VG-Wort Pixel

1000 Kilometer mit dem Segelflugzeug Der ungebrochene Rekordflug, der fast an einer Banane scheiterte

Kurs des Segelflugzeugs von Hamburg nach Frankreich
Von Hamburg bis an die französische Atlantikküste: Klaus Tesch flog die Strecke 1972 in zehn Stunden mit einem Segelflugzeug. Ein Rekordflug.
© stern.de
Vor 50 Jahren hatte Klaus Tesch eine kühne Idee: Er wollte von Hamburg an die französische Atlantikküste fliegen - mit einem Segelflugzeug. Sein Reiseproviant hätte ihm fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. 

Die 100 Meter Sprintdistanz erstmals unter zehn Sekunden laufen, den Speer über zuvor unerreichte 100 Meter werfen – Sportler sind Getriebene auf der Suche nach neuen Grenzen. So war es auch vor 50 Jahren bei Klaus Tesch. Er wollte 1972 von Hamburg nach Ancenis an der französischen Atlantikküste fliegen – mit einem Segelflugzeug. Über 1000 Kilometer ohne Motor, GPS und allein im engen Cockpit.

"Schon die Idee für einen solchen Flug in unseren Breiten zu haben und das Vorhaben dann auszuarbeiten, ist schon extrem beeindruckend", sagt Sebastian Huhmann. Der schlanke Hamburger weiß genau, wovon er spricht. Huhmann ist Pilot bei der Lufthansa, seit seiner Jugend leidenschaftlicher Segelflieger und Freund seines Mentors Klaus Tesch.

Die magische 1000 Kilometer-Distanz hatte bis dahin weltweit nur eine Handvoll Flieger gemeistert, zwei Amerikaner 1964 und 1968 waren die Ersten. Und dann kam Klaus Tesch am 25. April 1972. Das Datum solcher Rekordflüge setzt nicht der Pilot, sondern die Wetterlage. Segelflugzeuge brauchen Thermik, diesen aufsteigenden Schlauch erwärmter Luft, in dem sie sich kreisend nach oben schrauben. Doch für die angepeilte Rekordstrecke war nicht nur 1000 Kilometer verlässliche Thermik notwendig. Ohne andauerndes Anschieben von hinten war die Strecke nicht zu schaffen. Tesch brauchte einen anhaltenden, ordentlichen Rückenwind.

Wärme ist relativ - die Nordsee als Herdplatte

Zwei Tage vor dem Flug bahnt sich über der Arktis die passende Wetterlage an, wie es sie schon damals nur zwei oder drei Mal pro Jahr gab und heute durch die Klimaerwärmung nicht mehr vorkommt. Es ist eiskalt, die Ostsee zugefroren. Polarluft strömt über die Nordsee nach Mitteleuropa. Das mit sechs Grad "warme" Meer wirkt auf die eisige Luft wie eine gigantische Herdplatte. Neben der Wärme nimmt die Luft auf ihrem Weg nach Südwesten auch eine Menge Feuchtigkeit mit, aus der dann später über dem Festland wunderschöne dicke Wattewolken werden würden. Erst sie zeigen dem Segelflieger die Thermik an.

"Das Flugzeug von Klaus war State-of-the-Art", beruteilt Huhmann die Rolladen-Schneider LS1c. Das elegante Flugzeug war erst seit knapp vier Jahren auf dem Markt. 15 Meter Spannweite, Einziehfahrwerk und komplett aus Glasfaser gefertigt, statt aus mit Stoff bespannten Stahlrohren. Gute 20 Jahre später lieh Tesch seinem Flugschüler Huhmann den Flieger aus: "Es war sicher keine Strafe, zehn Stunden in diesem Cockpit zu sitzen", erinnert er sich. Gleichwohl sitzen nicht das passende Wort ist, in solchen Leistungsflugzeugen liegt der Pilot eher mit leicht angewinkelten Beinen.

In den frühen Morgenstunden des 25. April musste es auf dem Segelflugplatz in Hamburg-Boberg alles sehr schnell gehen. Tags zuvor zogen noch Schneeschauer über den Norden. Auf deren Rückseite, so versprachen die Meteorologen der Hamburger Wetterwarte, komme die erhoffte Thermik und der kräftige Rückenwind.

