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Meinung

Neuer Champions-League-Modus: Kampf ums Fußballwochenende – wie Bayern und der BVB mit ihrem Egoismus die Liga spalten

Im europäischen Fußball tobt gerade ein Kampf um Macht und Milliarden. Wer nicht will, dass die Bundesliga stirbt, darf die Kröten von Rummenigge und Watzke nicht schlucken. Ein Appell, warum wir gerade jetzt das Fußballwochenende schützen müssen.

Choreo Dortmund-Fans

Eine Choreo der Dortmunder-Fans beim Spiel gegen den VfL Wolfsburg zeigt, was auf dem Spiel steht, wenn die neuen Fußball-Pläne Wirklichkeit werden

DPA

Die Fans auf der Dortmunder Südtribüne haben in der Regel ein gutes Gespür – und das nicht nur, wenn es um die Schwingungen in ihrem eigenen Verein geht. Beim Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg zeigten sie eine ebenso beeindruckende wie rührende Choreo: "Als Kind bin ich mit meinem Vater gekommen. Und der wurd' auch schon von seinem mitgenommen", hieß es unter einer gewaltigen Papp-Konstruktion, die Vater und Sohn nebeneinander vor einem Stadion-Wellenbrecher zeigt.

Das Plakat macht deutlich, worum es in der aktuellen Diskussion um die Reform der Champions League geht: um das Fundament all dessen, was diesen Sport ausmacht. Tradition. Begeisterung. Leidenschaft. Ein Leben lang.

Der Grundstein für die Liebe zu diesem Spiel, das haben die Fans des BVB auf den Punkt gebracht, wird im Stadion gelegt. Am Anfang auf einem holprigen Ascheplatz irgendwo in Niebüll oder Niedernkrüchten. Und später dann, tatsächlich meist an der Hand des Vaters oder Großvaters, auf den Sportplätzen in Unterhaching, Altona und Osnabrück, ehe es irgendwann zum ersten Mal in die ganz großen Arenen auf Schalke oder beim HSV geht.

Wir alle sind Kinder der Bundesliga

Wir alle sind solche Kinder der Bundesliga, können uns mühelos an unser erstes Spiel im Stadion erinnern. Dann sind wir vielleicht selbst Väter, Mütter, Großväter und Großmütter geworden, die den Fußball groß gemacht und am Leben gehalten, die Fackel weitergereicht haben. Die samstags auf der Tribüne standen. Oder wenigstens die Konferenz im Radio gehört und später die "Sportschau" geguckt haben. Und ja: Die dann womöglich irgendwann auch ein Sky- oder Dazn-Abo abgeschlossen haben.

Aber – und das vergessen die Funktionäre in ihren Planspielen zur schönen, neuen Fußball-Welt: Um tatsächlich ein zahlender Kunde zu werden, den man dann mit immer neuen Abo- und Anstoßzeiten melken kann, muss man erst einmal zum Liebhaber geworden sein.

Doch wie soll das gehen in diesen Tagen? Der Fußball zeigt sich einmal mehr als herzloses Business, in dem ein gewaltiger Macht- und Geldverteilungskampf tobt mit immer neuen Wettbewerben und Spieltagsmodellen: Nations League und die EM 2020 in zwölf europäischen Städten sind bereits fix. Das Aufblasen der Winter-WM 2022 in Katar auf 48 Teams so gut wie. Am Horizont droht ab 2024 die Champions League mit Spieltagen am Wochenende. Oder, Gott bewahre, Infantinos mit dubiosen Saudi-Milliarden gepimpte Weltliga für Nationalteams.

Asiatischer Markt statt Bundesliga

Wer will das? Wer braucht das?

