Softwaremarketing tätig. Auch er klickt sich problemlos durch den Einkauf. Sein Kommentar: "Cool." Bei einer Kundin regt sich hingegen das soziale Gewissen. "Es macht Spaß", sagt Heike Kapinksi. "Aber wenn man an die Leute denkt, die dadurch arbeitslos werden."

Die Handelsunternehmen versichern aber, dass keine Jobs wegfallen. Die Terminals seien zusätzlich vor allem für kleinere Einkäufe installiert worden, um in Spitzenzeiten den Ansturm aufzufangen. Sie hätten auch einen psychologischen Effekt: "Man hat nicht das Gefühl des Wartens", sagt Metro-Sprecher Albrecht von Truchseß. "Beim Personal gibt es keine Auswirkungen - wir haben nicht vor, in irgendeinem Markt die normalen Kassen komplett zu ersetzen." Auch Andreas Simmel, Sohn des Firmengründers Peter Simmel und zuständig für die Expansion in Süddeutschland, sieht keine vollelektronischen Kassen. Es gehe auch um den persönlichen Kontakt zum Kunden.

Nächste Generation von Kassen wartet

In weiterer Zukunft werden die Kunden sich nicht mehr mit dem Scannen ihrer Waren aufhalten müssen. Bei der neuen Technik namens Radiofrequenzidentifikation (RFID) signalisiert ein Chip den Preis, der Kunde schiebt den Einkaufswagen durch die Schranke und bekommt die Rechnung. In einem Kaufhof in Nordrhein-Westfalen hat Metro die Technik schon getestet. Datenschützer fürchten dabei einen weiteren Schritt in Richtung gläserner Kunde. Doch bis die Technik ausgereift ist und in Supermärkten Einzug hält, werden mindestens zehn Jahre ins Land gehen. Truchseß: "Im Kundenbereich muss das hundertprozentig zuverlässig sein."

Sabine Dobel/dpa / DPA
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