Der Rekordflug beginnt in nur 300 Meter Höhe

Um 08:30 zieht die Winde die LS1 von Klaus Tesch in den Himmel. Als sich das Seil löst, ist er lediglich 300 Meter hoch. Nicht viel. Tesch findet jedoch sofort gute Thermik, kreist sich in die Höhe und nimmt Kurs auf Frankreich. An Bord einen Stapel Flugkarten, Wasser und eine Banane, die ihm Stunden später fast den Rekord kosten sollte.

"Auf Strecke zu gehen, heißt bekanntes Gebiet zu verlassen und laufend die Position zu überprüfen. Ohne GPS nur mit Karte in der Hand und den Augen am Boden ist das schon eine echte Herausforderung", weiß Huhmann. Zumal die Augen ja nicht nur den Boden nach Landmarken absuchen, sondern auch die Luft nach neuer Thermik und die Karte nach Lufträumen. Manche dieser unsichtbaren Grenzen dürfen nur in bestimmten Höhen, einige gar überhaupt nicht durchflogen werden. 

Nervenkrimi im Segelflugzeug nahe Paris

Über Frankreich in unmittelbarer Nähe zum geschäftigen Pariser Luftraum, war Tesch vollauf mit Navigation beschäftigt, keinesfalls wollte er Luftraumbestimmungen verletzten. Und plötzlich befand er sich in nur noch 250 Metern Höhe. In dieser Lage heißt es für jeden Segelflieger eigentlich,  einem geeigneten Acker zu suchen und sich auf die Außenlandung vorzubereiten. In letzter Minute sah Tesch an der Seine eine Häusergruppe im prallen Sonnenlicht, auf die der Wind stand. Wenn Wolken keine Thermik anzeigen, dann sind es gelegentlich solche Zeichen auf dem Boden. Expertenwissen. Der Wind blies die von den Hauswänden aufgewärmte Luft nach oben, Tesch kurvte seinen Segler ein und ließ sich kreisend von 250 auf 1800 Meter nach oben tragen. Gerettet. Eine Nervenprobe. Und genau hier beginnt der Sport.

"Man setzt sich nicht in ein Segelflugzeug und fliegt zehn Stunden. An solche Flüge tastet man sich über Jahre heran. In der Ausbildung erst eine und dann zwei Stunden am Platz, später drei  Stunden auf den ersten kleinen Streckenflug. Wenn man das Handwerk Fliegen beherrscht, steigert man sich auf fünf Stunden und mehr", erklärt Sebastian Huhman, der als Fluglehrer beim Hamburger Aero Club HAC den Nachwuchs ausbildet – dem Platz von dem Klaus Tesch einst startete. Körperliche Fitness sei auch wichtig, so Huhmann, ihm helfe Ausdauersport.

Eine Banane beendet fast den Rekordflug

Segelfliegen bedeute, stets hellwach zu sein. "Gerade lange Strecke fordern einem laufend Entscheidungen ab. Es ist wie Schach in der Luft. Seine Lage beurteilen, Instrumente deuten, Optionen, Chancen und Risiken abwägen, mehrere Züge vorausplanen", fasst Huhmann seine Erfahrungen aus tausenden Flugstunden zusammen. Mentale Schwerstarbeit, die nur jemand leisten kann, der über das Fliegen selbst nicht mehr nachdenken muss.

Kein Problem für Tesch. Er hat Hunger und genießt die Banane. Die Schale entsorgt er durch das winzige Schiebefenster auf seiner linken. Doch die Flugbahn des Biomülls endet abrupt an der Vorderkante der Tragfläche. Dort, wo schon Insektenleichen die Flugleistungen der empfindlichen LS1c spürbar verschlechtern, klebt nun eine Banane. Bliebe sie an Ort und Stelle, könnte sie zum Ende des Rekordfluges führen. Ein aerodynamischer GAU. Vergeblich versucht er, mit dem Arm die Schale zu erreichen. Keine Chance. Abrupte Flugbewegungen sind zu risikoreich. In seiner Not nimmt er eine der Flugkarten und verdreht sie in seinem schmalen Cockpit zu einem Stab. Das Papier hält dem Fahrtwind tatsächlich stand und Tesch kratzt die Umhüllung des energiereichen Snacks von der Fläche. Filmheld McGuyver hätte es nicht besser machen können.