Die Bosse der mächtigen Europäischen Klub-Vereinigung schielen auf die TV-Milliarden aus China und aus Übersee. Doch in ihrer Gier auf neue Märkte verprellen sie ihre treuen Bestandskunden. Die Geduld der Fans, das haben die Proteste anlässlich der Montagsspiele gezeigt, ist längst zu Ende. Das Gefühl, bloß noch als Stehplatz-Staffage gebraucht zu werden bei einer Aufführung, die ihr Publikum "auf dem asiatischen Markt" finden soll.

Es ist Zeit, diesen Unmut gerade jetzt laut und deutlich zu artikulieren. Denn die Methode, mit der am Fußball geschraubt wird, ist immer die gleiche: Bei irgendeiner Tagung in Zürich oder Nyon wird etwas ausgeheckt, was das Spiel angeblich attraktiver machen soll. Weil die Neuerung aber erst in ein paar Jahren greift, bleibt die Kritik verhalten. Jahre später dann, wenn die Umsetzung der neuen Wahnidee droht, kommt es zu empörten Protesten, die dann aber nichts mehr bewirken können.

Dass die Treiber der aktuellen Champions-League-Diskussion im Süden Europas zu finden sind, ist verständlich. Die Ligen in Frankreich, Italien und Spanien haben – abgesehen von den Duellen der großen drei, vier Teams - längst nicht die sportliche Strahlkraft von Bundesliga und Premier League. Doch spätestens nach dem TV-Auftritt von Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke am Wochenende ist klar geworden, wo Bayern und Dortmund in diesem Milliarden-Poker stehen: nämlich an der Seite von Barca und Juventus und nicht der von Freiburg und Frankfurt.

Den Top-Klubs beim Geldverdienen zuschauen - wollen wir das wirklich?

Die "ein oder andere Kröte" (Rummenigge) werde man schlucken müssen, sonst sei man "in letzter Konsequenz nicht mehr dabei" (Watzke), heuchelten die Bosse der beiden Liga-Krösusse bei "Wontorra". Doch wobei eigentlich? Wer soll Spaß daran finden, den großen europäischen Klubs beim Geldverdienen zuzuschauen?

Nur einmal zur Klarstellung: Die Kröte, von der Rummenigge spricht, das ist dann ab 2025  womöglich samstags ein Champions-League-Achtelfinale Barca gegen Liverpool im Pay-TV, während gleichzeitig um 15.30 Uhr die Partie Freiburg gegen Mainz angepfiffen wird. Logisch, dass das die Bundesliga umtreibt, Liga-Boss Christian Seifert gar juristische Schritte angekündigt hat. Unklar allerdings gegen wen und vor welchem Gericht er klagen will.

Der Reiz des Europapokals war immer das Besondere, das Einzigartige. Selige Zeiten, als Bayern gegen Ajax oder Gladbach gegen Liverpool Mittwochabends unter Flutlicht ihre Schlachten im Europapokal der Landesmeister geschlagen haben. Warum schwärmen die Menschen 40 Jahre später immer noch von diesen legendären Spielen, während man gleichzeitig Probleme hat, sich an den ersten Gewinner der Uefa Champions League 1993 zu erinnern (na, gewusst? Olympique Marseille, nach einem 1:0 gegen AC Mailand.) Selbst ein Kracher wie Bayern gegen Liverpool wird langweilig, wenn er alle Nase lang stattfindet, weil es im neuen, exklusiven Champions-League-Zirkel keine Absteiger geben darf, damit die Klubs auch ihre Planungssicherheit in Sachen Milliarden haben.

Natürlich ist auch in der Bundesliga jede Menge Schwarzbrot dabei. Bayern-Meisterschaften in Serie, zum Teil mit mehr als 20 Punkten Vorsprung, lähmen die Liga. Und mit einer Partie wie Hannover gegen Augsburg wird man nur schwer auf dem asiatischen Markt punkten. Aber garantiert wird auch zu diesem Spiel wieder ein Vater ins Stadion gehen, der zum ersten Mal seinen Sohn an der Hand hat. Und Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke täten gut daran, sich daran zu erinnern.

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