Mittlerweile hat er Le Mans passiert und ist auf gerader Strecke Richtung Ancenis. Noch 250 Kilometer liegen vor ihm, es ist später Nachmittag. Da er Richtung Westen fliegt, verlängert sich die Zeit bis zum Sonnenuntergang. Die wärmende Sonne braucht er nicht nur wegen der Thermik, er muss bei Licht auch den Flugplatz finden. Ohne Landung auf dem angekündigten kleinen Flugfeld würde die gesamte Unternehmung als Zielflug nicht anerkannt werden, so das Regelwerk. Wie beim Motorsport oder Segeln gibt es auch beim Segelflug offizielle Meisterschaften auf nationaler und internationaler Ebene. Tesch wollte den Zielflug-Weltrekord erringen. Dafür hatte er einen zuvor festgelegten Flugplatz zu erreichen. Am gleichen Tag flog Hans-Werner Grosse 1490 Kilometer von Lübeck nach Biaritz. Grosse flog ohne konkretes Ziel, soweit er eben konnte. In der Sprache der Regularien heißt das freie Strecke. Zwei Weltrekorde für sich.

Mit der Autokarte auf der Suche nach dem Ziel

In 1400 Metern Höhe gleitet die weiße LS1 schließlich über die französische Kleinstadt an der Loire hinweg. Tesch sieht angestrengt aus der Vollsichtkanzel. Er hat keine Ahnung, wo er nach dem Flugplatz suchen soll. Nördlich der Stadt, hieß es von einem befreundeten Segelflieger. Eine Flugkarte der Region hat er nicht dabei, nur eine handelsübliche Straßenkarte, auf der der Platz nicht eingezeichnet war.

Schließlich entdeckt er eine Schießanlage, wie er sie vom Bundeswehrflugplatz Hamburg-Uetersen her kennt. Die Landebahn müsste parallel zur Schießbahn verlaufen, schätzt Tesch. Erst im letzten Augenblick, im Eindrehen auf eine Wiese mit einer Holzhütte, erkennt er ein weißes "A" auf dem Dach: Aerodrome. Er hat es geschafft. 1050 Kilometer in zehn Stunden in einem Flugzeug ohne Motor.

Klimawandel, Zeitmangel, Luftverkehr - solche Flüge gibt es nicht mehr

Ein halbes Jahrhundert später sind 1000 Kilometer für einen Segelflieger noch immer ein Grund für eine Feier, jedoch eine, die immer häufiger begangen wird. Auch Sebastian Huhmann hat schon ein paar 1000er hinter sich. Die Segelflugzeuge sind in den vergangenen Jahrzehnten viel leistungsfähiger geworden. Dank GPS kennt der Pilot auf den Meter genau seine Position, wird automatisch vor Luftraumgrenzen gewarnt, digitale Instrumente zeigen ihm die Windrichtung an und der Computer errechnet, ob er sein Ziel überhaupt erreichen kann.

Rekordflieger Klaus Tesch vor einem Segelflugzeug heute
Rekordflieger Klaus Tesch heute
© privat

Dennoch oder vielleicht gerade deswegen bleiben Rekordflüge wie die von Klaus Tesch einzigartig. Heute werden gerade Strecken auf ein weit entferntes Ziel nicht mehr geflogen. Nicht nur wegen der Wetterlage. Der Luftraum über Europa ist viel stärker reglementiert als damals. Ein "immer geradeaus den Wolken nach" ist nicht mehr möglich, schon gar nicht über Landesgrenzen. Daher werden auf Wettbewerben Dreiecke geflogen, an deren Ende der Pilot wieder auf dem Startflugplatz landet. Das spart allen Beteiligten Zeit. Nicht auf der Heimatbasis landende Segler müssen schließlich mit dem Auto wieder nach Hause geholt werden. Im Fall von Klaus Tesch waren das 1000 Kilometer hin und 1000 zurück, mit 100 km/h wegen des zehn Meter langen Spezial-Anhängers. So viel Zeit habe heute keiner mehr, so Huhmann.

Doch all die Technik nützt nichts, wenn hinter den Kontrollen ein ungeübter Pilot sitzt.  "Was mir große Freude bereitet ist, als Fluglehrer die Einsteiger an das Segelfliegen heranzuführen", sagt Sebastian Huhmann. Wer auf den Spuren von Klaus Tesch wandeln möchte, kann das in Hamburg-Boberg jedes Wochenende zwischen April und Oktober tun. Um 08:00 ist "aushallen".

Mehr zum Thema

Newsticker